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Angriff auf DDR-Sammler: Bilder, Pokale und Silber wurden einfach verscherbelt

Angriff auf DDR-Sammler: Bilder, Pokale und Silber wurden einfach verscherbelt

Der fast 80-Jährige konnte es nicht fassen. Die Fremden klebten in seiner Wohnung kleine rote Marken auf seine Bilder, auf Pokale, wertvolle Brieföffner, auf Biedermeier-Möbel.

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Eine goldene Krone, die aus dem Bestand des Bereiches Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des früheren DDR-Außenhandelsministeriums stammt. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Berlin. Die riesige Kunstsammlung von Helmuth Meißner aus Dresden wurde Anfang der 80er Jahre abgeholt und verschwand. Der alte Mann fand sich in der Psychiatrie wieder. Andere Sammler kamen in Untersuchungshaft - wegen angeblicher Steuerhinterziehung. Und die Stasi hatte überall ihre Hände im Spiel.

Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung sei die Enteignung privater Kunstsammler in der DDR und ihre Kriminalisierung durch die DDR-Oberen nicht aufgearbeitet, beklagt Frithjof Hampel vom Bundesverband vereidigter Sachverständiger. Der Verband, der bundesweit mehr als 4000 Experten vertritt, erörterte jetzt auf einem Kunstsachverständigen-Tag in Berlin dieses „fast vergessene Kapitel“ deutscher Geschichte.

Die rund 200 betroffenen Privatsammler in der DDR seien nie angemessen entschädigt worden - auch weil ihre Antiquitäten in den meisten Fällen verschwunden blieben, sagt der Berliner Anwalt Ulf Bischof. Der auf Kunstrecht spezialisierte Jurist vertritt die Erben von beschlagnahmten ostdeutschen Sammlungen. Die Meißner-Familie bekam nach der Wiedervereinigung einen kleinen Teil ihrer Sammlung zurück.

Die DDR-Führung war nicht zimperlich, wenn es darum ging, Geld zu beschaffen. So wurde Mitte der 60er Jahre der Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) gegründet, Chef war der hochrangige Stasi-Mann Alexander Schalck-Golodkowski. Nur dem Schein nach habe das geheime Imperium des Devisenbeschaffers zum Ministerium für Außenhandel gehört, sagt Bischof. KoKo habe außerhalb der Gesetze agiert und ins westliche Ausland alles verhökert, was Devisen brachte.

Mit einem Trick verleibte sich der SED-Staat da die kostbaren Privatobjekte ein, wie Anwalt Bischof sagt. „Das war das fingierte Steuerverfahren.“ Dagegen vorgehen konnten die Betroffenen nicht. „Finanz- und Verwaltungsgerichte gab es nicht in der DDR.“

Private Liebhaber von Antiquitäten hätten nicht so recht ins Bild der sozialistischen Gesellschaft gepasst, sagt Bischof. Der Jurist verweist auch auf die ambivalente Haltung etlicher DDR-Museen. „Einerseits wurde der Kunst-Ausverkauf kritisiert. Andererseits gab es das Interesse, beschlagnahmte Stücke aus Privatsammlungen zu erwerben.“ Ironie der Geschichte: Das sei im eigenen Land aber nur mit harten Devisen und nicht mit DDR-Mark möglich gewesen.

Laut Sachverständigenverband wurden private Sammler kurzerhand zu kommerziellen Kunsthändlern und deren Aktivitäten zu gewerblichem Handel erklärt. Plötzlich mussten sie Steuern für jedes Objekt zahlen, der willkürlich festgesetzte Wert sei meist astronomisch gewesen. Die hohen Summen hätten die meisten nicht aufbringen können.

Es blieb nur eins: Die Steuerlast durch den Verkauf unter Wert der privaten Kunstgegenstände an den Staat zu tilgen. „Das war ein effizientes Geschäft für die Planwirtschaft“, fasst Jurist Bischof sarkastisch zusammen. Allein aus Kunstexporten über KoKo habe die DDR jährlich 30 bis 40 Millionen D-Mark eingenommen, sagt der 40-Jährige. Auch antiquarische Bücher aus aufgelösten oder verstaatlichten Bibliotheken seien in Massen in den Westen verscherbelt worden.

„Es war ein perfider Kuhhandel“, meint Sachverständiger Hampel. Man könne aber nicht von einer allgemeinen Beteiligung westdeutscher Kunsthändler ausgehen. Anwalt Bischof ergänzt, für die KoKo-Akteure habe es keine strafrechtlichen Konsequenzen gegeben. Die beiden Experten sagen: Alle, die in Ost und West in die dubiosen Kunstgeschäfte verstrickt waren, sollten sich wenigstens zu moralischer Mitschuld bekennen.

Jutta Schütz, dpa

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