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Anja Walczak kämpft mit Humor und Buch gegen Hirntumor

Hallische Journalistin Anja Walczak kämpft mit Humor und Buch gegen Hirntumor

Als MDR-TV-Redakteurin berichtete Anja Walczak (44) häufiger über schwere Krankheiten und Schicksale aus Arztpraxen und Krankenhäusern. Plötzlich erhält die Hallenserin selbst die Diagnose Gehirntumor – innerhalb von acht Jahren sogar zwei Mal. In dem Buch „Feinde in meinem Kopf“ beschreibt sie ihren Umgang mit der Krankheit.

Anja Walczak während der Bestrahlung: Um sich auf andere Gedanken bringen, stellte sie sich vor, in einem Raumschiff zu liegen.

Quelle: privat

Leipzig/Halle. LVZ: „Feinde in meinem Kopf“ ist, wenn auch kein lustiges, so doch ein zum Teil lustig geschriebenes Buch. Wie bewahrt man sich trotz der Diagnose Gehirntumor diesen Galgenhumor?

Anja Walczak: Kranke sind eben auch bloß Menschen. Und ich lache nicht weniger gerne, nur weil ich krank bin. Für meinen Galgenhumor sorgen schon andere. Ein Beispiel? Ich warte in den Katakomben des Krankenhauses auf meine erste Bestrahlung. Währenddessen stelle ich zwei Dinge fest. Erstens: Ich bin umgeben von Menschen, die halbtot aussehen. Zweitens: Es gibt im Vorhof zur Hölle kostenfrei Wasser im Angebot. Ich greife zur Flasche und was steht auf dem Etikett? Höllensprudel! Da hab ich mich halb totgelacht. Anderes Beispiel: In Woche drei begann der Haarausfall. Ich erzähle das meinem Vater am Telefon. Er will mich trösten und sagt was zu mir? Mach dir keine Platte! Erst im nächsten Moment ist ihm bewusst geworden, was er da gesagt hat. Doch da hatte ich schon längst vor Lachen den Telefonhörer fallen lassen.

Sie gehen ins Sonnenstudio, wenn Sie zur Bestrahlung müssen. Ihren Haarausfall kommentieren Sie mit den Worten: Smilies haben auch keine Haare – bringt das einen wirklich auf andere Ideen?

Das ist mein Rezept und nicht mal verschreibungspflichtig. Im Bösen etwas zu finden, was einem den Schrecken nimmt. Da helfen Phantasie und angenehme Vergleiche. Als ich auf der Liege im Strahlenkeller festgeschnallt wurde und die riesigen Gerätschaften sah, hatte ich natürlich zuerst Angst. Doch dann stellte ich mir vor, ich läge jetzt in einer Raumstation, die Raumsonden kreisen um meinen Kopf und gleich breche ich zur Marsmission auf. Wenn Juri Gagarin der erste Mensch im Weltraum war, so sollte ich doch bitte die erste sein, die den Mars betritt. Ich bin einfach mit mir selbst wie mit einem Kind umgegangen. Dem sagt man die Wahrheit auch nicht knallhart ins Gesicht.

Sie haben zwei Tumor-Operationen hinter sich. Einmal haben die Ärzte einen großen und einmal acht kleinere Tumore aus ihrem Kopf entfernt. Gelten Sie als geheilt?

Da stehe ich jetzt vor der knallharten Tatsache: Nein! Es besteht ein Restrisiko von 20 Prozent. Und ich bin durch die Operationen zum Epileptiker geworden, bin praktisch von schweren Tabletten abhängig. Auch hier drehe ich den Spieß aber um. Die Wahrscheinlichkeit, dass nie wieder Tumore in meinem Kopf wachsen, ist viel größer. Die Tabletten sind meine Freunde, denn sie verhindern, dass ich epileptische Anfälle bekomme. Ich weiß, ein Anfall kann einer zu viel sein, je nachdem, ob er vielleicht beim Kochen oder auf der Leiter passiert. Es ist mein Lottogewinn, dass ich dank moderner medizinischer Möglichkeiten wieder ein ganz normales Leben führen darf.

Vor welcher OP hatten Sie mehr Angst – der ersten oder der zweiten?

