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Die starke Frau und das Meer - schwerkranke Autorin geht auf große Reise

Die starke Frau und das Meer - schwerkranke Autorin geht auf große Reise

Gießen/Timmendorfer Strand. Die schwerkranke Maria Langstroff (27) bricht auf zu ihrer wohl anstrengendsten und schönsten Reise zugleich. Seit vier Jahren sieht sie nur eines - ihr Zimmer in einem Gießener Pflegeheim.

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Die schwerkranke Maria Langstroff (27) bricht auf zu ihrer wohl anstrengendsten und schönsten Reise zugleich.

Quelle: Marie Schulz

Jetzt hat sich die Autorin einen Traum erfüllt: ein letztes Mal das Meer sehen.

Als sie sich zum letzten Mal sahen, waren sie Kinder. Er wollte Feuerwehrmann werden, sie Lehrerin. 13 Jahre sind seither vergangen. Sein Wunsch hat sich erfüllt. Ihre Wünsche hingegen sind bescheidener geworden. Er rettet jeden Tag Leben. Sie kämpft jeden Tag um ihres. Er, das ist Stefan Heinemann, ein Feuerwehrmann aus Kassel. Sie, das ist Maria Langstroff, Bestseller-Autorin aus Gießen. Seit vier Jahren ist sie in einem Pflegeheim zu Hause. Ans Bett gefesselt, halsabwärts gelähmt, von epilepsieartigen Krampfanfällen geschüttelt, unter chronischen Schmerzen leidend. Sie und ihn verbindet mehr als eine Kinderfreundschaft. Es ist der Wunsch, das Unmögliche möglich zu machen. Einmal noch das Meer sehen. Das dunkle Zimmer im Pflegeheim hinter sich lassen. Den Wind spüren. Salzwasser schmecken. Abends den Sand aus den Haaren gekämmt bekommen. Ein bescheidener Wunsch - für einen Gesunden. Ein fast schon gieriger, für eine Sterbenskranke.

Aber Langstroff ist gierig - nach Leben. Rücksichtslos ist sie mittlerweile auch. Ihrem Körper gegenüber. Egoistisch sowieso. Darf sie auch sein. Muss sie doch am Tag 1000 Mal um Hilfe bitten. "Ich will ans Meer", sagte sie in einem Interview mit Reinhold Beckmann. "Ich will ihr helfen", sagte Feuerwehrmann Heinemann, der die ARD-Talkshow zufällig im Fernsehen sah. Mit seinem Vater, Henri Heinemann, Polizist und Ausbilder beim Deutschen Roten Kreuz in Kassel, trommelte er ein Team freiwilliger Helfer zusammen. Feuerwehrleute, Sanitäter, Rettungsassistenten und einen Notarzt. Sie alle kennen Langstroff nur aus den Medien. Ihnen allen reicht das, um zu sagen: "Wir packen an."

Mutter, Vater, Bruder und Schwägerin - sie alle sollen mit ans Meer. Zwei Krankenschwestern reisen ebenfalls mit. Und die Patientenverfügung. Ein Schippchen für den Sand, ein Flugdrache und Sauerstoff sind ebenso mit an Bord. Der für die Intensivmedizin ausgerüstete Rettungswagen, den das Rote Kreuz kostenfrei zur Verfügung stellt, fährt vorweg. Der Kleinbus mit den Eltern, Gepäck und Pflegematerial folgt.

Es ist eine Reise mit ungewissem Ausgang. Langstroff weiß das. Und sie will gut aussehen. Vor der Abfahrt hat sie sich noch einmal frische Strähnchen in ihr blondes Haar machen lassen. Ihre Friseurin hat ihr laut Lebewohl gewünscht. Zahlreiche Freunde haben es leise gedacht. Jede Abweichung vom Alltag ist für die 27-Jährige lebensgefährlich. Nach vier Jahren in einem abgedunkelten Raum, ernährt durch eine Magensonde, dauerhaft angewiesen auf starke Medikamente, hat sie den Respekt vor dem Wort Lebensgefahr verloren. Die einzige Gefahr, die sie kennt, ist sich zu Tode zu grübeln. Die Medizin, die sie am Leben hält, sind die vielen kleinen und großen Ziele, die sie sich steckt. Manche hat sie schon erreicht: zwei Bücher geschrieben, ein Hörbuch eingelesen, eine Dokumentation gedreht. Nebenbei das Lehramtsstudium niemals ruhen lassen, den Lebensmut nicht verloren.

