Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Abschluss-Report zum Antonow-Brand: Technische Mängel, später Löscheinsatz

49.000 Küken verbrannt Abschluss-Report zum Antonow-Brand: Technische Mängel, später Löscheinsatz

Nach dem Totalschaden einer Frachtmaschine in Leipzig im Jahr 2013, bei dem 49.000 Küken verbrannten, liegt nun der Abschlussbericht vor. Der Brand war nicht aufzuhalten, der Einsatz der Flughafenfeuerwehr verlief nicht optimal.

Die Reste der ausgebrannten Antonov am Flughafen Leipzig/Halle.

Quelle: dpa

Leipzig. Es war eine Verkettung tragischer Ereignisse, die im Sommer 2013 auf dem Flughafen Leipzig/Halle zum Brand eines ukrainischen Transportflugzeuges, zum Totalschaden und dem qualvollen Tod von 49 000 Küken führte. Technische Mängel hatten den Brand am sogenannten Chickenliner ausgelöst. Es kam aber auch zu unnötigem Zeitverlust bei der Alarmierung der Flughafenfeuerwehr. Zu diesem Schluss gelangt die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig dreieinhalb Jahre später. Der Abschlussbericht zeigt aber auch: Es hätte noch viel schlimmer kommen können.

Eine Antonow AN-12 der Fluggesellschaft Ukraine Air Alliance aus Stockholm landet am Abend des 8. August 2013 und wird in der Nacht zum Weiterflug in den Nordkaukasus (Russland) vorbereitet. Ab Mitternacht werden 49 000 frisch geschlüpfte Hühnerküken verladen und 22 800 Liter Treibstoff getankt. Gegen zwei Uhr in der Früh beginnt die siebenköpfige Besatzung mit dem Anlassen der Triebwerke. Dabei fängt eine im Rumpf verbaute Hilfsturbine Feuer.

Besatzung versucht mit Bordmitteln zu löschen

Die Besatzung bemerkt den Brand, schaltet die Triebwerke ab und versucht die Flammen mit der bordeigenen Löschanlage und drei Handfeuerlöschern aus dem Cockpit unter Kontrolle zu bringen. Beides schlägt fehl. Das Feuer greift mit rasender Geschwindigkeit auf den Frachtraum über. Unter dem brennenden Rumpf breitet sich eine Kerosinlache aus.

Der Bordfunker meldet um 2:07:45 Uhr den Brand an den Kontrollturm und fordert die Feuerwehr an. Um 2.08 Uhr wird vom Tower aus die Feuerwache Ost und 33 Sekunden später die Feuerwache West alarmiert. Die Besatzung verlässt die Maschine aus dem vorderen Notausstieg unterm Cockpit und bringt sich in Sicherheit. Um 2.12 Uhr erreicht der erste Löschtrupp die Unglücksstelle und setzt Schaumlöscher ein. Brennende Magnesiumteile entwickeln Temperaturen bis zu 3000 Grad Celsius. Wegen der extremen Hitze kommt es zu Verpuffungen und Knallgasexplosionen. Die prall gefüllten Tanks in den Tragflächen werden stundenlang mit Wasser gekühlt.

2013 ging am Flughafen Leipzig/Halle eine Antonov in Flammen auf. Geladen hatte die Maschine 49.000 Küken. Die Tiere erleiden einen qualvollen Tod. (Bilder: dpa)

Zur Bildergalerie

BFU-Gutachtern, die am Morgen darauf in Leipzig eintrafen, bietet sich ein verheerender Anblick. Das Flugzeug ist komplett ausgebrannt. Die Tragflächen und das Heck sind heruntergefallen, das Cockpit ist vom Restrumpf abgetrennt, der Laderaum weggeschmolzen. Das Wrack ist zu großen Teilen mit Schaum bedeckt. In den Tragflächen befindet sich aber noch Treibstoff. 10 000 Liter werden vor Ort abgepumpt. Der Stellplatz-Beton ist großflächig beschädigt.

Die Brandursache lässt sich aufgrund des hohen Zerstörungsgrades nicht exakt rekonstruieren. Möglicherweise sei das Verdichterrad der Hilfsturbine zersprungen, woraufhin herumfliegende Teile Kraftstoffleitungen durchtrennten, so die Experten. Ebenso könnten Bruchstücke die Treibstofftanks im Flugzeugboden beschädigt haben. Jedenfalls war die Hilfsturbine „nicht ausreichend gegen das übrige Flugzeug abgeschottet“, urteilen die Gutachter. Sie sei sechs Jahre zuvor von einer Fremdfirma überholt und erst 2012 in die Unglücksmaschine eingebaut worden. Bis zu seiner Zerstörung war das Flugzeug 11 219 Stunden geflogen und hatte 5410 Flüge absolviert.

Defizite beim Feuerwehreinsatz

Der Feuerwehreinsatz ist nicht optimal gelaufen. Erst durch Nachfragen der zuständigen Feuerwehr West beim Kontrollturm wird das bis dahin unklare Einsatzziel bekannt. „Diese Art der Alarmierung – Trennung von Alarmierung und anschließende separate Bekanntgabe des Einsatzziels – hat sich als ungünstig erwiesen, da es zu falschen Zuordnungen und Zeitverzögerungen kommen konnte“, urteilen die Bundesbeamten.

Fazit: Das erste Löschfahrzeug trifft erst vier Minuten nach der Alarmierung an der brennenden Maschine ein, eine reichliche Minute später als vorgeschrieben. „Es war der Feuerwehr nicht möglich das Flugzeug zu retten, da der Durchbrand bereits zum Zeitpunkt der Alarmierung erfolgt war und das Feuer sich während der Reaktionszeit zum Vollbrand entwickelt hatte“, heißt es im Bericht.

Die Flughafenleitung wertet den damaligen Einsatz als Erfolg, „da keine Besatzungsmitglieder oder Einsatzkräfte durch das Feuer zu Schaden kamen“, wie eine Flughafensprecherin gestern auf Anfrage mitteilte. Die Maschine sei nach dem rasant entstandenen Vollbrand nicht zu retten gewesen. Durch den Einsatz von 4000 Litern Schaummittel und 70 000 Litern Wasser sei das Feuer gelöscht worden, bevor das gesamte Kerosin in den Tanks in Flammen aufging und das Feuer auf nebenan geparkte Flugzeuge übergreifen konnte. „Es erfolgte eine erfolgreiche Schadensbegrenzung“, resümiert Evelyn Schuster.

Konsequenzen: „Aus unserer Sicht sind die damaligen Mängel in Leipzig abgestellt und Wiederholungen ausgeschlossen“, sagte BFU-Sprecher Gernout Freitag gestern. Eine Sicherheitsempfehlung gegenüber der Flughafenfeuerwehr sei nicht erfolgt, da im März 2015 ein neues Alarmierungssystem eingeführt wurde, um Zeitverzögerungen bei der Übermittlung des Einsatzortes auszuschließen. Zudem werden häufiger Alarmübungen durchgeführt, bei denen die Kommunikation zwischen Tower und Feuerwehr trainiert wird. „Seitens des Flughafens besteht kein weiterer Handlungsbedarf hinsichtlich erforderlicher Anpassungen, die durch die BFU beauflagt wurden“, ließ die Airport-Chefetage gestern verlauten. Ob nach dem nun vorliegenden Abschlussbericht Schuld- oder Haftungsfragen zwischen dem Flughafen und der ukrainischen Fluggesellschaft zu klären sind, blieb zunächst unklar.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Gutes von hier

    Das regionale Schaufenster mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Leipziger Raum - von traditionell bis innovativ. Gutes von hier eben! mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr