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Die letzte Reise der „Windhuk“: 89-jähriger Sachse erinnert sich an die Odyssee anno 1939

Die letzte Reise der „Windhuk“: 89-jähriger Sachse erinnert sich an die Odyssee anno 1939

São Paulo/Leisnig. Auf der Speisekarte im „Windhuk“ stehen Paprika-Schnitzel mit Klößen, Forelle Müllerin-Art, Erbsensuppe mit Würstchen und vieles mehr. Auch Hackepeter-Häppchen und Apfelstrudel werden in dem rustikalen Lokal in São Paulo gern bestellt.

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Der 89-jährige Rolff Stephan steht in Sao Paulo im Restaurant „Windhuk“ unter dem Bild des deutschen Passagierschiffes „Windhuk“, mit dem er als 18-Jähriger als „Steward-Anwärter“ 1939 in den Wirren des Weltkrieges ungewollt nach Brasilien kam.

Quelle: dpa

Deutsche Restaurants im Ausland sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch das „Windhuk“ erzählt die einzigartige Geschichte vom gleichnamigen deutschen Passagierschiff, das in den Wirren des Zweiten Weltkrieges weit ab von Kurs und Heimat im Hafen von Santos „strandete“. „Eine lange Reise“, sagt Rolff Stephan. Er ist einer der wenigen von der Besatzung, die noch leben.

Der 89-jährige Sachse aus Leisnig isst mit Genuss eine Erbsensuppe. Er war Mitgründer des „Windhuk“-Restaurants, das heute von den Brüdern Valfrido und Francisco Krieger geführt wird. Stephan war erst 18 Jahre, als er 1939 auf dem Turbinenschiff als Steward-Anwärter anheuerte. Es lockten die Ferne, Abenteuer und die See. Dabei lag der Krieg schon in der Luft, als die „Windhuk“ am 21. Juli 1939 mit etwa 400 wohlbetuchten Passagieren und 250 Crew- Mitgliedern zu ihrer 13. Reise gen Afrika aufbrach. Wie zwölfmal zuvor ging es zunächst nach Holland, Belgien, England, Spanien, dann die Westküste Afrikas entlang bis nach Südafrika und Mosambik.

Stephan erinnert sich an den 26. August 1939, als die „Windhuk“ vor Kapstadt ankerte. Es war nachmittags, gegen 16.00 Uhr, als über die Bordlautsprecher die Durchsage dröhnte: „Wir verlassen um 22.00 Uhr den Hafen. Ziel unbestimmt.“ Südafrika, damals britische Kolonie, war für ein deutsches Schiff zu gefährlich. Großbritannien erklärte Nazi-Deutschland am 3. September, zwei Tage nach dessen Überfall auf Polen, den Krieg. Die meisten Passagiere, darunter auch Holländer, Engländer und Amerikaner, gingen in Kapstadt von Bord.

Die „Windhuk“ fand für einige Wochen Unterschlupf im Hafen von Lobito im heutigen Angola. Von dort aus machten sich fünf Crew- Mitglieder heimlich mit einem Motorrettungsboot auf den Weg nach Europa. 73 Tage und 4568 Seemeilen später kamen sie in Las Palmas an und gelangten mit Hilfe des mit Deutschland befreundeten Regimes des Diktators Franco zurück in die Heimat.

Auch die „Windhuk“ sollte eigentlich nach Deutschland zurück. Doch reichte der Treibstoff nicht. Auch war es zu gefährlich. „Wir nahmen Kurs auf Argentinien, sind dann aber in Santos (Brasilien) eingelaufen“, berichtet Stephan. Das war am 7. Dezember 1939. Damals war Brasilien noch neutral. Aber zur Sicherheit lief die „Windhuk“ unter falscher Flagge und falschem Namen („Santos Maru“) in Santos ein. Zudem hatte der Kapitän das Schiff auf See neu streichen lassen.

Ein waghalsiges Unterfangen, denn die Seeleute wurden auf Stricken und Brettern an den Schiffswänden herabgelassen, wie Bilder zeigen. „Es erging die Order: Wenn jemand ins Meer fällt, kehren wir nicht um“, erzählt Kurt Koch, der als 18-jähriger Seemannslehrling auf dem Schiff war, in unveröffentlichten Dokumentar-Filmaufnahmen über die Geschichte und das Leben der „Windhuker“ in Brasilien. Mit dem Einlaufen in Santos begann für die mehr als 240 Crew-Mitglieder eigentlich eine gute Zeit, die viele später als paradiesisch bezeichneten.

Die Besatzung bekam ihr Gehalt nach Brasilien überwiesen. Viele wohnten in Pensionen, mieteten sich Wohnungen oder gar Häuser in Santos und Umgebung. „Es waren wunderbare Tage. Mein Traum war es, in einem tropischen Land zu leben“, schilderte Heinz Spoerl in dem kleinen „Windhuk“-Buch „O Canto do Vento“ (Das Lied des Windes) seine Stimmung. Aber alles änderte sich, als Brasilien im Januar 1942 die Beziehungen zu Berlin abbrach und im August desselben Jahres Deutschland den Krieg erklärte. Alle „Windhuker“ wurden festgenommen und bis Kriegsende in Internierungslager eingesperrt.

Aber danach blieben fast alle in Brasilien. Sie heirateten, gründeten Familien, arbeiteten in der Gastronomie, der Autoindustrie oder bei Telekommunikationsunternehmen. Wenige gingen später zurück nach Deutschland, wie etwa Arno Friese, der heute in Hamburg lebt und im August 100 Jahre alt wird. Für den in São Paulo lebenden Rolff Stephan war das nie wirklich eine Option: „Es waren gute Jahre hier. Ich habe eigentlich nie daran gedacht, nach Deutschland zurückzugehen.“

Helmut Reuter, dpa

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