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Die Brücke, die Dresden spaltete

Die Brücke, die Dresden spaltete

Es gab auf Familienfeiern dieses ungeschriebene Gesetz: Kein Wort über die Waldschlößchenbrücke! Der Zustand von Dynamo? Unbedenkliches Thema: Falscher Trainer, falsche Spieler.

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Über Jahrzehnte zerstritten sich die Dresdner wegen der Waldschlößchenbrücke. Jetzt ist die Elbquerung da und wird am Wochenende mit einem Fest gefeiert.

Quelle: Dietrich Flechtner

Die letzte Premiere im Staatsschauspiel? Harmloser Gesprächsstoff: Diese neumodischen Regisseure verschandeln sogar die Klassiker. Die Ampelschaltungen in der Stadt? Keine zwei Meinungen: Dresden kann keine grüne Welle, überall Stau.

So plätscherten die Gespräche dahin. Bis ein mit den ungeschriebenen Gesetzen unvertrauter Gast aus den westlicheren Gefilden der Republik die Frage stellte: "Was ist bloß bei Euch in Dresden los? Eine Schande, den Canaletto-Blick mit diesem Monstrum von Brücke zu verstellen!" Da brach es dann los, das Gewitter, da flogen die Argumente wie Gewehrkugeln hin und her: "Die Bürger wollen die Brücke!" "Nein, die Frage beim Bürgerentscheid war falsch gestellt!" "Dresden braucht diese Elbquerung!" "Eine Brücke ja, aber doch nicht an der breitesten Stelle der Elbauen!" "Das Blaue Wunder wird entlastet!" "Der Verkehr von der Waldschlößchenbrücke kann aber nicht abfließen!" Harmoniebedürftige Großtanten streichelten erröteten Großonkeln über den Arm, vergeblich. Alle redeten sich in Rage, die Party war gelaufen.

Streit um mehr als Stahl und Beton

Da steht sie nun fertig da und verbindet das Waldschößchenareal mit der Johannstadt: Die Brücke, die Dresden spaltete. Außenstehende reiben sich bei diesem Anblick die Augen: Diese architektonisch eher mittelmäßige Konstruktion hat dazu geführt, dass sich ein tiefer Graben durch eine ganze Großstadt zog, dass Freundschaften zerbrachen, sich nahe Verwandte nicht mehr grüßten?

Bei dem Streit ging es nie um die Brücke an sich. Sie ist nur ein Symbol, in das jeder hineininterpretierte, was er wollte. Es gab Zeiten, da wurden Redakteure dieser Zeitung von Brückengegnern und -befürwortern gleichermaßen beschimpft. Wegen ein- und desselben Beitrags warfen die einen dem armen Journalisten vor, gemeinsame Sache mit den Brückenbauern zu machen. Während die anderen wetterten, der Schreiber stecke mit den Gegnern unter einer Decke. Bei dem Streit ging es um mehr als Stahl und Beton: Es ging um Politik, Überzeugungen, gekränkte Eitelkeiten, Vorurteile, Befindlichkeiten.

Der Protest gegen den Brückenbau hat die deutsche Einheit in Dresden vollendet. Der Dresdner Bildungsbürger stand Seite an Seite mit dem Wahldresdner aus den alten Bundesländern. Da hat zusammengefunden, was zusammengehört: Der von Uwe Tellkamp in "Der Turm" so trefflich beschriebene Schöngeist vom Weißen Hirsch, dem jeder Neubau in der Stadt ein Gräuel ist. Und der Neudresdner, der seinen Müll politisch korrekt trennt, seine Kinder im Fahrradanhänger zum Kreativtöpfern transportiert und in Autos eine Erfindung des Teufels sieht. Beide Spezies können sich nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die auf ihren fahrbaren Untersatz angewiesen sind, für die ein zügiger Verkehrsfluss zur Lebensqualität zählt. Weil Bildungsbürger und heimisch gewordener Aufbauhelfer Arbeit in Dresden haben und erst anfangen, wenn sich der Staub des Berufsverkehrs längst verzogen hat.

