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„Die AfD radikalisiert sich andauernd selbst“

Interview „Die AfD radikalisiert sich andauernd selbst“

Der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld hat die Partei und deren Sympathisanten in einer Studie erforscht. Er sieht die AfD in einer Phase der Radikalisierung.

Frauke Petry von der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen spricht am 01.09.2014 in der Bundespressekonferenz in Berlin.

Quelle: dpa

Leipzig. Die AfD ist längst nicht die Interessenvertretung des kleinen Mannes, als die sich die Partei gern stilisiert. Das sagt Holger Lengfeld (47), Soziologieprofessor an der Universität Leipzig, dessen neue Studie Überraschendes ergeben hat: Erstens sind es eher Gut- und Besserverdiener, die die AfD anziehend finden, und zweitens befindet sich die Partei in einer Phase permanenter Radikalisierung.

Was war der Ausgangspunkt Ihrer Studie?

Ich habe mich gefragt, wer die Leute sind, die die AfD wählen und mit ihr sympathisieren. In der Öffentlichkeit und bei den Parteien findet man häufig die Meinung, dass es sich um sogenannte Modernisierungsverlierer handelt – also um Menschen, die sich wirtschaftlich abgehängt fühlen. Die Studie belegt aber: Die potenziellen Wähler der AfD kommen aus allen Schichten. Und, was der bisherigen Ansicht ebenfalls entgegensteht: Man findet eher Menschen mit mittleren und höheren Einkommen als solche mit niedrigen Löhnen oder Menschen, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind. Die AfD ist also mitnichten die Partei des sogenannten kleinen Mannes.

Worauf begründen sich diese Aussagen?

Auf einer repräsentativen Umfrage, die die bekannte Sonntagsfrage zur Bundestagswahl enthielt, und auf einer Analyse des Grundsatzprogramms. Aus dem Programm wird ganz klar ersichtlich: Die AfD hat mit den kleinen Leuten nicht viel im Sinn, denn sie will eine möglichst freie Wirtschaft mit wenig Eingriffen und so gut wie keine Umverteilung. Das nutzt in der Regel den Besserverdienern. In diesen Punkten ist sie so etwas wie eine Version der früheren FDP.

Das würde aber auch heißen, dass es den typischen AfD-Wähler gar nicht gibt.

Man kann den typischen AfD-Wähler – im Gegensatz zu anderen Parteien – nicht so genau spezifizieren, weil die AfD von vielen Seiten ihre Unterstützung erhält. Ob es nun Arbeiter, Angestellte, Selbstständige oder Rentner sind, ob mit geringerer oder höherer Bildung: Es scheinen häufig Menschen zu sein, die sehr konservative Meinungen vertreten und sich bei der CDU, die unter Angela Merkel weit in die politische Mitte gerückt ist, nicht mehr zu Hause fühlen. Das jüngste Beispiel ist die „Ehe für alle“.

Damit lässt sich auch die Klassifizierung als Protestpartei nicht länger halten?

Die Frage ist, wogegen protestiert werden soll. Die AfD ist mit Sicherheit keine Partei, mit der man gegen die wirtschaftliche Entwicklung oder die als misslich empfundene Lage, in der man sich befindet, protestieren kann. Aber: Die AfD sammelt diejenigen Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nicht einverstanden sind. In diesem Sinn kanalisiert die AfD den Protest.

Das bedeutet: Die Flüchtlings-politik zieht zur AfD – und überlagert alle andere Themen und Ansichten, von denen sich potenzielle Wähler eigentlich abgestoßen fühlen müssten?

Eindeutig. Die AfD ist eine Partei, die auf ihr Grundsatzprogramm möglicherweise sogar verzichten könnte. Es dürfte auch so sein, dass das Programm fast niemand kennt. Wenn die AfD überhaupt zwei klar erkennbare Positionen hat, dann sind das der Europa-Skeptizismus aus der Gründungszeit, also weniger Brüssel und mehr Nationalismus, und der Rechtsruck in den vergangenen beiden Jahren, also alles, was sich unter Flüchtlingskrise, Angst vor Überfremdung und dichte Grenzen zusammenfassen lässt. Unsere neuen Analysen zeigen: Gerade das Flüchtlingsthema überstrahlt bei Sympathisanten alles.

