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Bedrohte Art: In Sachsen gibt es immer weniger Schafe und Schäfer

Bedrohte Art: In Sachsen gibt es immer weniger Schafe und Schäfer

Wenn Kerstin Doppelstein über ihre Schafe spricht, gerät sie schnell ins Schwärmen. „Ich bewundere sie für ihre Friedfertigkeit und Langmütigkeit, auch für ihre Neugier“, sagt die 34-Jährige.

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In Sachsen gibt es immer weniger Schafe.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Schafe seien sehr intelligent und würden sich aufopferungsvoll um ihre Lämmer kümmern. Doppelstein beschreibt das Schaf als soziales Wesen. „Wenn man Menschen in dieser Menge auf engem Raum zusammensperren würde, gebe es schnell Mord und Totschlag.“ Außerdem hat sie geradezu einen „sechsten Sinn“ bei ihren Schafen ausgemacht - nicht nur im Umgang mit den Hütehunden. „Wenn ich mir ein Schaf zum Klauenschneiden herausholen muss, wissen die genau, auf welches ich es abgesehen habe.“

Kerstin Doppelstein ist Schäferin. Ihre Herde steht am Cospudener See bei Leipzig und lebt dort unter kärglichen Bedingungen. Denn die frühere Tagebau-Region ist zwar inzwischen ein Naherholungsgebiet, aber aus dem Blickwinkel eines Schäfers nicht unbedingt eine blühende Landschaft. Ein pralles Fleischlamm kann hier kaum heranwachsen. Doppelsteins Lämmer sind etwas kleiner, brauchen wegen des kargen Futters etwas länger. Doch das langsam wachsende Fleisch ist von erlesener Qualität. Fleisch und Wolle bringen ohnehin keinen Geldsegen. Die Schafe am Cospudener See sind in erster Linie Landschaftspfleger - dafür zahlen die Städte Leipzig und Markkleeberg sowie die Flussmeisterei Geld.

Regina Walther, im Sächsischen Schaf- und Ziegenzuchtverband maßgeblich für Schafe zuständig, spricht vom „goldenen Tritt“. Schafe halten nicht nur das Gras auf Maß, sondern verdichten auch den Boden, was beispielsweise für die Stabilisierung von Deichen wichtig ist. „Sachsen ist das einzige Bundesland, das im Wasserschutzgesetz den Einsatz der Schafe auf dem Deich festgeschrieben hat“, sagt die Expertin. Dank Förderung durch Land und EU sei die Landschaftspflege mit Schafen heute ein Standbein für das Einkommen der Schäfer. Walther macht geltend, dass sich die Situation in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert hat. Der rapide Preisverfall bei Wolle habe die Lage in der Zunft verschlechtert.

„Die alleinige Ausrichtung auf die Fleischproduktion konnte und kann diese Dimension nicht ausgleichen“, sagt Walther. Momentan erzielten die Schäfer für ein Kilogramm Lebendgewicht 2,50 bis 2,60 Euro. Ein gutes Mastlamm kommt auf 50 Kilo. Dennoch könne das die Kosten kaum decken. „Ich fresse kein Gras wie meine Tiere, auch für mich muss noch etwas übrigbleiben“, betont Doppelstein. Schließlich müssten die Tiere entwurmt und geimpft werden, und selbst die Schur koste Geld. Schäfer Detlef Rohrmann, der seine Herde unter anderem in Pirna an der Elbe stehen hat, hält die 2,50 Euro für ein absolutes Minimum. Auch sein Familienbetrieb mit Frau und Sohn kommt nur über die Runden, weil er neben Mastlämmern noch Naturpflege betreibt.

Rohrmann nennt noch ein anderes Problem: Die Deutschen essen aus Sicht der Schäfer zu wenig Lammfleisch. Im Schnitt liegt der Pro-Kopf-Verbrauch hier nur bei 900 Gramm im Jahr, vor 150 Jahren waren es noch fast drei Kilo. Im Osten hänge das schlechte Image wohl mit Erfahrungen aus DDR-Zeiten zusammen, sagt Rohrmann. Damals ging das gute Lammfleisch in den Export, im heimischen Handel landeten meist die Altschafe. „Das ist nicht jedermanns Geschmack. Das riecht im Topf“, sagt der Schäfermeister, der zugleich dem sächsischen Zuchtverband vorsteht. Auch das niedliche Äußere der Lämmer mag dazu beitragen, dass sich der Appetit in Grenzen hält.

