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Die Hochburg der Euro-Kritiker liegt in der Oberlausitz

Die Hochburg der Euro-Kritiker liegt in der Oberlausitz

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist in Sachsen die viertstärkste politische Kraft bei der Bundestagswahl geworden. Die Hochburgen der Euro-Kritiker liegen im Oberlausitzer Dreiländereck.

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Die Alternative für Deutschland (AfD) ist in Sachsen die viertstärkste politische Kraft bei der Bundestagswahl geworden.

Quelle: dpa

In Dürrhennersdorf bei Löbau fuhren sie sogar stolze 15,6 Prozent der Zweitstimmen ein. Die Sorben gelten als sparsam. Ist das ein Grund für ihre Skepsis gegenüber der aktuellen Europapolitik?

"Die Silze sieht aber scheen aus", lobt eine ältere Dame die Verkäuferin der Dürrhennersdorfer Fleischerei Zugwurst. Und weil die Sülze auch noch günstig ist, darf es ruhig etwas mehr sein. Beim Eintüten auf die Erfolge der Euro-Skeptiker im Dorf angesprochen, zuckt die freundliche Dame allerdings ratlos mit den Schultern. "Ich hab die nich gewählt. Aber gegen Milliarden für Griechen und andere Schuldenmacher bin ich och." Warum ausgerechnet das 1000-Seelen-Dorf zwischen Hölleberg, Kuhberg und Höllengrund eine Hochburg der Euro-Kritiker ist, kann sie sich nur so erklären: "Wir Sorben sind sparsam. Geldverschwendung stinkt uns."

Das sieht auch Bürgermeister Albrecht Gubsch als einen Grund dafür an, warum die noch junge Alternative für Deutschland in Dürrhennersdorf und auch in Nachbargemeinden wie Oppach so stark abgeschnitten hat. "Es fällt doch auf, dass die Europapolitik seit Wochen still hält und die deutschen Wahlen abwartet, um gleich danach die nächsten Rettungspakete zu schnüren."

Lieber AfD als NPD

Das parteilose Dorfoberhaupt ist froh, dass sich der Protest in dieser Weise kanalisiert hat. "Die Rechtsextremisten, die hier noch vor ein paar Jahren Stimmen fingen, spielen keine Rolle mehr. Die NPD hat sich pulverisiert, genau wie die Reps." Dass das auch das Schicksal der knapp am Bundestag vorbei geschrammten Euro-Alternative ist, bezweifelt der 48-Jährige. "Die Leute haben Angst ums Eingemachte. Sie suchen in der Eurokrise nach einem Korrektiv. Und das wird den etablierten Parteien offenbar nicht zugetraut."

Finanznöte waren es zum Beispiel, die zur Stilllegung der Bahnstrecke durch die Gemeinde bei Löbau führten. Die Dorfschule ist geschlossen, die Kaufhalle auch. Selbst der Bürgermeister ist mit seiner Verwaltung umgezogen nach Neusalza-Spremberg. "Bei uns in Dürrhennersdorf finden Sie eigentlich nur hochgeklappte Bürgersteige", fasst Cordula Assmann aus der Gemeindeverwaltung zusammen. Nebenbei bebetreibt sie noch ein paar Landläden mit vier Angestellten in der Umgebung. Was die Versorgung der Landbevölkerung betrifft, sei sie hier so was wie die Mutter Theresa, sagt sie mit unverkennbarem Stolz. Dann etwas ernster: "Die Wähler haben sich gegen den Euro entschieden. Na und? Ein Skandaldorf sind wir deswegen noch lange nicht, oder?"

Über vier Kilometer schlängelt sich das Dorf durchs Oberlausitzer Bergland. Ein Bäcker, ein Fleischer, ein paar Handwerker, das war's im Wesentlichen. Mancher würde Schlafdorf dazu sagen. "Stimmt schon: Zum Arbeiten fahren die Leute nach Löbau oder nach Görlitz", sagt Bürgermeister Gubsch. Oder sie gehen ganz weg. "Nach all den überstandenen Seuchen, Kriegen und Plünderungen unserer über 750-jährigen Geschichte macht uns jetzt der Bevölkerungsschwund zu schaffen." Vor allem die 20- bis 40-Jährigen fehlen, "also die Generation, die für Nachwuchs im Dorf sorgen könnte." Zwar seien die Lebenshaltungskosten im Dreiländereck äußerst niedrig, gibt Gubsch zu. "Aber auch die Löhne sind relativ miserabel. Das wollen sich junge, gut ausgebildete Leute nicht antun."

Dürrhennersdorf - wenig verlockend

Und der Tourismus? Immerhin kreuzen sich etliche Wanderwege in Dürrhennersdorf. "Das können Sie vergessen", sagt der Bürgermeister. "Dazu sind wir von den Großstädten zu weit weg - und zu nah dran an der Konkurrenz wie Riesen- oder Elbsandsteingebirge." Die drei, vier Ferienwohnungen im Ort sind derzeit eher schlecht als recht ausgelastet. Immerhin gebe es noch Dorffeste und Tanz, beispielsweise im Schützenhaus oder dem sanierten Rittergut.

Die Nähe zu Polen und Tschechien macht den Oberlausitzern allerdings eher beim Wandern und Tanken Freude. "Hier wird seit der Grenzöffnung viel mehr geklaut", räumt Gubsch einen wesentlichen Nachteil ein. "Das sind nicht immer Luxusautos. Aber wenn zum dritten Mal das Fahrrad weg ist, dann hört es auf, lustig zu sein." Dennoch, mit Abgrenzung und Ausländerfeindlichkeit wollen die Dürrhennersdorfer nicht in Verbindung gebracht werden. Im Gegenteil: Der Umsiedleranteil aus Böhmen ist besonders groß, weil im Krieg ein nahes Bahnviadukt zerstört wurde. Damit war die Gegend vorläufige Endstation für viele Niederschlesier, etliche von ihnen blieben bis heute.

So wie der 88-Jährige Bauer aus dem Oberdorf, der seinen Namen nicht sagen will: "Wegen Datenschutz und so." Dafür verrät er beim Walnüssesammeln, wen er gewählt hat: "Erststimme Alternative für Deutschland, dann erst CDU. Damit wollte ich Kanzlerin Merkel einen Gungs geben, dass es in Europa so nicht weitergehen kann!"

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.09.2013

Winfried Mahr

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