Die Fahrt zehrt an Langstroffs Kräften. Der Wagen schaukelt. Sie krampft. Das Gerät zur Sauerstoff-Überwachung piepst. Im Inneren des Rettungswagens ist es nahezu dunkel. Die Fenster wurden mit einer Folie abgeklebt. Starke Außenreize wie etwa Licht oder Lärm lösen bei der 27-Jährigen immer wieder Krampfanfälle aus - mehrmals muss Notarzt Helge Ritter Medikamente spritzen. Gönnt ihrem Körper eine künstliche Pause. Die Eltern bekommen davon wenig mit. Ahnen es. Wissen es insgeheim. Diese Reise an die Ostsee, das wissen sie beide, ist Wahnsinn, Leichtsinn und Lebenssinn zugleich. Über ihre Sorgen reden sie ungern. Müssen sie auch nicht. Sie stehen ihnen ins Gesicht geschrieben.

Acht Stunden dauert die Fahrt an den Timmendorfer Strand. Die Sonne droht schon unterzugehen, als der Rettungswagen endlich einen Parkplatz mit Meerblick ansteuert. Ein Fernsehteam wartet auf die Ankunft der schwerstkranken Lehramtsstudentin. Man kennt sich. Küsschen links, Küsschen rechts. Langstroff ist ein Medienprofi. Die erste Szene wird noch im Krankenwagen gedreht. Touristen bleiben stehen. Zücken ihre Handys und filmen. Fragen - das traut sich keiner. Und dann wird sie ausgeladen. Eine weinende Frau. Voller Erschöpfung, voller Erleichterung, voller Unglaube. Da ist es also: das Meer. Und für einen kleinen Moment scheint es, als könnten alle Beteiligten durchatmen. Sogar Notarzt Ritter. Seine Augen sind müde. Zwei Wochen hat er zuvor durchgearbeitet. Die zweitägige Reise: Freizeit.

Acht Stunden im Rettungswagen haben auch bei ihm Spuren hinterlassen. Etappenziel erreicht? "Ganz erleichtert bin ich erst, wenn sie wieder wohlbehalten im Pflegeheim ist", sagt er. Denn auch wenn die Gießenerin in einer Patientenverfügung erklärt hat, sich der Risiken von Komplikationen bewusst zu sein, weiß er: Wenn sich ihr Zustand rapide verschlechtert, ruht die Hoffnung auf ihm. "Die Herausforderung besteht darin, sie trotz der Krampfanfälle, die nur medizinisch durchbrochen werden können, nicht zu sehr mit Medikamenten zu sedieren. Sie darf nicht zu müde werden. Dann wäre die Reise umsonst gewesen", erklärt der Anästhesist.

Langstroffs Vater findet langsam seine Sprache wieder. Zum ersten Mal an diesem Tag. "Wenn sie es bis hierher geschafft hat, habe ich keine Bedenken mehr", sagt er und setzt sich neben seine Tochter. Mutter und Bruder halten noch ein bisschen Abstand. Fast ungläubig blicken sie auf die Tochter, Schwester. Wie sie daliegt. Auf einer Trage. Mitten im Sand. Lächelnd. Und schweigend. Sie sagt nicht viel. Sie weint nur ab und an. Die Schmerzen, die versucht die Frau klaglos zu ertragen. Sie ignoriert sie, als die Sonne untergeht. Und auch, als die Sterne über dem Strand zu leuchten beginnen. Fast schon kitschig die Szenerie. Und Kitsch verträgt keinen Schmerz. Und dann, mitten in die Stille hinein, sagt sie: "Jeder sollte sich eine Liste machen von den Dingen, die er noch erleben will."

Sie hat einen weiteren Punkt abhaken können. Wie viele Häkchen sie noch setzten will, verrät sie nicht. Die Rückfahrt zum Hotel erfolgt schweigend. Die Nacht ist dafür umso lauter. Auf dem Flur ist klassische Musik zu hören, im Zimmer poltern Langstroffs nackte Füße gegen das hölzerne Bett. Sie zahlt die unbeschwerten Stunden am Meer mit schweren Anfällen. Es musste das volle Leben sein - und ein Stück Pizza obendrauf.

Eine schlaflose Nacht steht denen bevor, die an der Seite der 27 Jahre alten Frau wachen. Aber auch denen, die in ihren Hotelbetten liegen. Die Reise: emotionaler Dauerstress. Sorge und Freude wechseln im Sekundentakt. Nur die Hauptperson - die wirkt am nächsten Morgen wie gelöst. Sie hat große Pläne. Will noch einmal an die Elbe. Notarzt Ritter will das nicht - zu groß die Bedenken. Er behält das letzte Wort. Maria schweigt auf der Rückfahrt, schläft und krampft. Wacht auf, besteht auf Erinnerungsfotos, schläft, krampft und schweigt weiter. 510 Kilometer lang. Irgendwann verlangt sie nach frischer Luft. Auf einem Rasthof im Harz kommt der Rettungswagen zum stehen. Es dämmert. Sie setzt ihre Sonnenbrille auf, blinzelt. Müde ist sie. Und blass. Und trotzdem lächelt sie. Es ist nicht das Lächeln einer Schwerkranken. Eher das einer Kämpferin. Müde murmelt sie: "Jetzt erst recht."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.11.2013

Marie Lisa Schulz

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