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„Die Notfallversorgung muss dringend reformiert werden“

Interview „Die Notfallversorgung muss dringend reformiert werden“

Der Leipziger Medizinexperte Wilfried von Eiff äußert sich im Interview mit der LVZ zu überlasteten Krankenhäusern und den Anforderungen an die Politik.

Notaufnahme eines Krankenhauses: Auch viele Patienten mit leichteren Symptomen landen hier.

Quelle: dpa

Leipzig. Professor Wilfried von Eiff (68) ist Akademischer Direktor des Center for Health (Gesundheitszentrum) an der HHL Leipzig. Er promovierte im Fach Humanmedizin. Vor der Bundestagswahl fordert er die Reform der Notfallversorgung.

LVZ: Woran liegt es, dass Deutschland so einen großen Rückstand bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens hat?

Wilfried von Eiff: In den vergangenen 20 Jahren sind die Bundesländer nicht in ausreichendem Maß ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur bedarfsgerechten Ausstattung der Krankenhäuser mit Investitionsmitteln nachgekommen. Dieser Investitionsstau verhindert auch die Finanzierung der Digitalisierung. Die Krankenhäuser werden derzeit mit der Finanzierung der Digitalisierung alleine gelassen. Offenbar glaubt man in der Politik, Digitalisierung sei eine Aufgabe, die durch die einzelnen Krankenhäuser zu leisten sei. Dies ist aber ein Irrtum: Digitalisierung setzt optimierte Arbeits-, Informations- und Entscheidungsprozesse voraus, und zwar unter Einbindung aller Partner im Gesundheitssystem: medizinische Leistungsanbieter, Krankenkassen, Medizin- und Pharmaindustrie.

Warum dauert das so lange?

Weil momentan weder eine schlüssige Digitalisierungsstrategie vorliegt, noch die Finanzmittel für eine Anschubfinanzierung oder für Pilotprojekte bereitstehen. Es fehlt die Einsicht der Notwendigkeit.

Von welchen Größenordnungen
reden wir?

Die Anschubfinanzierung liegt im sechsstelligen Millionenbereich. Dies liegt an der heterogenen, auf die isolierten Bedürfnisse der einzelnen Sektoren zu-
geschnittenen Informationsinfrastruktur. Der größte Aufwand besteht darin, vor der Einführung von Technologie die Geschäftsprozesse zu optimieren. Im Durchschnitt investieren Krankenhäuser 1 bis 1,5 Prozent ihres Umsatzes in die IT-Technologie. In der Finanzbranche sind es etwa 10 Prozent. Deshalb ist die Finanzwelt in der Digitalisierung am weitesten fortgeschritten.

Die Notfallversorgung ist ein Thema, bei dem es immer wieder zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten knirscht.

Ganz deutlich: So wie es bisher gelaufen ist, kann es nicht mehr weitergehen. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ist auf Dauer nicht in der Lage, eine angemessene medizinische Notfallversorgung alleine zu organisieren. Man sollte den Sicherstellungsauftrag speziell für die Notfallversorgung neu strukturieren. Im Zentrum dieses Sicherstellungsauftrags stehen aus meiner Sicht die Krankenhäuser.

Aber es gibt einen Kassenärztlichen Notdienst.

Vor 14 Tagen habe ich beispielsweise in Münster erlebt, dass eine Patientin am Sonntagmittag, 14 Uhr, mit Ohrenschmerzen in die Notfallaufnahme der HNO-Klinik kommt und dort erfährt, dass die Ambulanz nur zwischen 22 und 7 Uhr Dienst hat und sie deshalb zum Notdienst der KV soll. Die KV wird angerufen und teilt die Telefonnummer eines niedergelassenen HNO-Arztes mit. Und plötzlich merkt die Patientin mit den Schmerzen im Ohr: Das ist die Nummer einer Praxis, die 60 Kilometer entfernt in Rheine gelegen ist. Wenn aber der Notfall eingetreten ist, dann kann man nicht mehr 60 Kilometer mit dem Auto fahren.

Umgekehrt sind doch aber die Krankenhäuser überlastet mit Patienten mit leichteren Symptomen, die die Notaufnahme blockieren?

Natürlich sind sie überlastet. Sie werden erstens nicht mit den notwendigen Kapazitäten ausgestattet, weil offiziell der Sicherstellungsauftrag bei der KV liegt, und sie werden zweitens nicht aufwandsgerecht dafür bezahlt. Sie bekommen für einen Notfallpatienten in aller Regel 30 Euro, aber ein durchschnittlicher Patient verursacht in der Notaufnahme Kosten von 126 Euro. Das sind krasse Fehlbeträge jedes Jahr, die draufgelegt werden müssen.

Das summiert sich dann?

Mehr als 11 Millionen Patienten werden in den Ambulanzen der Krankenhäuser jährlich versorgt. Das Defizit liegt insgesamt bei über einer Milliarde Euro, verteilt auf etwa 1700 Krankenhäuser, die der Notfallversorgung angeschlossen sind.

Die KV Sachsen zahlt Ärzten bis zu 750 Euro Prämie im Quartal, wenn sie zu ihren Öffnungszeiten auch telefonisch erreichbar sind.

Das ist für mich ein Armutszeugnis und Indiz dafür, dass die Notfallversorgung dringend reformiert werden muss.

Wird die Fusion bei den Gesetzlichen Krankenkassen weitergehen?

Ja, weil wir in Deutschland im Moment noch rund 115 Gesetzliche Krankenkassen haben. Ich gehe davon aus, dass sich der Konsolidierungsprozess fortsetzt.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der neuen Legislaturperiode?

Ein großes Problem sind die Arbeitsbedingungen für Ärzte und Pflegekräfte. Bei letzteren kommen noch die Verdienststrukturen dazu. Wir müssen dafür sorgen, dass beide Berufe wieder attraktiver werden. Die Arbeitsbedingungen müssen familienfreundlicher gestaltet und die Bezahlung in adäquater Weise erhöht werden. In der Pflege besteht das Problem insbesondere darin, dass wir zu wenig Fachkräfte haben, die auf Intensivstationen oder in den OP-Bereichen arbeiten. Das betrifft vor allem die Ballungszentren und führt dazu, dass weniger operiert werden kann. Und das wiederum führt zu Wartezeiten. Auf der Agenda ganz oben steht auch der Dauerbrenner Investitionsfinanzierung.

Welche Reformansätze gelten als besonders umstritten?

Zu heißen Diskussionen dürfte die Einführung einer Personaluntergrenze für Pflegekräfte führen. Besonders umstritten ist die Absicht des Gesetzgebers, Krankenhäuser zu bestrafen, die diese Mindestzahl für Pflegekräfte nicht erreichen. Schon heute ist es vielen Krankenhäusern gar nicht möglich, qualifiziertes Personal zu bekommen.

Interview: Roland Herold

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