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„Die Situation in den Oberschulen ist kaum noch zu retten“

Sachsens GEW-Chefin im Interview „Die Situation in den Oberschulen ist kaum noch zu retten“

Die sächsischen Lehrer-Gewerkschaften werden am Mittwoch vor dem Landtag gegen das Bildungspaket und den Personalnotstand demonstrieren. Im Interview spricht Sachsens GEW-Chefin Uschi Kruse  über Streikbereitschaft, Bildungspaket und die Wut unter den Lehrern.

Im Interview spricht Sachsens GEW-Chefin Uschi Kruse  über Streikbereitschaft, Bildungspaket und die Wut unter den Lehrern. (Archivbild)

Quelle: Kempner

Dresden. Die sächsischen Lehrer-Gewerkschaften werden am Mittwoch vor dem Landtag gegen das Bildungspaket und den Personalnotstand demonstrieren. Das ist erst der Anfang, sagt die GEW-Landesvorsitzende Uschi Kruse.

LVZ: Das Bildungspaket ist mit 214 Millionen Euro für 2017/18 beschlossen. Der Sächsische Lehrerverband fordert nach einer Mitgliederbefragung deutliche Nachbesserungen. Frau Kruse, mal ehrlich: Warum wird wieder protestiert – können die Gewerkschaften nicht genug bekommen?

Uschi Kruse: Erstens: Wenn man die Summe mit dem Gesamthaushalt des Kultusministeriums – immerhin 3,5 Milliarden Euro pro Jahr – vergleicht, relativiert sich der Betrag entscheidend. Zweitens: Wenn man betrachtet, woher das Geld genommen wird, zum Großteil aus dem Asylpaket, relativiert sich ebenfalls einiges. Und schließlich: Die Frage ist nicht, ob wir Gewerkschaften nie genug bekommen können – sondern, ob das zur Verfügung gestellte Geld ausreicht, um die Probleme an den Schulen zu lösen. Genau das ist nicht der Fall. Vielmehr ist es so, dass für die Lehrer von dem Bildungspaket verheerende Signale ausgehen. Die Wut in den Klassenzimmern ist gewaltig und war in den letzten 20 Jahren selten größer, das haben unsere Regionalkonferenzen gezeigt.

Sie sprechen von verheerenden Signalen. Welche sind das?

Zum einen ist es der viel zu geringe finanzielle Umfang des Maßnahmenpaketes, hinzu kommen neue Ungerechtigkeiten zwischen Lehrern wie auch zwischen Schularten. Außerdem werden falsche Anreize gesetzt, es mangelt an Anerkennung, die bildungspolitischen Herausforderungen werden in ihrer Gesamtdimension ignoriert. Wir protestieren ja nicht, weil wir stur sind, sondern um auf die Missstände aufmerksam zu machen, um Eltern und Kinder vor den Auswirkungen des Bildungspakets zu warnen – und um etwas zu verändern. Wenn sich die Staatsregierung nicht bewegt, wird es auf einen Arbeitskampf hinauslaufen, also Streiks geben. Die Aktion am Mittwoch ist erst der Anfang.

Wo ist Hilfe am nötigsten?

Auch wenn eine Rangfolge kaum möglich ist: In der Tat ist die Situation in den Oberschulen am verfahrensten und, wenn man ehrlich ist, kaum noch zu retten. Insofern war es vernünftig, die Schulart auch finanziell aufzuwerten. Die Verbesserungen betreffen aber nur ein paar hundert der 8300 Oberschullehrer sowie die künftigen Lehrer. In den nächsten Jahren kann nicht einmal jede fünfte ausscheidende Lehrkraft durch entsprechend ausgebildete Absolventen ersetzt werden. Und das wird jetzt als der große Erfolg verkauft. Insgesamt wird Sachsen bei den Gehältern – anders als die Staatsregierung weismachen will – bundesweit keineswegs konkurrenzfähig, sondern kleckert weiter als Rote Laterne hinterher.

Es geht also ums Geld?

