Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Bissiger Rundumschlag von Helmut Roewer: Ex-Verfassungsschützer teilt in neuem Buch aus

Bissiger Rundumschlag von Helmut Roewer: Ex-Verfassungsschützer teilt in neuem Buch aus

Inmitten von Denunzianten, Schleimern und Karrieristen hat er alles richtig gemacht. Das findet der umstrittene Ex-Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, Helmut Roewer.

Voriger Artikel
Sozialverbände rügen Sachsens Doppelhaushalt - "Lebenswirklichkeit nicht im Blick"
Nächster Artikel
Frauenarmut in Sachsen steigt - Linke fordern Masterplan von der Landesregierung

Der schillernde Verfassungsschützer Helmut Roewer hat am Donnerstag sein Buch vorgelegt.

Quelle: dpa

Berlin. Er ist sich sicher: Wären seine Hinweise beachtet worden, hätte das rechtsextreme Terrortrio nicht bundesweit zehn Morde begehen können. Roewer hat am Donnerstag sein Buch „Nur für den Dienstgebrauch“ vorgestellt. Der Schlapphut im Ruhestand bleibt sich treu und polarisiert wie einst.

Der gelernte West-Jurist, von 1994 bis zu seinem Rauswurf im Jahr 2000 Chef der Thüringer Verfassungsschützer, tönt im Buch: „Wie die späteren Mordtaten des Trios von Jena hätten verhindert werden können. Die Antwort heißt: Eben so, wie ich es geplant hatte.“ Nach seinem Abgang habe für die Bekämpfung des Rechtsterrorismus in Thüringen „niemand mehr das geringste Interesse“ gezeigt.

Seine Vorschläge, die militante Neonazi-Gruppierung Thüringer Heimatschutz zu verbieten, nach den untergetauchten Bombenbauern Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe öffentlich zu fahnden sowie in deren Familien einzudringen, seien in den Wind geschlagen worden. „Elf Jahre Rechtsterrorismus: Durch Wegschauen erledigt.“ Auf knapp 280 Seiten präsentiert Roewer Rechtfertigung und Schuldzuweisungen. Doch in dem Rundumschlag werden auch alarmierende Details über Verstrickungen von Politik und Polizeibehörden deutlich.

Der als eitel und unberechenbar geltende Roewer sieht sich als Macher, der das „staatlich-operative Handwerk der Wiedervereinigung“ miterledigt habe. Er war vom Bundesinnenministerium nach Thüringen geschickt worden. Doch der Osten ist ihm offensichtlich zuwider. Altlasten und unfähige Westimporte hätten sich erbitterte Fehden geliefert, meint der 1950 Geborene, der sich diesmal auffällig friedlich und wie immer mit roten Schuhen präsentiert. Er schreibt vom Thüringer Urlaut, vergammelten Duschvorhängen, Fettgeruch und der überall gegenwärtigen Bratwurst.

Die „Aktion Obelix“ erscheint nur im ersten Moment ebenso skurril. Unter diesem Code fassten die Verfassungsschützer den illegalen Fluss von Informationen aus der Polizei zu CDU-Politikern zusammen. Eine Journalistin habe 1998 von einem Abgeordneten erfahren, dass die Festnahme des späteren Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) unmittelbar bevorstehe. Wieder sei ein Suchansatz breitgetratscht und zunichtegemacht worden. „Wenn die so weitermachen, können wir es vergessen“, notiert Roewer damals. Offiziell waren Gerüchte über eine geplante Festnahme des Trios später dementiert worden. Jetzt beschäftigen sie auch den Untersuchungsausschuss im Bundestag.

Schwere Vorwürfe erhebt der frühere Panzer-Offizier gegen die Eltern der mutmaßlichen Terroristen. Diese hätten sich mit der absurden Vorstellung an ihn gewandt, „dass die Herren Söhne mit Hilfe meiner Behörde aus der Sache herauskommen“. Dabei hätten sie aber bewusst verschwiegen, dass sich die Drei in Chemnitz versteckten.

Das Chaos in seiner Behörde beschreibt der Ex-Chef als fast alltäglich. Der parteilose Geheimdienstler hält die Thüringer Politik im Rückblick für eine „Geschichte von Gewinnsucht, Niedertracht und Missgunst, Bigotterie und christlicher Doppelmoral“. Über Jahre habe eine „Clique rheinischer Katholiken eine geduldige Schafsherde von Gottlosen“ regiert. Für viele ostdeutsche Polizisten sei oberste Devise gewesen: Bloß nicht auffallen.

Der frühere Spitzenbeamte spricht in Berlin von einer damals „tiefen Zerrüttung der ostdeutschen Gesellschaft durch die Geheimdienste der Diktatur“. Stasi-Spitzel und KGB-Agenten hätten auch nach der Wende in Thüringen ihr Unwesen getrieben. Auch wenn Fehler in diesem Klima der wilden Ost-Aufbaujahre fast zwangsläufig erscheinen, als Erklärung reicht das nicht.

Roewer war auch vorgeworfen worden, selbst mit Rechtsextremisten zu sympathisieren. Seine Suspendierung begründet er in seinen Zeitzeugenbericht damit, er habe einen bekannten Neonazi als V-Mann geführt. Roewer spricht von Rufschädigung. Schon während seiner Amtszeit hatte er ein NPD-Verbot gefordert. Sein Buch erscheint nun im Ares Verlag, in dem konservative bis als rechtslastig geltende Autoren publizieren.

Das Buch zeigt einen gekränkten Mann, der nicht länger der Buh-Mann der Nation sein will. „Die Aufklärung, sie ist gescheitert“, endet Roewer. Sein Bericht dürfte die Aufarbeitung der Pannenserie bei der Fahndung nach dem mörderischen Trio kaum weiterbringen.

Theresa Münch und Jutta Schütz, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Gutes von hier

    Das regionale Schaufenster mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Leipziger Raum - von traditionell bis innovativ. Gutes von hier eben! mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr