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Doppelmord in Groitzsch: Polizei sucht nach Hinweisen an Tatorten

Doppelmord in Groitzsch: Polizei sucht nach Hinweisen an Tatorten

Groitzsch. Nach dem Doppelmord im westsächsischen Groitzsch fahndet die Polizei weiter nach dem Täter. Es gebe noch keine neuen Erkenntnisse, sagte ein Sprecher der Polizei Westsachsen am Montagmorgen in Leipzig.

Im Laufe des Tages sollten zunächst die Tatorte weiter untersucht werden.

16 Monate nach dem unaufgeklärten Mord an Tino L. waren am Sonnabend zwei junge Männer aus Groitzsch (19 und 23 Jahre alt) bei einer Schießerei ums Leben gekommen. Der Ältere wurde schwer verletzt am Bahndamm gefunden und verstarb wenig später in der Helios-Klinik Borna, der Jüngere lag tot in einer Landwirtschaftshalle in der Langendorfer Straße. Eine Tatwaffe wurde nicht entdeckt. Parallelen zu dem Verbrechen vom vergangenen Jahr wollte die Polizei nicht ausschließen. Die Polizeidirektion Westsachsen hat eine Sonderkommission „Schrott“ mit über 70 Ermittlern eingerichtet.

Eine Nachbarin hatte am Sonnabend in der Nähe des Bahnhofes mehrere Schüsse gehört. Um 20.47 Uhr griff sie zum Telefonhörer und alarmierte die Polizei. Den Beamten bot sich am Einsatzort ein Bild des Schreckens: Neben dem Bahnübergang in der Bahnhofstraße fanden sie den 23-jährigen Denis blutüberströmt neben einem Ford Fiesta; das Auto wies ebenfalls Einschusslöcher auf. Schon im Sterben liegend wies der junge Mann die Einsatzkräfte auf einen zweiten Verletzten in der alten Landwirtschaftshalle hin, knapp einen Kilometer entfernt in Richtung Großpriesligk. Danach wurde er ins Krankenhaus nach Borna gebracht, wo er in der Nacht zum Sonntag seinen Verletzungen erlag.  

In der Langendorfer Straße machten die Polizisten kurz darauf die zweite schreckliche Entdeckung: In einer leerstehenden alten Landwirtschaftshalle lag der 19-jährige Patrick. Er war bereits tot. Dem Vernehmen nach soll es sich bei den Opfern um Halbbrüder handeln, was die Polizei jedoch nicht bestätigte. Am Morgen hatte ein Polizeisprecher einen Bericht vom MDR 1 Radio Sachsen bestätigt, wonach sich die beiden Groitzscher kannten. Anfangs hatte die Polizei angegeben, dass das 19-jährige Opfer am Auto gefunden worden war, das 23-jährige in der Halle. Die Staatsanwaltschaft Leipzig korrigierte diese Angaben am Montagvormittag.

Mord aus dem vergangenen Jahr noch nicht aufgeklärt

Die Fundorte der jungen Männer befinden sich nicht weit von dem Ort entfernt, an dem im April vergangenen Jahres tödliche Schüsse auf den 27-jährigen Tino L. abgegeben wurden. Er soll damals seinen Ausstieg aus der rechten Szene mit dem Leben bezahlt haben. Bis heute ist der Mord an ihm unaufgeklärt, die Staatsanwaltschaft Leipzig hatte zwischenzeitlich eine Belohnung von 10.000 Euro für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, ausgesetzt. Mehr als tausend Hinweise waren seitdem eingegangen, die Soko „Plasta“ geht jedem Einzelnen davon nach.

Ob zwischen den drei Groitzscher Morden Parallelen bestehen, will die Polizei nicht ausschließen. „Natürlich prüfen wir einen Zusammenhang“, so Pressesprecher Marc Linzmaier auf Anfrage der LVZ. „Den Fakt der räumlichen Nähe werden wir in unsere Arbeit einbeziehen.“

Noch in der Nacht als auch am Sonntag waren Spezialisten des Landeskriminalamtes, Gerichtsmediziner sowie Fährten- und Sprengstoffsuchhunde an den beiden Tatorten in der Bahnhof- und Langendorfer Straße im Einsatz. Für ein mobiles Einsatzbüro stellte die Groitzscher Stadtverwaltung kurzerhand den Rathaussaal zu Verfügung, erklärte Bürgermeister Maik Kunze, der am Sonntagmorgen über die Geschehnisse informiert wurde. „Ich bin geschockt“, sagte der Rathauschef hörbar angeschlagen, „solche Taten sind nicht nachzuvollziehen. Ich hoffe auf einen schnellen Ermittlungserfolg der Polizei.“

Die Leichen der beiden Opfer wurden in die Gerichtsmedizin nach Leipzig gebracht, wo sie noch am Sonntag zur Obduktion kamen. Beide seien ihren Schußverletzungen erlegen, teilte die Staatsanwaltschaft Leipzig am Montagvormittag mit. Jürgen Georgie, Leiter der Polizeidirektion Westsachsen, wollte Einzelheiten über die Anzahl der Schüsse aus ermittlungstaktischen Gründen nicht bekanntgeben. Es seien Patronenhülsen sichergestellt, aber keine Waffen gefunden worden, sagte er weiter.

Sonderkommission mit mehr als 70 Beamten eingerichtet

Zur Aufklärung des Verbrechens hat die Polizeidirektion eine Sonderkommission „Schrott“ mit mehr als 70 Beamten eingerichtet. In den nächsten Tagen soll ihr weiter Personal zugeführt werden, stellte Landespolizeipräsident Bernd Merbitz in Aussicht. „Wir wissen momentan noch nicht, was die beiden jungen Männer veranlasst hat, zu dieser Zeit an diesem Ort zu sein“, erklärte Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz und wich damit Spekulationen um einen möglichen Schrottdiebstahl aus. „Wir stehen mit unseren Ermittlungen erst ganz am Anfang.“

In der Kleinstadt sorgte der Doppelmord indes für eisiges Entsetzen. Helga Wazian wohnt mit ihrem Mann direkt an dem Bahnübergang, an dem der 19-Jährige starb. Sie saß mit ihrem Mann vor dem Fernseher und hat von dem Verbrechen nichts mitbekommen, erst als Polizei und Krankenwagen anrückten. „Das Auto stand direkt auf dem Bahnübergang“, erzählt die Seniorin. „Ich konnte gar nicht schlafen, bin jetzt noch ganz nervös.“

Auch anderen Anwohnern stand der Schock ins Gesicht geschrieben. „Jetzt sind wir leider wieder in den Negativ-Schlagzeilen“, äußerte sich Bernd Hofmann gegenüber unserer Zeitung. „Warum muss so etwas ausgerechnet hier passieren? Ich kann das alles gar nicht glauben.“ Andere Groitzscher möchten lieber anonym bleiben und verstecken sich hinter ihrer Trauer und Wut. Immer wieder finden sich Menschen an den Tatorten ein, schauen und diskutieren. Vier junge Leute legen rote Rosen am Zaun vor der Lagerhalle ab. Sie kannten den 23-Jährigen.

Für Hinweise zu dem Verbrechen haben die Polizeidirektion Westsachsen und die Staatsanwaltschaft ein kostenloses Infotelefon eingerichtet. Unter der Nummer (0800) 664 76 53  können sich Zeugen ab sofort bei einem der Ermittler der Soko „Schrott“ melden.

Kathrin Haase/dpa

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