Die sinkenden Umfragewerte haben demnach weniger mit innerparteilichem Streit als mit dem Wegbrechen des Hauptthemas zu tun?

Die AfD hat gerade Probleme. Bundesweit waren es vor einem halben Jahr noch 13 Prozent, aktuell sind es sieben bis acht Prozent. Dagegen ist die Zustimmung im Osten in etwa stabil geblieben. Die AfD lebt davon, Ereignisse, die die Gesellschaft spalten – wie etwa die Flüchtlingspolitik – für sich auszunutzen. Das mag im Osten noch besser gelingen als im Westen. Sie braucht Krisen und die Polarisierung, um möglichst viele Wähler zu mobilisieren.

Die AfD braucht also scharfe, auch populistische Aussagen?

Ja, in ihrer derzeitigen Verfassung auf jeden Fall. Die AfD braucht die Tendenz, sich stetig zu radikalisieren. Unter dem Gründer Bernd Lucke und einigen anderen Wirtschaftsprofessoren war es eine Partei des gehobenen Bildungsbürgertums, das die Vorstellung hatte, die von der CDU aufgerissene konservative Lücke auszufüllen. Durch die Übernahme von Frauke Petry hat sich das schon geändert. Derzeit rutscht die AfD immer weiter nach rechts, durch die neuen Wortführer wie Jörg Meuthen, Alexander Gauland, André Poggenburg, Björn Höcke oder Jens Maier, die die Vorsitzende Petry in ihrem realpolitischen Kurs zurückgedrängt haben. Wenn man so will: Die AfD radikalisiert sich andauernd selbst.

Was heißt das für die weitere Entwicklung der Partei?

Ich bin kein Insider der partei-internen Auseinandersetzung, sondern ein Beobachter ihrer gesellschaftlichen Entwicklung und der potenziellen Wählerschaft. Fest steht: Die Partei ist in Bewegung. Das war bei den Grünen bis in die späten achtziger Jahre aber ähnlich, hier gab es ebenfalls gewaltige Flügelkämpfe. Bis ein Burgfrieden gefunden wurde, hat es ewig gedauert. Der AfD wird es aber nicht guttun, sich noch weiter zu radikalisieren – weil sie sich dann selbst wegradikalisiert. Am rechten Rand gibt es die NPD, da ist die AfD überflüssig.

Was können die Parteien aus Ihrer Studie lernen?

Ein ganz wichtiger Punkt ist: Indem die etablierten Parteien den kleinen Leuten Wahlversprechen machen – zum Beispiel mit den Schlagworten von mehr Umverteilung und mehr sozialer Gerechtigkeit –, wird man die Anhängerschaft der AfD nicht verringern können. Das ist ein großer Trugschluss. Wer als Wähler eine klare Meinung zur Flüchtlingspolitik hat und die bisherige Bundeslinie ablehnt, wird sich von solchen Versprechen oder Gaben nicht umstimmen lassen.

Was bedeutet das für den Wahlkampf?

Alles, was sich innerhalb der Grenzen des Grundgesetzes bewegt, muss diskutiert werden. Ausschlusskriterien, wie sie häufig praktiziert werden, führen zu Polarisierungen und Konflikten, die letztlich der AfD nutzen. Eine Partei – oder auch einzelne Vertreter – zum Feindbild zu stilisieren, nutzt weder der Demokratie noch der Gesellschaft. Deshalb erwarte ich, dass die etablierten Parteien auch mit der AfD sprechen. Im Detail kann das schwierig werden – aber wer politische Positionen entkräften will, muss sich mit ihnen auseinandersetzen, und das natürlich auch öffentlich.

Die Studie ist hier nachzulesen unter:
http://rdcu.be/tD7E

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