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Ehrenamtliche im Flüchtlingslager: „Alle im gleichen Boot“

Dresdner Zeltstadt Ehrenamtliche im Flüchtlingslager: „Alle im gleichen Boot“

Das Dresdner Zeltlager für Flüchtlinge hat für negative Schlagzeilen gesorgt. In einem Punkt sind sich aber selbst die Kritiker einig: Ohne die vielen Helfer wäre die Lage noch viel bedrückender.

Die Studentin Anne Siebert arbeitet in ihren Semesterferien als Logistikerin im Zeltlager für Asylbewerber in Dresden.

Quelle: dpa

Dresden . Auch nach stundenlanger Arbeit in der Hitze hat sich Anne Siebert ein freundliches Lächeln bewahrt. Als sie das Zeltlager für Dresdner Flüchtlinge am Freitag zur Mittagszeit kurz verlässt, wirkt sie im weißen T-Shirt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) auf den ersten Blick wie eine Krankenschwester. Tatsächlich muss sich die 23-Jährige im Camp mit fast 1000 Bewohnern um vieles kümmern. Siebert ist aber nicht für Leib und Seele zuständig, sondern für die Logistik in der Notunterkunft: Essen und Trinken, Handwerker oder auch die Nachbestellung von Dingen des täglichen Bedarfs.

Anne Siebert stammt aus Jena und studiert derzeit an der Freiberger Bergakademie Fahrzeugbau. Beim DRK hat sie zuerst bei der Wasserwacht mitgemacht. Da ihr Vater früher Rettungsschwimmer war und auch ihr Freund beim Roten Kreuz arbeitet, sei ihr Engagement schnell zu einem „freizeitfüllenden Hobby“ geworden. „Das erfüllt einen. Anderen Leuten zu helfen, gibt ein gutes Gefühl“, sagt die junge Frau. Auch wenn sie nach den Semesterferien weiter studiere, werde das DRK wohl immer ein Teil ihres Lebens bleiben.

In Dresden war Siebert von Beginn an dabei. Am Anfang hat sie nicht geglaubt, dass man hier an nur einem Tag ein Camp aus dem Boden stampfen kann: „Das war wie Urwald. Was da in einem Wahnsinnstempo entstand, hat mich beeindruckt.“ Anfangs habe sie sich wie ein Hamster im Laufrad gefühlt. Von 7.00 Uhr in der Frühe bis 10.00 oder 11.00 Uhr am Abend. Viel Arbeit, wenig Schlaf. „Man geht früh aus dem Haus und kommt spät wieder. Ich schaffe es seitdem nicht mal mehr, in den Supermarkt zu gehen. Man hat gar keinen richtigen Bezug mehr zur Außenwelt.“

14 Tage später habe sich vieles im Camp eingespielt, berichtet die Studentin. Bei der Essenausgabe müssten die Bewohner nicht mehr so lange anstehen. Für die Kinder gibt es nun ein Wasserbassin und ein Spielzelt. „Bei den Kindern habe ich das Gefühl, es geht ihnen gut.“ Bei den Erwachsenen mag Siebert das nicht mit gleicher Gewissheit behaupten und verweist auf schöne, aber auch auf negative Erfahrungen. Siebert weiß, dass die Nerven bei vielen Bewohnern nach anstrengenden Reisen und ungewisser Zukunft blank liegen. „Es gibt Bewohner, die anerkennen, was wir für sie machen, die nett sind und uns helfen. Und es gibt die anderen, die immer unzufrieden sind und nur fordern. Dabei sitzen wir im Zeltlager alle in einem Boot“, sagt Siebert. Denn zum Leben im Camp gehörten auch jene, die als Helfer, Arzt oder Handwerker im Einsatz sind. „Viele Bewohner sehen, dass wir alles für sie geben, und sind zufrieden mit dem, was sie haben. Da gibt es manchmal ein Dankeschön.“ Wenn aber so wie am Vortag ein junger Mann unbedingt eine Bauchtasche haben wolle und darauf bestehe, dann könne sie manchmal auch sauer werden.

Eine Charaktereigenschaft macht Siebert die Arbeit nicht leichter: „Ich bin perfektionistisch. Deshalb leide ich darunter, viele Sachen nur halb machen zu können.“ Schade findet sie, wenn Kritik am Lager hochkommt, ohne dass Kritiker Kenntnis von den Umständen und der geleisteten Arbeit dort haben. Auch DRK-Chef Rüdiger Unger stellt immer wieder klar, dass das Lager eine Notlösung ist und man die Menschen viel lieber anders unterbringen würden: „Was wir hier machen, ist eine humanitäre Nothilfe.“

Die Kritik hält freilich an, auch wenn sie sich nicht an das DRK richtet. Denn die Hilfsorganisation trägt als Betreiber des Camps keine Verantwortung für die Unterbringung. Dafür muss das Land sorgen. Verbände, Vereine und Vertreter von Parteien halten die Unterbringung in Zelten für menschenunwürdig. Sachsen hat inzwischen zugesichert, sie Schritt für Schritt durch Container zu ersetzen, was für viele Kritiker die Situation kaum besser macht. Anne Siebert ist sich noch nicht sicher, ob die Arbeit im Camp sie bereits verändert hat. „Ich weiß jetzt sehr viel mehr über Flüchtlinge und Asyl.“ Im Rückblick werde sie wohl stolz sein, bei diesem Großprojekt mitgeholfen zu haben.

Jörg Schurig

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