Vor der ersten OP dachte ich, das wird schon. Klar ist ein faustgroßer Tumor im Kopf lebensbedrohlich, aber ich hatte großes Vertrauen in die Medizin und habe nicht mit so vielen Nebenwirkungen gerechnet. Als ich dann aufwachte, war mein Gedächtnis wie tot. Ich konnte keine Sätze zu Ende sprechen, ich wusste beim Versuch, eine Zeitungsmeldung zu lesen, nicht mehr, was am Satzanfang stand, ich habe den Inhalt einer ganz banalen Fernsehserie nicht begriffen, ich konnte nicht mal ausrechnen, wie viel drei mal drei ist. Deshalb hatte ich vor der zweiten OP große Angst. Jetzt wusste ich aus grausiger Erfahrung, was mich erwartet. Und dann die angenehme Überraschung: Beim zweiten Mal ging es mir wesentlich besser danach. Dennoch habe ich jeweils ein halbes Jahr gebraucht, um wieder ins Berufsleben zurückzukehren. Dass das überhaupt wieder ging, ist auch so ein Lottogewinn.

Sie sollten Lotto spielen?

Ich spiele seit 15 Jahren tatsächlich Lotto, da hab ich noch nie was gewonnen. Trotzdem bin ich ein Glückspilz. Gesundheit ist mein Lottogewinn.

Sie rauchen nicht, treiben Sport, es gibt keine erblichen Vorbelastungen – haben die Ärzte eine Erklärung für Ihre Erkrankung?

Das wäre mal was. Maßgeschneiderte Erklärungen pro Patient. Es gibt gefühlt tausende Studien zu der Thematik. Doch Risikofaktoren wie Rauchen, Massenkonsum an Alkohol oder Hängemattendasein treffen nicht zu. Ein Parkinson-Patient hat mir mal bei der Reha von seinem Sohn erzählt. Dieser ist Biologe und hat seinem Vater versprochen, ein Heilmittel für ihn zu finden. Der Vater hat zu seinem Sohn gesagt: Wenn es gelingt, aus Asche einen Baum zu machen, dann schaffst du das. Wir wissen alle, dass das ein liebgemeinter Trost ist. Aber alle hoffen auf das Wunder.

Lebt man jetzt bewusster oder regt man sich genauso über alltägliche Dinge auf wie vor der Krankheit?

Jein! Es ist schon verblüffend. Auch ich rege mich wieder über banale Dinge auf. Aber ich ziehe eher die Notbremse, weil ich dann weiß, es gibt Wichtigeres. Natürlich wache auch nicht jeden Morgen auf und rufe, die Welt ist wunderbar. Ich habe genauso Tage, wo ich denke, heute willst du gar nicht aufstehen. Aber dann gelingt es mir, genau an diesen Tagen Freiräume zu finden für kurze Auszeiten. Eine Atempause am Fenster, ein Schwatz mit Kollegen, ein Käffchen – und wenn man lächelt, kommt meistens auch ein Lächeln zurück. Nicht nur man selbst fühlt sich dabei wohler. Und nicht zu vergessen: Nachbars Hund. Golden Retriever Arthus. Von ihm lerne ich immer wieder aufs Neue, im Moment zu leben. Er denkt nicht an gestern oder morgen, er freut sich im Hier und Heute.

Mit dem Buch wollen Sie Mut machen. Gibt es schon Reaktionen darauf?

Ja, ich bin sehr angenehm überrascht. Es gibt viele Briefe von Menschen, die mir ihre eigenen Erfahrungen schildern und die sich, ohne dass wir uns kennen, mit mir sehr verbunden fühlen. Oder eine Frau hat mir zum Beispiel geschrieben: „Endlich sagt es mal einer.“ Sie meint damit die doch häufig unangenehmen Krankenhauserfahrungen, wo es nur ums Überleben geht, aber der Gemütszustand der Patienten erschreckend vernachlässigt wird. Mir haben selbst todkranke Menschen geschrieben, die herzlich beim Lesen lachen konnten und sich dafür bedankt haben. Das ist für mich das größte Kompliment.

Sie haben durch die Krankheit Ihre Vorliebe für Perücken entdeckt, die zu einer Sammellust geworden ist. Ihr Haar ist wieder voll. Tragen Sie dennoch hin und wieder eine Ihrer vielen Perücken?

Also tatsächlich ist es mir schwer gefallen, wieder ohne Perücke loszuziehen. Als die Haare wieder da waren, fand ich das fast schade. Aber natürlich nur deshalb, weil mir die Frisuren so gefallen haben. Perücken sind so pflegeleicht. Perfekt als Frau, im Handumdrehen hat man seine Wunschfrisur auf dem Kopf. Es war bei mir nicht klar, ob die echten Haare wieder wachsen würden, da die Haarwurzeln im „Sonnenstudio“ hätten angegriffen werden können. Nach drei Monaten haben sie sich dann aber doch wieder blicken lassen. Ehrlich, ich bin sehr glücklich darüber. Eigene Haare sind eben eigene Haare. Aber mit Perücke hätte ich auch gut leben können. Jetzt trage ich sie nur noch zum Fasching. Und wenn Freunde zu Besuch kommen, testen wir durch, was wem steht.

Interview: Andreas Dunte

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