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Dienst am Abgrund: Ein Jahr nach dem Erdrutsch von Nachterstedt

Dienst am Abgrund: Ein Jahr nach dem Erdrutsch von Nachterstedt

Über ein Jahr liegt der Erdrutsch am Concordia-See nun zurück. Noch immer bewachen Sicherheitsleute das Areal. Sie kommen beinahe täglich an den Ort des Unglücks - und müssen dennoch Distanz wahren.

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Ein Jahr nach dem Erdrutsch von Nachterstedt ist das Gebiet immernoch weiträumig gesperrt.

Quelle: Volkmar Heinz

Nachterstedt. Eine schwierige Aufgabe.

Heiko Körner versucht, die drei Toten zu vergessen, die 500 Meter von ihm entfernt verschüttet liegen. Unter 2,5 Millionen Kubikmetern Erde sind sie auf dem Grund des Concordia-Sees begraben. Eines der Opfer von Nachterstedt kannte Körner. An dessen Gesicht kann er sich noch erinnern. Doch Körner verlöre den Kopf, würde er ständig daran denken. Er könnte nicht in das Auto zu seinem Kollegen steigen und mit der Patrouille beginnen. Gerade die Sicherheitsmänner, die die Sperrzone am See bewachen, müssen den Überblick behalten. Der Ort des Unglücks rückt daher weit weg - selbst nach über einem Jahr.

Körner weiß noch, wie er von seinem Chef angerufen wurde, zwei Tage nachdem die Erde in der sachsen-anhaltischen Gemeinde bebte. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft (LMBV) heuerte einen Sicherheitsdienst an, um der Lage Herr zu werden. Denn damals wie heute ist unsicher, ob der Erdboden noch einmal nachgibt. Zwar beobachten die Bergbau-Experten den See rund um die Uhr. Aber Schätzungen über einen neuerlichen Abrutsch will niemand abgeben. Stattdessen zog die LMBV einen Sicherheitskorridor, den keiner betreten darf - außer der Bergwacht und den Experten des Bergbauunternehmens: Sechs Doppelhäuser und ein Einfamilienhaus stehen nun einsam am See. Ihre Bewohner sind Hals über Kopf geflohen. Körner sieht die Gebäude, wenn er zusammen mit einem seiner zwölf Kollegen zu den Touren rund um das Areal startet. Beachtung schenkt der 45-Jährige ihnen schon lange nicht mehr. Er schaut kaum zu ihnen rüber.

Am Anfang war das anders. Viele Gedanken gingen ihm am 21. Juni 2009 durch den Kopf, als er den Dienst in Nachterstedt antrat. Knapp vier Wochen vorher hatte er noch einen Ausflug mit der Seelandperle auf den See gemacht. Seine beiden Töchter - elf und 16 Jahre alt - waren mit dabei, als sie gemütlich an Bord des kleinen Bootes über das künstliche Gewässer tuckerten. Er kam im Sommer gelegentlich hierher, nahm ein Bad, genoss die Sonne - sein Heimatort Cochstedt liegt nur rund zwanzig Kilometer entfernt. Er kannte das Terrain - doch er erkannte es nun kaum wieder. Als er das erste Mal die Unglücksstelle vom gegenüberliegenden Ufer sah, wollte er jeden Unterschied ausfindig machen. Mit seinen Augen suchte er die Landschaft ab, nahm jede Veränderung auf. Doch das hat sich inzwischen gegeben. Es war notwendig.

"Wenn sich ein Mitarbeiter das Unglück zu sehr zu Herzen nimmt, verliert er die nötige Distanz", sagt Enrico Walther, Leiter des Sicherheitsdienstes Kötter in Nachterstedt. "Man hat dann den Kopf nicht mehr für die entscheidenden Dinge frei." Einer seiner Leute unterschätzte die psychische Belastung, hat mittlerweile gekündigt. Er kam wie Körner aus der Region. Doch das Unglück holte ihn immer wieder ein, er ertrug es nicht mehr. Dabei hatte er den richtigen Trubel nicht miterlebt. Körner dagegen schon.

Körner war vor Ort, als den Anwohnern gesagt wurde, dass sie nicht mehr in die Häuser könnten. Er ertrug es, dass sie ihn anschrien, ihn anbettelten, ob sie doch noch für einen kurzen Moment zurück könnten. Wenigstens ein paar Habseligkeiten wollten sie holen. Körner hörte es - und ließ sie trotzdem nicht. Egal, ob ein Mann verlangte, nach seinem Haustier zu suchen. Gleich, ob eine Frau einen Aktenordner aus ihrem Regal ziehen wollte, den sie für ihren neuen Job benötigte. "Wenn man sich auf Diskussionen einlässt, hat man schon verloren", sagt er. Auch ihre Tränen sah er nicht. Weinten sie am Gedenkstein um die Toten, drehte er sich diskret weg. "So leid mir die Leute taten, ich konnte nichts für sie tun. Sie sollten sich doch nicht in Gefahr begeben." Den Gedanken, was er tun würde, wenn er an ihrer Stelle wäre, schob er beiseite. Er konnte sie verstehen, aber er durfte keiner von ihnen sein.

In den vergangenen Monaten ist es dagegen ruhiger geworden. Nur vereinzelt kommt es noch zu Zwischenfällen. Diebe, die in der Anfangszeit die Häuser plündern wollten, sind selten geworden. Auch die Bewohner der sich selbst überlassenen Häuser kommen nicht mehr an die Unglücksstelle. Sie wurden mittlerweile entschädigt. Der Besitzer, der die Fenster putzen wollte, war schon die Ausnahme. Es sind nur Katastrophentouristen und Neugierige, die sich immer wieder Zutritt zum See verschaffen wollen.

Schon deshalb bewegen sich Körner und seine Kollegen wie Schatten durch Nachterstedt und Umgebung. Sie gehören zum Alltag, sollen aber unsichtbar sein. Der Kontakt ist auf ein Mindestmaß reduziert. Ein freundliches Nicken, ein kurzer Gruß, mehr nicht. Sie müssen Distanz wahren, denn noch immer polarisiert das Unglück. Noch immer ist ungeklärt, was zum Erdrutsch führte. Immer wieder tauchen neue Theorien zur Ursache auf. Ein endgültiges Gutachten soll erst Ende 2011 vorgelegt werden. Bis dahin werden auch die Zäune mit den großen Schildern um das Areal stehen, die vor Lebensgefahr warnen. Und auch die Sicherheitsmänner werden weiter ihren Dienst verrichten.

"Schade, dass wir durch so ein Unglück Arbeit bekommen haben", sagt Körner und hält inne. Er führt den Gedanken nicht zu Ende. Sonst könnten die Toten wieder auftauchen.

Kai Kollenberg

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