Doppelstein fing 2008 mit 28 Schafen an, heute sind rund 500 Tiere in ihrer Herde. Die gebürtige Berlinerin betreibt nach eigenen Bekunden keine „klassische Schäferei“ und setzt nicht auf die Lämmermast. Bei ihr steht die Landschaftspflege im Zentrum. In diesem Jahr könnte erstmals ein kleiner Gewinn entstehen - wenn nichts schiefgeht. Denn vom Wetter bleibt ein Schäfer nun mal abhängig. Doppelstein hat ihre Herde auch im Winter draußen. „Kälte ist nicht das Problem, nur die Nässe.“ Wenn es richtig frostig wird, kann sie in größter Not auf Hilfe hoffen und bekommt einen Stall.

In diesen Tagen steht die Schäferin vor ganz anderen Herausforderungen. In Hitzezeiten gilt es die Tiere mehrmals am Tag mit Wasser zu versorgen. Der Hirtenstab ist schon lange nicht mehr das einzige Arbeitsgerät in einem der ältesten Berufsstände der Welt. Ein moderner Schäfer besitzt in der Regel ein Auto oder einen Transporter. Regina Walther belächelt das Klischee vom Schäfer, das ihn als wortkargen Fremdling zeichnet. „Wir haben sehr lebenslustige Leute. Denken Sie an Frau Doppelstein.“ Die ist unterdessen ein kleiner Fernsehstar geworden. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) begleitet sie seit längerer Zeit und bringt unter dem Titel „Doppelstein der Woche“ Weisheiten der Schäferin unters Volk.

Walther erinnert daran, wie sich das Leben der Schäfer gewandelt hat. In der Regel ist die Schäferei ein Familienbetrieb. Nachwuchssorgen gebe es wie überall in der Landwirtschaft. Es sei kaum möglich, ausgebildete Fachkräfte für ordentliches Geld einzustellen. „Zu viel Arbeit, zu wenig Geld“, bringt es Walther auf den Punkt. Und auch im Winter gebe es zu tun. „Der Schäfer muss Nachtwache schieben, da die Mutterschafe häufig in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden lammen. Dann gilt es Hilfestellung zu geben, zu desinfizieren und zu kontrollieren.“

Das schwierige Geschäft hat dazu geführt, dass die Zahl der Schafe und der Schäfer immer mehr sinkt - ein bundesweiter Trend. 2012 im November wurden laut Statistik in Deutschland noch 1,63 Millionen Schafe gezählt. Es war das achte Jahr mit rückläufigem Bestand. Innerhalb von zehn Jahren reduzierte er sich um 10 Prozent, rechnet Walther vor. In Sachsen sieht es nicht besser aus. Hier erreichte der Bestand mit 78 600 Tieren 2012 einen historischen Tiefstand. 1990 waren es noch gut 274 000. Momentan gibt es noch etwa 200 Schäfer, die Herden von jeweils mehr als 50 Tieren betreuen. Der Wegfall der Mutterschafprämie 2005 ließ die Bestände in der EU insgesamt drastisch schrumpfen.

Doppelstein weiß, dass sie möglicherweise einer aussterbenden Spezies angehört. Dennoch möchte sie nicht mit anderen tauschen. Die Schafe sind ihre Leidenschaft geworden, genau wie ihre Hütehunde. Mit denen geht sie regelmäßig in ein Behindertenheim. Dann sind die Hütehunde Therapiehunde. Detlef Rohrmann sieht die Lage optimistischer: „Schäfer gab es immer, wir sind schon in der Bibel erwähnt“. Er hofft darauf, dass sich die EU in ihren Förderprogrammen wieder stärker auf die Schafe besinnt. „Wer sonst soll die ganzen Hänge und Deiche pflegen, wenn nicht wir.“

dpa

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