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"Aggressive Wölfe würden wir zum Abschuss freigeben“

Interview mit Sachsens Umweltminister "Aggressive Wölfe würden wir zum Abschuss freigeben“

Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) will die Wolf-Population im Freistaat genauer unter die Lupe nehmen. Im Interview spricht er über Schutzmaßnahmen für Nutztiere und das schwierige Verhältnis von Wolf und Mensch.

Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) im Interview. (Archiv)

Quelle: Kempner

Dresden. Wölfe sind geschützt, aber nicht um jeden Preis. Zur Gefahrenabwehr könne ein Wolf zum Abschuss freigegeben werden, sagt Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU).

Tierhalter haben kürzlich in Bautzen für den Abschuss aggressiver Wölfe demonstriert. Wollen Sie den Wölfen die Schafzucht wirklich zum Fraß vorwerfen?

Nein, keineswegs. Der Wolf steht unter Schutz – nicht nur in Sachsen, sondern in fast ganz Europa. Unabhängig von seinem Vorkommen fördern wir aber auch die Schaf- und Ziegenhaltung und den Schutz der Herden. Schäfer machen eine schwere Zeit durch, die Preise für Fleisch und Wolle sind verfallen. Den stärksten Rückgang der Schafhaltung gab es allerdings schon in den 1990er-Jahren, also bevor die Wölfe überhaupt hierher zurückkamen. Dennoch nehmen wir die Sorgen der Menschen sehr ernst und sind mit den Schafzüchtern in engem Kontakt.

Sind Sie für den Abschuss aggressiver Wölfe, die ganze Herden zerfleischen?

Die Entscheidung, ob ein besonders auffälliges Tier aus der Natur entnommen wird, liegt immer bei der unteren Naturschutzbehörde des zuständigen Landratsamtes. Wenn sie schlüssig ist und die entsprechenden Voraussetzungen gegeben sind, dann werden wir einer Entnahme zustimmen. In Niedersachsen hatte ein Wolf jegliche Distanz zum Menschen verloren, reagierte aggressiv auf Hunde und wurde erlegt. Das würden wir unter den gegebenen Bedingungen genauso entscheiden.

Unter welchen Voraussetzungen genau?

Bei Wölfen, die hohe Nutztierschäden verursachen, müssen zunächst alle im Wolfsmanagementplan festgelegten Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden sein. Dazu gehört ein mindestens 90 Zentimeter hoher Elektrozaun mit Flatterband darüber rings um die Weide. Wenn ein aggressives Tier dennoch einfällt und Schafe reißt, dann würden wir zum beantragten Ab-schuss Ja sagen.

Und diese Voraussetzungen trafen bei den jüngsten Übergriffen in der Lausitz nicht zu?

Nein, die Umzäunung war nicht vollständig vorschriftsmäßig. Das haben aber nicht wir in Dresden entschieden. Das hat das Landratsamt Bautzen bei der Rissbegutachtung festgestellt und sich daher gegen eine Entnahme entschieden.

Wie zeitaufwendig muss man sich so ein Antragsverfahren auf verschiedenen Behördenebenen denn vorstellen?

Das geht bei schlüssiger Begründung recht unbürokratisch und schnell. Es wurden in den zurückliegenden Jahren übrigens auch schon bei Verkehrsunfällen verletzte oder blinde Wölfe aus dem Bestand entfernt.

Wer erledigt denn die Entnahme?

Das kann der Jagdausübungsberechtigte im jeweiligen Revier sein.

Und wenn er das ablehnt – etwa aus Gewissensgründen?

Dann wird eine andere Person beauftragt, in der Regel wird das ein Jäger sein.

Das könnte viel Zeit rauben, falls ein tollwütiger Wolf mal Menschen angreift ...

Dieser Fall ist äußerst unwahrscheinlich, da es sich um sehr scheue Tiere handelt und es derzeit in Sachsen keine Tollwut gibt. Bei Gefahr im Verzug würde aber das Polizeirecht greifen und die notwendigen Abwehrmaßnahmen vorschreiben. Das geht dann sogar noch schneller.

Sie sind als Minister sowohl für Naturschutz als auch für Landwirtschaft zuständig. Verursacht Ihnen das zuweilen innere Konflikte?

Beides muss sich gleichzeitig entwickeln. Eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft ist für alle Tierarten eine Herausforderung, alle müssen sich so gut es geht arrangieren. Mit Waschbären und Wildschweinen zum Beispiel gibt es viel mehr Probleme und Reibungspunkte, es kommt zu folgenschweren Unfällen. Dennoch wird die Rückkehr des Wolfes besonders emotional begleitet. Dem stellen wir uns, versuchen das Thema aber möglichst zu versachlichen. In Sachsen wird alles Erdenkliche für den Schutz der Menschen und Nutztiere getan. Keiner muss Angst vor dem bösen Wolf haben.

Das lässt sich der Freistaat aber auch einiges kosten: Wie viel „Begrüßungsgeld“ wird für den Wolf ausgegeben?

Im Schnitt investiert der Freistaat seit 2002 jährlich rund 300.000 Euro ins Wolfmanagement und in den Herdenschutz. Dazu gehört auch die Entschädigung der Schäfer für gerissene Tiere. Allerdings ist das kein „Begrüßungsgeld“, sondern Geld, das wir einsetzen, um Konflikte zu lösen, die sich durch die Rückkehr des Wolfes ergeben.

Aktuell soll es allein in Sachsen schon 14 Wolfsrudel geben, die sich vor allem in der Lausitz tummeln. Ist der Bestand damit nicht längst ausgereizt?

Der Wolf steht so lange unter strengem Schutz, bis der „gute Erhaltungszustand“ seiner Population erreicht ist. Deshalb wollen wir zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern bei der bis Freitag anberaumten Umweltministerkonferenz beantragen, dass der Bund den Stand der Gesamtpopulation untersucht. Das könnte die Argumentation erleichtern. Außerdem wollen wir zusammen mit Brandenburg ein Gutachten erarbeiten lassen, wie andere EU-Staaten mit dem Schutz der Wölfe umgehen, was dort rechtlich möglich ist und vielleicht noch effektiver als bei uns läuft.

Also finden Sie schon, dass mancherorts die Belastungsgrenze erreicht ist?

Ich sehe die Rückkehr der Wölfe nach Sachsen als großen Erfolg für den Artenschutz an. Aber die Frage, ab wann Wölfe nicht mehr so streng geschützt werden müssen, ist doch berechtigt. Wir werden den Wolf schützen, müssen aber auch immer die Interessen der Menschen im Blick behalten.

Interview: Winfried Mahr

Dresden 51.050409 13.737262
Dresden
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