Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Buch zum Mauerbau von Ex-DDR-Militär Streletz: „Wir sind dem Humanismus verpflichtet“

Buch zum Mauerbau von Ex-DDR-Militär Streletz: „Wir sind dem Humanismus verpflichtet“

Braungebrannt vom letzten Kuba-Besuch, mit Goldrandbrille und hellem Anzug gab sich Ex-DDR-Militär Fritz Streletz zackig. Der 84-Jährige stellte zusammen mit dem früheren DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler am Freitag in Berlin das gemeinsame Buch „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ vor.

Voriger Artikel
Solarworld nimmt dritte Fabrik in Freiberg in Betrieb
Nächster Artikel
Hochschulstandort droht Schließung - Reichenbach hofft auf Tillich

Der ehemalige DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler (l.) und der ehemalige NVA-General Fritz Streletz präsentieren am Freitag (20.05.2011) in Berlin ihr Buch „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“.

Quelle: dpa

Berlin. Während beide in einem Treff früherer Funktionäre im Stadtteil Lichtenberg den Mauerbau vor 50 Jahren als notwendig verteidigten, protestierte draußen die Vereinigung der Opfer des Stalinismus.

Einstige Mitstreiter der Ex-Militärs waren dagegen begeistert vom Auftritt ihrer einstigen Chefs. Es gab Zwischenapplaus. „Störer“ mit unliebsamen Fragen seien durch eine brillante Argumentation vertrieben worden, meinte einer stolz. Die Fronten waren klar: Auf der anderen Seite waren die „Hampelmänner von der Westpresse“.

Der Zeitpunkt der Buchvorstellung war nicht zufällig gewählt. Auf den Tag genau vor 20 Jahren wurden Streletz und Keßler wegen ihrer Mitverantwortung für die Mauertoten verhaftet und später zu Gefängnisstrafen verurteilt, die sie aber nicht komplett absitzen mussten. An die Verhaftung wollten sie erinnern und dass sie hinter Gittern wie Kriminelle behandelt worden seien. Und: Kurz vor dem 50. Jahrestag des Mauerbaus vom 13. August 1961 solle das Buch „der historischen Wahrheit Bahn brechen“, wie der 91-jährige Keßler sagte. Der greise Ex-Armeegeneral, der schlecht sehen kann, zeigte sich überzeugt: Es sei notwendig und richtig gewesen, die Grenze zu „befestigen“. Ansonsten hätten sich die Konflikte zwischen den damaligen Militärbündnissen in Ost und West weiter zugespitzt. Er wisse, dass „beträchtliche Teile“ der Linkspartei seine Auffassung teilten.

Ansonsten führte Streletz das Wort. Die Grenze habe auch aus ökonomischen Gründen geschlossen werden müssen. Bis zum Mauerbau seien 2,9 Millionen DDR-Bürger in den Westen gegangen. „Das war ein kostenloser Zufluss von Humankapital für die BRD.“ Zum Erhalt des Friedens in Europa seien „viele Härten, viel Leid und viele Unannehmlichkeiten“ unumgänglich gewesen. Jeder Tote an der Grenze sei einer zuviel gewesen, sagte der einstige Sekretär des Nationalen DDR-Verteidigungsrates nicht besonders nachdenklich.

DDR-Soldaten hätten auf „Grenzverletzer“ nur als „absolute Ausnahme“ geschossen - zur „Verhinderung eines unrechtmäßigen Grenzdurchbruchs“, so Streletz mit Überzeugung. „Es war das Ziel, Menschen zu schonen.“ Er sei stolz, einen Beitrag zur Sicherung des Friedens und zu einer Wende ohne Blutvergießen geleistet zu haben, monologisierte der 84-Jährige weiter. Die Zahl der Mauertoten würde aufgebauscht. Doch es sei nicht „unsere Art“, die Toten aufzurechnen. „Dafür achten wir die Menschen viel zu sehr. Wir sind dem Humanismus verpflichtet.“

Für Streletz ist vieles „so genannt“ - der Mauerbau, die Einheit, Gedenkstätten, die Bürgerrechtler. „20 Jahre danach werden Hetze, Verleumdung und Kriminalisierung der Grenztruppen unvermindert fortgesetzt“, lautete das Fazit des Mannes, der nach eigenen Worten 25 Jahre im Ministerium für Nationale Verteidigung für „besondere Vorkommnisse an der Grenze“ verantwortlich war. Streletz meinte, er sehe sich als ehemaliger sozialistischer Militär. „Ich kann aufrecht gehen und hadere nicht mit meinem Schicksal.“ Seine gallige Einschätzung des wiedervereinigten Deutschlands: Zwei Gesellschaften unter einem Dach - die Guten im Westen und die zum Teil Unbelehrbaren im Osten. Einen Zwischenruf, Streletz solle sich nicht als Opfer darstellen, wies er ab: „Gehen Sie doch raus, Sie zeigen gerade ihr wahres Gesicht.“

Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus äußerte sich entsetzt über die Glorifizierung der Vergangenheit. Keßler und Streletz seien verantwortlich, dass an der Grenze auf Menschen wie auf Hasen geschossen wurde, sagte Ronald Lässig. „Das war kein Schutzwall. Die Mauer hat Menschen von der Freiheit abgeschreckt.“ Am 13. August 1961 wurde mit dem Mauerbau die deutsche Teilung besiegelt, die nach mehr als 28 Jahren erst am 9. November 1989 zu Ende ging.

Die Edition Ost aus der Eulenspiegel Verlagsgruppe, die den Band herausgebracht hat, kann sich indes freuen. Die erste Auflage des Mauerbuches sei bereits ausverkauft. In der nächsten Woche gebe es Nachschub, sagte eine Sprecherin.

Jutta Schütz, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr