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Dessauer Dienstgruppenleiter führt Richter durch Todeszelle von Oury Jalloh

Dessauer Dienstgruppenleiter führt Richter durch Todeszelle von Oury Jalloh

Mehr als sechs Jahre nach dem Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh hat sich erstmals ein Gericht am Ort des Geschehens ein eigenes Bild gemacht. Am Donnerstag besichtigten Richter, Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Sachverständige das Polizeirevier in Dessau-Roßlau.

Magdeburg. Offen und selbstbewusst führte der angeklagte damalige Dienstgruppenleiter durch seinen ehemaligen Dienstort.

Der 50-Jährige ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Er soll Jalloh am 7. Januar 2005 nicht rechtzeitig geholfen haben. Zu Beginn des Verfahrens am Landgericht Magdeburg hatte der 50-Jährige zugegeben, mindestens einmal einen Alarm aus der Zelle abgestellt zu haben.

In der Zelle 5, in der der Asylbewerber Jalloh ums Leben kam, konnte das Gericht keine Spuren des damaligen Geschehens mehr sehen. Der gesamte Zellentrakt ist weiß gefliest, der Boden mit beigen Kacheln ausgelegt, die Decken wirken frisch geweißt. Die Zellen werden nicht mehr genutzt.

Wo sich am Donnerstag rund 25 Beteiligte drängten, starb der junge Mann aus Sierra Leone an Händen und Füßen gefesselt auf einer Matratze. Als der Angeklagte zu der Zelle kam, drang schon dichter Rauch aus den Türritzen, hatte er im Prozess berichtet. Er habe den Brand nicht löschen können.

Die Polizei hatte den mit fast drei Promille stark betrunkenen Afrikaner mit auf das Revier genommen, weil er Frauen belästigt haben soll. Weil er sich heftig wehrte, wurde er gefesselt.

Um sich ein Bild von den akustischen Verhältnissen zu machen, ließ das Gericht am Donnerstag jemanden in der Zelle versuchsweise um Hilfe rufen. Die Schreie waren sowohl auf der Damentoilette direkt über der Zelle 5 zu hören wie auch am ehemaligen Dienstplatz des Angeklagten.

Lauschend auf der Damentoilette sagte ein Verfahrensbeteiligter: „Makaber, aber es muss sein.“ Der Dienstplatz noch eine Etage höher war im Januar 2005 über eine Sprechanlage mit der Zelle verbunden. Zudem gab es einen Rauch- und einen Brandmelder. Diese seien inzwischen ausgetauscht worden, berichtete der Angeklagte. Er antwortete auf alle Fragen offen und direkt.

Das Landgericht Magdeburg verhandelt bereits seit dem 12. Januar über den Fall; Verhandlungstermine sind noch bis Dezember angesetzt. Es versucht zu klären, wie Jalloh ums Leben kam und ob der angeklagte Polizist eine Schuld trägt. Bislang wurden zahlreiche Polizeibeamte als Zeugen gehört, vielen fehlten konkrete Erinnerungen. Der Angeklagte hatte zugegeben, mindestens einmal einen Alarm aus der Zelle ausgestellt zu haben. Er habe wohl an eine Fehlfunktion gedacht.

In einem ersten Prozess vor dem Landgericht Dessau-Roßlau war der Mann freigesprochen worden. In Magdeburg wird seit Januar erneut verhandelt, weil der Bundesgerichtshof Lücken in der Beweisführung bemängelt hatte. Einen Ortstermin mit Besichtigung des Polizeireviers hatte es beim ersten Prozess nicht gegeben.

Dörthe Hein, dpa

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