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„Der Beruf des Hausarztes muss attraktiver werden“

Neuer Ärztechef im Interview „Der Beruf des Hausarztes muss attraktiver werden“

Die medizinische Versorgung wird sich in den nächsten Jahren grundlegend wandeln – eine längere Durststrecke steht bevor, prophezeit Erik Bodendieck (48), der am Freitagabend zum neuen Präsidenten der Sächsischen Landesärztekammer gewählt wurde. Im LVZ-Interview fordert er, dass der Beruf des Hausarztes attraktiver werden muss.

Erik Bodendieck ist neuer Präsident der Landesärztekammer.

Quelle: Knut Köhler/Sächsische Landesärztekammer

Frage: Trotz des Hausarzt-Programms ist die medizinische Versorgung auf dem Land teilweise dramatisch. Was muss sich ändern, damit Patienten wieder schneller zum Arzt kommen können?

Bodendieck: Es ist fraglich, ob mehr Beihilfen das Problem wirklich lösen können. Das Wesentliche ist: Der Beruf des Hausarztes muss attraktiver werden. Außerdem muss die Infrastruktur stimmen. Kindergarten, Schulen, Kultur, Bahn und Bus zum Beispiel. Zudem ist es dringend notwendig, moderne Versorgungsstrukturen zu etablieren. Zukünftig muss man sich von der Vorstellung lösen, dass in jedem kleinen Ort ein Hausarzt sein wird – dieses Ideal gehört schon jetzt der Vergangenheit an. Aufgrund des demografischen Wandels und des allgemeinen Wegzugs vom Land ist es wirtschaftlich auch nicht mehr sinnvoll, überall einen Arzt zu haben.

Die medizinische Versorgung wird sich also grundlegend ändern – und damit auch verschlechtern?

Die Idee ist: In kleineren Städten oder größeren Gemeinden werden Versorgungszentren geschaffen. Zu überlegen ist, ob Patienten dann gegebenenfalls in diese Zentren gefahren werden oder der Arzt zu den Patienten fährt, möglicherweise einmal in der Woche eine Sprechstunde abhält. Das bedeutet auch: Es wird auf jeden Fall weniger Ärzte auf dem Land geben, und das gilt für Allgemeinmediziner wie auch für Fachärzte.

Davon betroffen werden vor allem ältere Menschen sein, die häufig nicht mehr oder kaum mobil sind.

Das wollen wir gerade nicht. An der Versorgung soll sich für den Patienten nichts ändern, allerdings an der Struktur. Wir müssen uns Gedanken über neue Modelle machen. Ob wir nun Busse organisieren oder, wie gerade in Sachsen getestet wird, Satellitenpraxen installieren, werden wir sehen. Auch die Telemedizin ist eine Option, um die Versorgung zu verbessern.

Das alles ist aber mit erheblichen Kosten verbunden.

Natürlich, so ist es. Doch die Krankenkassen in Sachsen ziehen da gut mit. Das Problem ist: Die Politik hat den Patienten ein allumfassendes Heilsversprechen gegeben. Das führt dazu, dass die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen in Bahnen läuft, die nicht unbedingt immer notwendig sind.

Der neue Ärztechef – ein Hausarzt aus Wurzen

Erik Bodendieck, Jahrgang 1966, stammt aus Leipzig, lebt und arbeitet in Wurzen (Kreis Leipzig), wo er die väterliche Arztpraxis übernommen hat. Neben seiner Tätigkeit als Allgemeinmediziner ist Bodendieck noch Diabetologe. Seit einigen Jahren arbeitet er zudem als Suchtmediziner mit Berechtigung zur Substitutionstherapie und seit 2010 als Palliativmediziner. Seit 2003 ist der 48-Jährige im Vorstand der Sächsischen Landesärztekammer, seit 2007 als Vize-Präsident.  Bodendieck ist Vater von drei Töchtern. In seiner knappen Freizeit erholt er sich in seinem Garten oder beim Fahrradfahren.

