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DDR-Tierseucheninstitut leitete Abwässer in die Ostsee - Stasi sah "erhebliches Risiko"

DDR-Tierseucheninstitut leitete Abwässer in die Ostsee - Stasi sah "erhebliches Risiko"

Aus dem DDR-Tierseucheninstitut auf der Insel Riems sind in den 1980-er Jahren mehrfach Abwässer in den Greifswalder Bodden geflossen. Wie der dpa vorliegende Dokumente erstmals belegen, konstatierte das Ministerium für Staatssicherheit wiederholt ein „erhebliches Risiko hinsichtlich einer möglichen Tierseuchenerregerverschleppung aus dem VEB FLI“.

Greifswald-Riems. Im Jahr 1982 untersuchten Experten der Akademie der Landwirtschaften einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch der hochinfektiösen Maul- und Klauenseuche auf Rügen und der defekten Abwasserdesinfektionsanlage im Friedrich-Loeffler-Institut, wo an hochgefährlichen Erregern geforscht wurde.

Grund für den Verdacht war ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Ausfall der automatischen Steuerung der thermischen Abwasserdesinfektionsanlage Anfang September 1982 und dem Ausbruch der hochinfektiösen Rinderseuche auf Rügen eine Woche später. Die Experten kommen nach viermonatiger Untersuchung zu keinem klaren Ergebnis. Ein Nachweis der Kausalität zwischen der Störung der Anlage, dem Austritt von infektiösem Abwasser in die Ostsee und dem Austritt der Seuche sei „nicht mehr möglich“, hieß es.

In den Jahren 1987 und 1988 soll es laut Stasiberichten nach starken Regenfällen zu einem Überlaufen der Auffangbehälter für virushaltige Abwässer gekommen sein. Die Abwässer seien dann in den Greifswalder Bodden abgeflossen. Zeitzeugen wie der ehemalige Produktionsdirektor Siegurd Tesmer bestätigen den Austritt von Abwässern aus dem Institut in den Greifswalder Bodden. Ob diese - wie in den Stasi-Berichten angegeben - infektiös gewesen seien, könne er jedoch nicht sagen. Vorstellbar sei es. „Bei dem desolaten Zustand konnte niemand die Hand dafür ins Feuer legen.“

Das vom Virologen Friedrich Loeffler im Jahr 1910 gegründete Institut feiert in drei Wochen sein 100jähriges Bestehen. In den DDR-Medien wegen der Impfstoffe unter anderem gegen Schweinepest hochgelobt, lebte das Institut in den 1980-er Jahren zunehmend von der Substanz und wurde unter den Augen der Stasi zum Sicherheitsrisiko. Eine EG-Kommission, die 1988 die Impfstoffproduktion besuchte, bezeichnete nach der dreieinhalbstündigen Visite den „vorgefundenen baulichen und technischen Zustand als erschreckend“, wie die Dokumente belegen. Inoffizielle Mitarbeiter berichteten von durchfeuchteten Wänden, Ratten und Mäusen in den Infektionsbereichen.

Forscher und Arbeiter hatten dem fortschreitenden Verfall der Betriebsstätten nichts entgegenzusetzen. Auch der Arm der Staatssicherheit reichte nicht, um dringend benötigte Bauarbeiter auf der abgelegenen Insel Riems im Nordosten der DDR zu beschäftigen. Eine personelle Aufstockung des Bereichs scheitere an dem starken Lohngefälle und dem fehlenden Wohnraum, konstatierte die Stasi. Stattdessen installierte das MfS eine Reihe von Inoffiziellen Mitarbeitern. Nach dem Fall der Mauer begann der Bund mit Sanierungsarbeiten im Institut auf dem Riems, dem ältesten virologischen Tierseucheninstitut der Welt. Derzeit entsteht für rund 300 Millionen Euro ein neuer Forschungskomplex mit mit Hochsicherheitslaboren und -ställen der höchsten Sicherheitsstufe L4.

Martina Rathke, dpa

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