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Auszeichnung in Dresden: Stanislaw Petrow verhinderte 1983 einen Atomschlag

Auszeichnung in Dresden: Stanislaw Petrow verhinderte 1983 einen Atomschlag

Am 26. September 1983 wäre beinahe katastrophale Wirklichkeit geworden, was zur gleichen Zeit zahllose Kinobesucher in dem US-Film „War Games“ als Horrorvision erlebten: Alarm in einer amerikanischen Raketenüberwachungszentrale, rasende Bildschirmanzeigen, Panik, in letzter Sekunde Kriegsentwarnung wegen Fehlalarms.

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Wird in Dresden geehrt: Stanislaw Petrow.

Quelle: dapd

Dresden. An jenem Septembertag vor fast dreißig Jahren spielt sich ein ähnliches Szenario in der Realität ab - allerdings auf sowjetischer Seite. Kurz nach Mitternacht, in einem dichten Wald, 80 Kilometer entfernt von Moskau, trifft Oberstleutnant Stanislaw Petrow ganz allein die Entscheidung, nach einem vermeintlichen US-Raketenstart nicht den berüchtigten roten Knopf zum atomaren Gegenschlag zu drücken.

Dafür erhält der 73-jährige Petrow am Sonntag in der Semperoper den Dresden-Preis der „Friends of Dresden“. Die Verleihung des Friedenspreises gehört zu den jährlichen Veranstaltungen, mit denen an die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 erinnert wird. Heidrun Hannusch, Dresdner Vorstandsvorsitzende des von Nobelpreisträger Günter Blobel ins Leben gerufenen deutsch-amerikanischen Vereins, hat Petrow als einen bescheidenen Menschen erlebt. Der Rummel um die mit 25.000 Euro dotierte neuerliche Auszeichnung sei ihm fast peinlich, sagt sie.

Lichtblitze von Satelliten fehlinterpretiert

Erst zehn Jahre nach jener Nacht 1983 wurde sein besonnenes Handeln bekannt. „Ich wollte nicht schuld sein am Dritten Weltkrieg“, begründet er ganz schlicht seinen damaligen Verstoß gegen die Dienstvorschriften. „Wahrscheinlich hätte ein Militär an meiner Stelle anders entschieden.“ Stanislaw Petrow aber verstand sich in erster Linie als Techniker und Systemanalytiker, auch wenn er in einer streng geheimen Kommandozentrale der Sowjetarmee Dienst tat. Ein Dienst, der darin bestand, auf Bildschirme zu starren und zu hoffen, dass nichts Außergewöhnliches passiert.

In der Nähe hielten ein riesiger Parabolspiegel und weitere Antennen Verbindung zu sowjetischen Spionagesatelliten. Und die überwachten die damals sechs US-amerikanischen Raketenbasen mit etwa 1.000 Atomraketen sehr genau. Sein gesundes Misstrauen hielt Petrow zurück, 0.15 Uhr auf eine vermeintliche Raketenstartmeldung sofort mit einem Gegenschlag zu reagieren. Auch dann, als eine Systemüberprüfung keine Fehler ergab. Lediglich die visuelle Bestätigung zur ballistischen Meldung habe gefehlt, erinnert sich Petrow.

Nach zwei Minuten meldete er dem Generalstab einen Fehlalarm. Da blieben noch 20 Minuten bis zum plötzlich real erscheinenden Raketeneinschlag in Moskau. In dieser Zeit gehen weitere vier vermeintliche Startmeldungen ein. Später werden sie sich als seltene Konstellation im Zusammenhang mit der gerade über den Raketenbasen liegenden Tag- und Nachtgrenze herausstellen, als Lichtblitze, die die Satelliten fehlinterpretiert hatten.

Schrecken eines Atomschlags

Der Oberstleutnant musste die Rüge einer Untersuchungskommission hinnehmen, er habe die Protokolle jener für die Erde ungeahnt kritischen Stunde nicht gründlich genug geführt. In welch aufgeheizter Atmosphäre er seine Entscheidung traf, ist im Bewusstsein der Menschheit nach 30 Jahren schon fast vergessen. Im März 1983 hatte US-Präsident Ronald Reagan seine „Star-Wars-Rede“ gehalten und mit dem Abwehrsystem SDI sozusagen den Krieg der Sterne angekündigt. Weltweit wuchs die Angst vor einem Atomkrieg.

Die nervösen Sowjets schossen ein südkoreanisches Passagierflugzeug irrtümlich ab. In Deutschland gab es Massenproteste gegen die Stationierung der Pershing-Raketen, in der DDR wuchs die Friedensbewegung. In den USA sahen mehr als 100 Millionen Zuschauer den Film „The day after“, in dem es um das Überleben nach einem verheerenden Atomschlag ging.

Umso beachtlicher ist das damalige Verhalten Petrows einzustufen. Er habe seine Verantwortung nicht an andere abgegeben und als Mensch entschieden, würdigte Nobelpreisträger Blobel den diesjährigen Dresden-Preisträger.

Michael Bartsch, dapd

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