Ganz entschieden: Nein, es geht nicht nur um Gehälter. Wenn man beispielsweise die Gesamtsituation an Oberschulen nicht verbessert, muss sich niemand wundern, dass sie zu verkappten Hauptschulen werden, die kaum noch in den Griff zu bekommen sind – weil bildungsbewusste Eltern ihren Kindern den Notstand nicht zumuten wollen und zu Gymnasien oder freien Schulen ausweichen. Das hat nicht nur bildungspolitische, sondern auch wirtschaftliche Aus- wirkungen: Aus den Oberschulen müssen die viel gesuchten Fachkräfte nachrücken.

Was ist mit den Grundschullehrern, deren Stundenzahl leicht reduziert wurde? Zudem sind hier mehr als hundert Neueinstellungen beschlossen worden.

Das löst doch die Probleme nicht. Grundschullehrer werden bundesweit gesucht. In Sachsen werden sie nun zur tariflich abgehängten Gruppe. Sie bleiben in der Entgeltstufe 11, weil der Freistaat starrsinnig war und sich bundesweit tariflich eingemauert hat. Das hat gravierende Folgen: In den nächsten Jahren werden viele Gymnasiallehrer, die dort keine Anstellung finden, überlegen müssen, an welcher Schule sie anfangen – falls sie in Sachsen bleiben. Man kann sich ausrechnen, dass sie aufgrund der Tarifsituation nicht an Grundschulen gehen. Das heißt: Die Probleme an Oberschulen werden nicht gelöst und die Probleme an Grundschulen werden vergrößert. Bei den Förderschulen ist es ähnlich, auch hier bekommt nicht ein Lehrer mehr Geld. Unterm Strich steht: Das Bildungspaket ist so halbherzig wie eilig zusammengeschustert worden.

Die Gespräche mit den Gewerkschaften waren Ende September gescheitert. Es musste gehandelt werden.

Wir hätten sicherlich weiterverhandelt, wenn die Chance bestanden hätte, den Lehrerberuf in Sachsen tatsächlich attraktiver zu machen. Möglicherweise hätten wir die Gespräche auch noch geführt, wenn die Staatsregierung in irgendeiner Form signalisiert hätte, dass sie die Not im Grundschulbereich erkannt und dass sie an echten Entlastungen für alle Lehrer – egal welcher Schulart – ein Interesse hat. Aber das Konzept, einige wenige Lehrer besser zu bezahlen, den Druck auf die Lehrer insgesamt zu erhöhen und Probleme ansonsten konsequent zu ignorieren, konnten wir nicht unterstützen. Was uns jetzt präsentiert wird, schafft sehr viele Ungerechtigkeiten: Sowohl zwischen jungen Lehrern wie auch zwischen jungen und älteren Lehrern, die unterschiedlich bezahlt werden.

Was sehen Sie denn als Lösung?

Bei der völlig miserablen Personalsituation – die nicht zufällig entstanden ist, sondern in den letzten 20 Jahren mit Ansage produziert wurde – kann man nur mit viel Kraft, Fantasie und guten Willen ein Gesamtpaket schnüren. Das würde die Probleme nicht lösen, aber die Lage wenigstens entschärfen. Dazu gehört, dass es nicht nur ein Modellprojekt mit 39 Schulverwaltungsassistenten gibt, die die Lehrer entlasten, sondern dass alle Oberschulen solche Helfer erhalten und je drei Grundschulen einen Assistenten erhalten. Und: Schulsozialarbeit muss tatsächlich abgesichert werden. An den Schulen muss Verzichtbares weggelassen werden, damit ältere Lehrkräfte nicht weiterhin mit den Füßen abstimmen und vorzeitig in Rente gehen. Wir haben mindestens noch ein Dutzend Vorschläge gegen die Schul- und Schüler-Not.

Stichwort Lernschwächere. Auch hier reichen Ihnen die Programme nicht aus.

Überhaupt nicht, denn man muss die Gesamtsituation betrachten. Was für mich nicht nachvollziehbar ist: Die Kultusministerin hält an ihrer Begabtenförderung fest, vergisst aber die Unterstützung derjenigen, die besondere Hilfe benötigen. Das heißt, bildlich gesprochen: Hier wird sich um die Tischdekoration gekümmert – statt dafür zu sorgen, dass erstmal genug auf dem Teller ist. Da stimmen die Relationen einfach nicht. In dieser Situation muss es doch darum gehen, sicherzustellen, dass jedes Kind eine gute Bildung erhalten kann. Letztlich kommt das dem Freistaat Sachsen zugute.

Interview: Andreas Debski

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