Die Menschen, vor allem Ältere, gehen also zu oft zum Arzt?

Ja und nein. Einerseits ist es so, dass nicht wenige Arztbesuche tatsächlich überflüssig sind. Andererseits sind viele Arztbesuche auch unserem Gesundheitssystem geschuldet: Der Hausarzt wird quasi dazu aufgefordert, immer wieder zum Facharzt zu überweisen, nur damit dieser die notwendigen Medikamente verschreibt und das Budget des Hausarztes dadurch entlastet. Und gibt es keinen Termin, dann geht so mancher Patient auch einfach mal so in die Notfallambulanz. Der Fehler liegt also im System.

Davon profitieren doch die Krankenhäuser. Was haben Sie dagegen?

Nein, die Kliniken sind über diese Entwicklung nicht erfreut. Notfallambulanzen sind ein Zuschussgeschäft. Damit verdient ein Krankenhaus kein Geld. Sie benötigen reguläre Fälle zur Finanzierung. Jede Diagnose kann dazu dienen, den Fallwert zu steigern, entsprechend aufwendig werden Diagnosen gestellt. Schuld daran sind nicht die Ärzte oder die Kliniken – das Problem liegt in der Ökonomisierung des Gesundheitssystems. In den Praxen ist die Situation ähnlich: Für jeden Patienten gibt es das gleiche Entgelt, egal ob er sich neu vorstellt oder nur ein Rezept haben möchte. Deshalb ist es für manche Menschen schwierig, neu in einer Facharztpraxis aufgenommen zu werden, da der Aufwand natürlich höher ist als für Stammpatienten und ein gedeckeltes Budget besteht. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen versucht nun, mit einer zentralen Terminservicestelle und einem Neupatientenmodell das Problem zu entschärfen. Das ist für Patienten ein guter Ansatz.

Sie sprechen die Ökonomisierung der Medizin an. Heißt das, das System selbst ist krank?

Ja, das heißt es. Natürlich muss ein Krankenhaus, eine Praxis Geld verdienen und wirtschaftlich arbeiten. Doch nehmen Sie nur mal die Krankenhausfinanzierung. Hier gibt es ein duales System: Investitionen muss der Staat tragen, die Kassen übernehmen die Betriebskosten, wie zum Beispiel Gehälter und Verbrauchsmaterial. Der Staat zieht sich allerdings zunehmend aus seiner Verpflichtung zurück, schafft aber gleichzeitig Regularien, wann zum Beispiel medizinische Geräte ausgetauscht werden müssen. Deshalb sind die Krankenhäuser quasi gezwungen, über Querfinanzierungen ihre Investitionen zu tragen. Und die Krankenkassen finanzieren die vom Staat verfügten Erneuerungen. Das führt zu einer gewaltigen Schieflage. Die Krankenhäuser können aus dieser von der Politik gemachten Spirale nicht ausbrechen – außer, sie wollen bewusst ins Verderben gehen.

Im Gespräch ist jetzt eine Notfall-Gebühr, um die überlaufenen Ambulanzen der Krankenhäuser zu entlasten. Wie sehen Sie diesen Vorschlag?

In Europa ist eine solche Gebühr in vielen Ländern längst Normalität. Fest steht: Wir müssen eine bessere Steuerung der Patienten erreichen, was durch eine finanzielle Beteiligung durchaus gelingen kann. Im Fall der Notfall-Aufnahmen könnte man dies ganz einfach lösen, ohne dass Patienten und Ambulanzen mit der Bürokratie belastet werden: Indem es, zum Beispiel am Jahresende, von den Krankenkassen eine Abrechnung gibt. Es kommt eine viel zu große Zahl von Patienten ungerechtfertigter Weise in die Notfall-Aufnahmen. Am Wochenende werden diese für schwere und akute Fälle vorgesehenen Ambulanzen quasi als normale Arztpraxis genutzt, ohne über die Notwendigkeit und die Kosten nachzudenken.

