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Aschersleben – Neo Rauch auf den Spuren seines Vaters

Neue Ausstellung in seiner Heimatstadt Aschersleben – Neo Rauch auf den Spuren seines Vaters

Der weltweit gefeierte Maler-Star Neo Rauch (56) eröffnet am Sonnabend in seiner Heimatstadt Aschersleben (Salzlandkreis) seine persönlichste Ausstellung. Er stellt 25 neue Arbeiten vor, die sich dem Werk seines Vaters annähern. Hanno Rauch kam 21-jährig am 15. Mai 1960 mit seiner Frau bei einem Zugunglück in Leipzig ums Leben. Neo Rauch war damals vier Wochen alt.

Vater und Sohn: Neo Rauch vor einem Selbstbildnis seines Vaters Hanno, der 1960 bei einem Bahnunglück ums Leben kam.
 

Quelle: Leipzig report

Aschersleben.  Neo Rauch muss nicht lange nachdenken. Ja, sagt der 56-Jährige, „es ist meine persönlichste und anrührendste Ausstellung“. Er steht in den hellen Galerie-Räumen seiner Grafikstiftung im Bestehornpark in Aschersleben (Salzlandkreis). Um den weltweit gefeierten Maler-Star, der zu den bekanntesten Künstlern der Gegenwart gehört, arbeiten Mitarbeiter der Stiftung und bereiten die nächste große Ausstellung vor. Sie wird am Sonnabend um 16 Uhr eröffnet wird. Die Stadt im Harz-Vorland rückt damit nah an die große internationale Kunstszene.

„Hanno & Neo Rauch – Vater und Sohn“, das ist der Titel der Ausstellung, die sich in faszierenden Bildern mit einer Beziehung auseinandersetzt, die es im wahren Leben nie gegeben hat. Neo Rauch ist vier Wochen alt, als sein Vater Hanno (21) und seine Mutter Helga (19) am 15. Mai 1960 bei einem Zugunglück in Leipzig ums Leben kommen. Er wächst bei seinen Großeltern in Aschersleben auf. Seine Großmutter, damals gerade 39, verhindert, dass er als Vollwaise in ein Heim abgeschoben wird.

Die Arbeiten seines Vaters, der an der Leipziger Kunsthochschule Malerei studiert hatte, sind in Aschersleben für den jungen Neo immer präsent. Ein mit schwarzer Kreide gemalter Affe hängt in seinem Kinderzimmer. Auch dieses Motiv gehört zu den 39 Werken Hanno Rauchs, die erstmals in der Grafikstiftung (siehe Stichwort) öffentlich gezeigt werden. „Es ist die erste Ausstellung, die ich mit meinem Vater gemeinsam mache, er begleitet mich seit 56 Jahren“, sagt der Sohn. Seit Januar habe er die Idee mit sich herumgetragen, die Werke des Vaters immer wieder in seiner Mappe im Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei gesichtet. Natürlich, es gebe da künstlerische Parallelen, obwohl sie sich nie kennengelernt hätten, glaubt Rauch an die genetische Beeinflussung. „Die Bevorzugung dunkler Farben, die Verwandtschaft zu tragischen Arrangements, auch ich komme mehr und mehr dahin.“ In einer geradezu düsteren Symbiose wird in der Ausstellung sichtbar, dass Hanno Rauch sein Schicksal mit dem frühen Tod vorausgeahnt haben muss. Immer wieder hat der Kunststudent Bahnhöfe und Züge in schweren Farbtönen gemalt.

Erinnerung an die Mutter von Neo Rauch: Hanno Rauch hat seine Frau Helga oft gezeichnet, auch diese Grafiken sind in Aschersleben ausgestellt.

Erinnerung an die Mutter von Neo Rauch: Hanno Rauch hat seine Frau Helga oft gezeichnet, auch diese Grafiken sind in Aschersleben ausgestellt.

Quelle: Leipzig report

 In 25 eigenen Grafiken, die alle in diesem Jahr entstanden sind, nähert sich Neo Rauch nun dem Werk seines Vaters an. Es ist die Verbeugung des Sohnes und die Erinnerung daran, dass er seine Eltern nie kennenlernen konnte. „Der Verlust und der Schmerz waren groß.“ In „Stellwerk II“ hat er seinen Eltern auf großformatiger Leinwand ein künstlerisches Denkmal gesetzt. Das Werk zeigt Hanno und Helga Rauch im Ambiente der 50-Jahre, sie halten ein Kind mit den Gesichtszügen eines Erwachsenen in ihren Händen. Es ist ein bärtiger Mann um die 50, der symbolisch für ihr Kind Neo steht. Anfänglich wollte der Maler sich sogar selbst auf diesem Bild verewigen. „Diese Idee habe ich aber schnell verworfen.“ Und im Hintergrund steht drohend als eine Art Geist jener Stellwerker, der für das Leipziger Bahnunglück verantwortlich war. „Es ist mein Versuch, dass unfassbare Geschehen fassbar zu machen“, sagt Rauch.

Mit de Ausstellung, für die sich zur Eröffnung zahlreiches nationales und internationales Publikum angesagt hat, erweist sich der Maler für seine Heimatstadt Aschersleben als Publikumsmagnet. Die Hotels sind über das Wochenende komplett ausgebucht. Bürgermeister Andreas Michelmann (56, Freie Wähler), der 2010 mit an den Strippen gezogen hatte, um dem großen Sohn der Stadt mit der Grafikstiftung künstlerisch eine Heimat zu geben, schaut schon vor der Eröffnung vorbei. „Für die Stadt ist Neo ein großartiger Werbeträger“, sagt Michelmann, der seit über 20 Jahren Aschersleben strategisch lenkt. Dass die neue Ausstellung eine große Wirkung auf den Tourismus entfalten wird, davon ist der Bürgermeister fest überzeugt. Als Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB) nutzt Michelmann auch seine überregionale Sportvernetzung, um für Aschersleben als Kunststadt zu werben. Mit Erfolg: Seit 2009 (17 867 Übernachtungen) hat sich der Tourismus in Aschersleben stetig entwickelt. 2015 gab es 26 589 Übernachtungen in der Stadt. Das ist eine Steigerung um 50 Prozent. Nicht nur, aber auch wegen des Künstlers Neo Rauch. „Wir haben hier kulturelle Leuchttürme wie den Zoo und die Grafikstiftung, die ein Alleinstellungsmerkmal ist und für Kunsttouristen aus aller Welt eine Reise wert ist“, sagt Anne-Kristin Schütze vom Stadtmarketing.

Der berühmte Sohn der Stadt, der nie so richtig verloren war, weil er den Kontakt nach Aschersleben immer gehalten hat, freut sich zwar über seine Wirkung, zeigt sich aber bescheiden. „Das ist schmeichelhaft für mich“, sagt Neo Rauch zurückhaltend. „Aschersleben wächst mir mit den Jahren immer mehr ans Herz, es ist jedes Mal ein Nach-Hause-Kommen für mich.“ Die Verwandlung der Stadt, vom dunklen Moloch mit den grauen Zonen, die bis 1989 lediglich als Durchfahrtpassage zum Harz galt, habe er erfreut registriert. „Aschersleben war ein graues, hässliches Entlein, jetzt ist es ein Juwel“, sagt der Künstler. Er selbst habe vor allem Grautöne in seiner Erinnerung als Kind, nun habe die Stadt an Kolorit gewonnen. Für die Werbung mit dem berühmten Sohn hatte Aschersleben übrigens auch vor, an der Autobahn 14 mit Werbetafeln auf die Neo-Rauch-Grafikstiftung aufmerksam zu machen. Die Genehmigungen dafür lagen schon vor, doch dann zog Neo Rauch selbst die Reißleine. „Ich lebe ja noch“, sagt der Künstler amüsiert. „Die schönen braunen Schilder sollen eher für historische Persönlichkeiten wie Luther oder Cranach werben.“

Von André Böhmer

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