Natürlich verteidigten die Brückengegner einen Wert: Unberührte Natur in einem dicht besiedelten Raum. Doch Dresden ist nicht nur Kunst- und Kulturstadt, Dresden beherbergt mit der Technischen Universität oder der Hochschule für Wirtschaft und Technik Bildungseinrichtungen für die technische Intelligenz. Techniker sehen in unberührter Natur eher keine Idylle, sondern eine Herausforderung, die bebaut werden muss.

Die Brückenbefürworter waren immer in der Überzahl. Sie haben den Bürgerentscheid 2005 gewonnen, ihre Zahl pendelte in Umfragen immer um die60 Prozent plus X. Die Gegner waren präsenter. Sie wussten zu formulieren, sie wurden gedruckt. Techniker schreiben keine Essays wie der Lyriker Thomas Rosenlöcher, der wegen der Proteste gegen die Brücke die Arbeit an seinem Lebenswerk unterbrechen musste - so der Einstiegssatz seines vielveröffentlichten Werkes. Wie plump klingen gegen solche Dichterworte die Wuttiraden eines Arnold Vaatz, der die Brückengegner in einem legendären Brandbrief aufforderte, endlich von den Bäumen herunterzukommen. Prominente Gut- und Bessermenschen wie der unvermeidliche Wolfgang Thierse oder Friedrich Schorlemmer traten gegen die Brücke an. Solch namhafte Unterstützer hatten die Befürworter nicht aufzubieten.

Brutale Schärfe der Auseinandersetzung

Mit der Unesco hatten die Brückengegner einen mächtigen Verbündeten. Doch auch der drohende Verlust des Welterbetitels für das Dresdner Elbtal konnte den Bau nicht stoppen. Wie immer im Brückenstreit verhärteten sich die Fronten, Dresden verlor 2009 den Welterbe-Status. Eine zweifelhafte Ehre, die eigentlich nur von Taliban verwalteten Regionen zuteil wird. Der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) erklärte, der Verlust werde Dresden nichts anhaben. Er scheint Recht zu behalten: Ein Hochwasser verhagelt die Touristenzahlen. Die Frage, ob Dresden Welterbestätte ist oder nicht, spielt bei den Übernachtungszahlen nicht im Ansatz eine Rolle.

Hätte sich der Brückenstreit in seiner Zuspitzung verhindern lassen? Nein. Zwischen Brücke bauen und Brücke nicht bauen gibt es keinen Kompromiss. Die von den Gegnern ins Feld geführte Tunnellösung war nicht mehr als eine Nebelkerze. Ein Tunnel wäre nie genehmigt worden, haben nun schon zwei Gerichte festgestellt. Verhindern lassen hätte sich die brutale Schärfe der Auseinandersetzung, aber da haben sich weder Gegner noch Befürworter etwas geschenkt. Die Gegner müssen sich vorwerfen lassen, den Zeitpunkt zum Aufhören verpasst zu haben. Es ist legitim, für seine Überzeugungen zu kämpfen. Aber wenn diese nicht mehrheitsfähig sind, muss man das akzeptieren und sich die Niederlage eingestehen. Wer trotzdem weitermacht, läuft Gefahr, zum Fanatiker zu werden. Das gilt aber auch für die Befürworter. Die bevorstehende Übergabe der Brücke ist kein Grund für Triumphgeschrei.

Die meisten Brückengegner haben sich inzwischen andere Themen gesucht. Einige sind wie Thomas Löser, immerhin seit diesem Jahr Stadtratsfraktionsvorsitzender, bei den Grünen gelandet. Andere engagieren sich gegen den geplanten Umbau des Kulturpalastes - einmal dagegen, immer dagegen. Brückenstreit gibt es in Dresden auch nach Fertigstellung der Waldschlößchenbrücke: Die dringend erforderliche Sanierung der Albertbrücke ist heftig umstritten. Die Stadtverwaltung wollte während der Bauarbeiten die Elbquerung für Autos sperren, CDU und FDP verhinderten die Pläne in letzter Sekunde mit der Aussicht, mehr Fördermittel einzustreichen. Aber dieses Brückenthema ist nun wirklich zu klein, um Familienfeiern zu sprengen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.08.2013

Thomas Baumann-Hartwig

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