Was ist die Alternative – wer krank ist, sucht schließlich Hilfe?

Liegt keine Lebensbedrohung vor, muss der vertragsärztliche Notdienst wieder zur ersten Anlaufstelle werden. Doch Patienten kommen mit der Vorstellung in die Ambulanzen, dass sie dort die gesamte Breite an medizinischer Versorgung erhalten. Es ist aber häufig nicht alles notwendig, was technisch machbar ist.

Die Lenkung ist die eine Seite, die finanzielle Beteiligung die andere Seite – müssen sich Patienten auf höhere Kosten einstellen?

Es muss jedem Patienten klar sein, dass er selbst etwas beitragen kann und muss, damit unser solidarisches Gesundheitssystem weiterhin funktioniert. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Eigenbeteiligung, sondern auch um gesundheitsbewusstes Verhalten und Prävention. Die Menschen müssen viel mehr selbst mittun. Schließlich wächst die Zahl der multi-morbiden Patienten, also der Mehrfach-Erkrankten, stetig an. Das ist nicht nur unter finanziellen Aspekten für das System bedrohlich – sondern jeder Einzelne sollte sich Gedanken über seine Lebensführung machen.

Daraus resultiert eine steigende Nachfrage für Fachärzte. Doch auch in diesem Bereich gibt es immer größere Defizite. Wie lassen sich junge Mediziner anlocken?

Wir stellen seit gut zehn Jahren fest, dass Ärzte heute mehr Wert auf Lebensqualität legen. 50- oder 60-Stunden-Wochen in Krankenhäusern sind kaum noch denkbar. Junge Ärzte schauen weniger aufs Geld, mehr auf die Arbeits- und Lebensbedingungen und arbeiten wegen der Familie Teilzeit. Dieser Wandel muss sich letztlich auch in den neuen Versorgungsstrukturen niederschlagen. Um den Bedarf in der Versorgung abdecken zu können, werden wir künftig eher mehr Ärzte als bisher brauchen.

Sie sprachen die Klinikärzte an. Doch selbst gut gehende Fachpraxen haben schon heute Probleme, Nachfolger zu finden.

Das Problem könnte sich verschärfen, wenn wir und vor allem die Politik nicht gegensteuern. Denn was für Klinikärzte gilt, gilt auch für niedergelassene Fachärzte. Während der hausärztliche Bereich seit Jahren im Fokus steht, sind die fachärztlichen Bereiche weniger beachtet worden. Beispielsweise in der Psychiatrie und im Öffentlichen Gesundheitsdienst haben wir akuten Handlungsbedarf. Bei den HNO-, Augen- und Kinderärzten sieht es kaum besser aus. Die Gespräche, um diese Probleme anzugehen, haben begonnen – zu den Vorschlägen gehört auch, das erfolgreiche Hausarzt-Programm auf Fachärzte auszudehnen. Insgesamt gilt aber: Keine der Ideen wird uns von heute auf morgen weiterhelfen können, sondern nur langfristig. Das heißt auch: Es wird zweifellos eine Durststrecke von einigen Jahren geben.

Einiges ist bereits angeklungen – was haben Sie sich als Schwerpunkte für Ihre erste Amtszeit vorgenommen?

Der Patient muss immer an erster Stelle stehen. Und für alle medizinischen Entscheidungen, die notwendig sind und getroffen werden müssen, besitzen wir die Kernkompetenz – dafür studieren wir sechs Jahre und absolvieren danach noch eine mindestens fünfjährige Facharztweiterbildung. Das schließt eine enge Kooperation mit allen Gesundheitsberufen in Praxis, Klinik, Reha-Bereich, wie etwa Physiotherapie, und des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ein. Hier gibt es noch Reserven, diese Schnittstellen müssen dringend geglättet werden.

Interview: Andreas Debski

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