Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Bombenentschärfer Thomas Lange denkt als Rentner nicht an Ruhestand

Nach 27 Jahren Bombenentschärfer Thomas Lange denkt als Rentner nicht an Ruhestand

Viele halten die Arbeit von Thomas Lange nicht gerade für einen Bombenjob. Der Mann hat 27 Jahre Munition entschärft. Auch als Rentner will er seine Erfahrung weitergeben.

Sprengmeister Thomas Lange geht nach 27 Jahren in den Ruhestand. (Archivbild)

Quelle: dpa

Zeithain. Mit dem Wort «Rentner» kann Sachsens bekanntester Bombenentschärfer nichts anfangen. Wenn er ab 1. Januar offiziell im Ruhestand ist, will Thomas Lange erst mal 14 Tage «Urlaub» machen - um das Wohnzimmer zu renovieren. Das hat er seiner Frau versprochen. «Ich habe verschiedene Angebote, in der Branche als Berater tätig zu bleiben», sagt der 66-Jährige, der weitaus jünger wirkt. «Sprengen hält jung», hat er früher einmal gesagt. Nur eines will er künftig nicht mehr: Jeden Morgen eine Viertelstunde nach 4 Uhr aufstehen.

Ein früher Tagesbeginn hat Langes Arbeitsleben geprägt. Bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarette der Marke f6 hat er gewöhnlich darüber nachgedacht, wie er den jeweils vorliegenden Fall lösen kann. «Nein, mit Nervenkitzel hat das nichts zu tun», sagt der Sprengmeister. An der Entschärfung von Munition aus den beiden Weltkriegen habe ihn eher die technische Seite interessiert: «Wie man damals versucht hat, Wirkmechanismen umzusetzen. Dass die Granate genau zu einem bestimmten Zeitpunkt detoniert.» Diese Technik zu überlisten, hält Lange für das eigentlich Reizvolle an seinem Job.

Von Elektriker und Polizei

Der Dresdner kam über die Kfz-Elektrik und Transportpolizei in seinen Beruf. Nebenbei hat er Maschinenbau studiert. Dann lernte er an der Sprengschule seinen Beruf von der Pike auf. In dieser Zeit hat er auch Häuser gesprengt. Dann kamen die wirklich scharfen Sachen. Das erste Mal wird Lange nie vergessen. Das war Ende 1989 in Markkleeberg. Eine amerikanische Fliegerbombe, 75 Kilogramm.

«Die Aufregung war riesengroß. Ich war schon fix und fertig, als ich ankam. Weniger wegen der Bombe, sondern wegen der Umstände», erinnert er sich. Denn in solch einem Augenblick müsse man einem Schema folgen, dürfe man in der Abfolge der Schritte bis hin zur Evakuierung nichts vergessen. Mit der Zeit kenne man zwar sämtlich Typen von Bomben, dennoch sei jeder Fall verschieden: «Die Umgebung ist immer eine andere. Auch der Zustand der Munition.» Manche Granaten seien aufgrund der Verwitterung als solche gar nicht mehr erkennbar.

Wie viele Bomben er entschärft hat, weiß Lange nicht. Bis zur Nummer 45 hat er mitgezählt. Dann wurden es plötzlich zu viele. 60 Prozent seines Berufes hält der Experte für Handwerk, den Rest für Intuition und Erfahrung. Die Entschärfung einer Bombe bedeute nichts anderes, als den Zünder zu eliminieren. «Wir müssen praktisch die Transportsicherheit der Bombe herstellen.» Das umfasse auch einen möglichen Unfall auf dem Weg zu der Stelle, wo der Sprengstoff unschädlich gemacht wird. Notfalls gelte es, am Fundort zu sprengen.

Fundort als Problem

Auch brenzlige Situationen hat Lange erlebt. Beispielsweise beim Richtfest zur Leipziger Messe. Da sei ein Bagger mit Schiebeschild an einer Bombe hängengeblieben: «Sie hatte einen Langzeitzünder mit Ausbausperre.» Eigentlich hätte man sie vor Ort sprengen müssen. Dann wäre aber die ganze Halle mit eingefallen. «Also habe ich es versucht. Als der Zünder gerade draußen war, hat er angesprochen. Wenn das ein bissel früher passiert wäre, wär's das gewesen.»

Manchmal ist der Fundort das Problem. Lange berichtet von einer Entschärfung im Dresdner Universitätsklinikum. Dort konnte nicht vor Ort gesprengt werden, weil sich in unmittelbarer Nähe eine Gebäude befand, in dem Patienten an Maschinen angeschlossen waren und das deshalb nicht evakuiert werden konnte: «Da steht man unter dem Zugzwang des Erfolges. Da gibt es keine zweite Option.»

Auch in Zukunft bombensicher

Kritisch wird es auch, wenn die Entschärfer auf Exoten treffen - Bomben, die sie an dieser Stelle nicht erwarten. In Dresden war das einmal eine maritime Bombe, die eigentlich für Seeziele bestimmt war. In Ostsachsen findet man gelegentlich Munition, die aus unterschiedlichen Kampfmitteln zusammengebaut wurde. Da der Frontverlauf rasch wechselte, waren die Streitkräfte mitunter zum Improvisieren gezwungen. Da wurde die «Schwere deutsche Straßenmine» mit 250 Kilogramm TNT mit einem anderen Zünder versehen. Selbst Bomben deutscher Produktion mit einem russischen Zünder gibt es.

Lange geht davon aus, dass der Job seiner Kollegen auch in Zukunft bombensicher ist. Denn keiner wisse genau, was heute noch alles im Boden liege: «Ich gehe davon aus, dass das Munitionsaufkommen in zehn Jahren noch das Gleiche ist.» In Sachsen würden noch heute jedes Jahr bis zu 950 Zufallsfunde gemeldet. Wenn Lange die Nachrichten aus aktuellen Kriegsgebieten verfolgt, weiß er ohnehin, dass sein Berufsstand nie einen Ruhestand erleben wird.

Von Jörg Schurig, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr