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Das Wunder von Dresden: Semperoper wird 25 Jahre

Das Wunder von Dresden: Semperoper wird 25 Jahre

Manche sehen in ihr Deutschlands schönste Brauerei, die meisten einen Musentempel vom Feinsten. Auf jeden Fall ist die Semperoper in Dresden ein Wunder. Dass die finanziell stets klamme DDR das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Opernhaus wieder aufbaute, gehört zu den großen Taten der kleinen Republik.

Dresden. Aber auch Wunder passieren meist nicht zufällig. Hanns Matz, langjähriger künstlerischer Betriebsdirektor und zweimaliger Interimsintendant der Staatsoper, sieht in der Hartnäckigkeit der Dresdner den Grundstein. „Seit Jahren verging kein Gespräch mit dem Publikum, in dem die Rede nicht irgendwann auf die Semperoper kam. Sie wirkte wie ein Ventil.“

An diesem Samstag wird das Wunder von Dresden 25 Jahre alt. Selbst viele Deutsche, die noch nie hier waren, kennen es. Die Werbekampagne einer Brauerei hat den Prachtbau von Architekt Gottfried Semper (1803-1879) zum Allgemeinwissen erhoben. Intendant Gerd Uecker sieht das zwiespältig. „Einerseits war das ein medialer Glücksfall. Keine Oper Deutschlands ist so bekannt wie die Semperoper. Allerdings hat sich der Begriff abgekoppelt von unserem Produkt.“ Aber auch in anderer Hinsicht gibt es Aufklärungsbedarf: Viele Touristen aus dem Westen glauben immer noch, der Wiederaufbau der Semperoper wäre nach der Wende per Solizuschlag erfolgt.

Tatsache ist: Bis zum Finale am 13. Februar 1985 flossen rund 225 Millionen DDR-Mark in den Bau. Weiteres Geld kam Werkstätten und drei Neubauten hinter der Oper zugute. Übereinstimmend berichten mehrere Zeitzeugen, dass der damalige Dresdner SED-Parteichef Hans Modrow - auch im Westen Hoffnungsträger für eine Öffnung der DDR - das Vorhaben stets beförderte. Der frühere Chefregisseur Joachim Herz hebt die positive Rolle Modrows gleichfalls hervor. „Ohne ihn hätten wir das Haus an diesem Tag gar nicht eröffnen können.“ Da zu diesem Zeitpunkt eine Transportanlage für schwere Dekorationsteile noch fehlte, habe Modrow Rekruten zum Kulissenschieben abgeordnet.

Herz hatte die Hauptpartie beim 1. Akt der Wiedereröffnung. Seine Erinnerung daran ist eher getrübt. „Das sollte der Höhepunkt meiner Laufbahn werden und wurde der Tiefpunkt“, sagt der renommierte Regisseur. Die Schuld daran gibt er einer mangelnden Vorplanung. Herz hatte damals die Eröffnungspremiere mit Webers „Freischütz“ zu verantworten, außerdem gehörte sein „Rosenkavalier“ (Strauss) zum Premieren-Reigen. Mehrfache Intendantenwechsel im Vorfeld erschwerten die Vorbereitung. Mangels Westgeld musste die Oper ohne internationale Stars auskommen. Die parallele Probe zweier Stücke - anderswo kein Problem - brachte Herz an den Rand des „Infarkts“.

Am 13. Februar 1985 saßen Politiker aus Ost und West vereint und doch getrennt im Saal. Die Königsloge blieb der DDR-Staatsführung vorbehalten. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) lauschte im Rang. Dennoch herrschte Harmonie. Misstöne im Vorfeld waren verklungen. Dirigent Wolf-Dieter Hauschild soll zunächst wenig Neigung verspürt haben, mit der Staatskapelle Dresden die DDR-Nationalhymne zu spielen. Man fügte sich. Aus Sicherheitsbedenken sollte die Szene, in der Max mit seiner Flinte ins Publikum zielt, gestrichen werden. Herz setzte sich durch. Die Resonanz war unterschiedlich. Die Freude, eines der schönsten Opernhäuser der Welt wiederzuhaben, überwog. Der weitgehend originalgetreue Wiederaufbau wurde auch für die beteiligten Gewerke zur Herzenssache. Wie viele unbezahlte Überstunden in den Bau flossen, ist unbekannt. Joachim Herz kann jenen Moment nicht vergessen, als das Haus eigentlich eröffnet wurde: „Unsere erste Premiere war am 27. Januar 1985 - Mozarts „Cosi fan tutte“ für die Bauarbeiter.“ Die Vorstellung begann mit ein paar Minuten Verspätung, weil es beim Einlass klemmte. Das Bild, wie alle Zuschauer gleichzeitig in den Saal drängten, hat sich Herz für alle Zeiten eingeprägt.

Jörg Schurig, dpa

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