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Ägypten im Ausnahmezustand: Leipziger Familie lebt mittendrin

Ägypten im Ausnahmezustand: Leipziger Familie lebt mittendrin

Keine zwei Wochen ist es her, dass die Leipziger Volkszeitung über Familie Viehweger und ihr abenteuerliches Vorhaben, zwei Jahre lang in Ägypten zu leben, berichtete.

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Abflug in Berlin-Schönefeld: Jessica und Jan Viehweger reisten mit Tochter Maila in das arabische Land, um hier zwei Jahre zu leben.

Quelle: Privat

Leipzig/Alexandria. "Wir wissen um unsere Naivität", sagte Jan Viehweger damals. Nun sind sie mitten im ägyptischen Ausnahmezustand gelandet.

Am Morgen des 14. Augusts kamen die jungen Eltern mit ihrer kleinen Tochter Maila in Alexandria an. Am Mittag desselben Tages erreichten erste Meldungen von Ausschreitungen in Kairo die europäische Öffentlichkeit. Es war der Mittwoch, an dem ägyptische Armee und Polizei gewaltsam zwei Protestlager der Anhänger des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi räumten, der vom Militär am 3. Juli abgesetzt wurde. Die junge Familie, die zuletzt in Leipzig wohnte, kam nach einer halsbrecherischen Autofahrt (ohne Gurt) vorbei an Checkpoints und in Stellung gebrachten Panzern unbeschadet in ihrer neuen Unterkunft in Alexandria an.

Das war allerdings schon das Gefährlichste, was sie an diesem Tag erlebten. "Wir wohnen in einem der ruhigeren Viertel westlich von Alexandria", schrieb Jan in einer E-Mail. "Die Situation ist hier allgemein sehr angespannt. In unserem Stadtteil ist es jedoch ruhig", heißt es darin weiter. Bis auf die Ausgangssperre, die, so Viehweger, vermutlich nur von den Deutschen eingehalten werde, haben die Viehwegers bisher wenig von den dramatischen Ausschreitungen mitbekommen. Im Allgemeinen seien die Ägypter ihnen gegenüber freundlich. Jan scheut auch den Kontakt nicht. Einmal fragte er einen Einheimischen, was mit dem kaputten Display seines Smartphones geschehen sei: "Das habe ich auf Mursi geworfen", antwortete dieser nur.

Der 35-jährige Webdesigner Jan Viehweger war die treibende Kraft der "Operation Ägypten". Seine Frau Jessica ist Grundschullehrerin. Als sie ihr Referendariat absolvierte, bekam sie ein Stellenangebot aus Alexandria, für das sich Jan in ihrem Namen bewarb. Die 28-Jährige erhielt eine Zusage und so beschlossen beide, nach Ägypten zu gehen. Dort soll die junge Mutter, vermittelt durch die Zentralstelle für Auslandsschulwesen, an einer privaten Grundschule unterrichten. Diese reagierte inzwischen sofort mit einem Ausreiseverbot für die noch in Deutschland befindlichen Lehrer. Darunter befindet sich auch Jessicas Schulleiter.

Ob die Viehwegers nun wieder nach Deutschland zurückkehren sollen, ist noch unklar. Eigentlich sollte am vergangenen Sonntag die Vorbereitungswoche für die angekommenen Lehrer beginnen. Aufgrund der Geschehnisse in Kairo wurde diese nun um eine Woche verschoben. Die Ägypter haben den Schulbeginn auf Oktober verlegt. Ansässige Lehrer berichten, dass es im Zentrum Alexandrias momentan sehr gefährlich sei. Was die Viehwegers davon mitbekommen, sind aus Angst vor Plünderungen geschlossene Geschäfte und leergeräumte Regale in denen, die noch offen haben. Nächtliche Gewehrsalven und abgeschaltete Geldautomaten. "Mal sehen, wie lange unsere vorsorglich am Flughafen getauschten Pfund noch reichen", bangt Jan. Alle drei sind wohlauf und bekommen von der Gewalt um sie herum nicht viel mit. "Wir hören zwar, was alles passiert, können aber nicht glauben, dass es in unmittelbarer Nähe zu uns geschieht. Es ist ein komisches Gefühl und irgendwie unwirklich", schreibt der Familienvater.

Im Moment belasten sie eher die großen und kleinen Herausforderungen eines Auslandsaufenthalts. Ihr Übergangsdomizil ist eine riesige 250-Quadratmeter-Wohnung, die seit zwei Jahren nicht bewohnt und daher auch nicht belüftet wurde. Alles ist vermodert und das Atmen fällt schwer. Kakerlaken und Ratten verstehen nicht, warum sie ihr zu Hause nun verlassen sollen. Erbrechende Hunde auf der Terrasse sind da das kleinere Problem. Auch sind die Rufe des Muezzin morgens um vier lauter als erwartet." Da steht man im Bett", so Viehweger. Spaßeshalber habe er einmal versucht, einen Mitschnitt mit seinem Smartphone zu machen - vergebens. Die Lautstärke sei so hoch, dass der Pegel übersteuert. Jan wird heute weiter ins Stadtzentrum fahren. Er ist auf der Suche nach neuen Wohngegenden und ein bisschen Normalität im ägyptischen Ausnahmezustand.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.08.2013

Katharina Deparade

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