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Ein Leben für den Augenblick - Professor aus Halle zündet Feuerwerke

Ein Leben für den Augenblick - Professor aus Halle zündet Feuerwerke

Stefan Brass wird Feuertöpfe abbrennen. Feuertöpfe mit Drei-Stufen-Effekt. "Unten silberne Blinksterne, darüber rote Sterne, die sich in blaue verwandeln", schwärmt der Informatikprofessor.

Und Kometen dürfen nicht fehlen. Eine ganze Batterie ist schon bestellt. "Sie glitzern am Himmel, erst golden, dann leuchten sie rot auf. Wunderschön." Seit er weiß, dass er zur Langen Nacht der Wissenschaften am 5. Juli in Halle wieder ein Abschlussfeuerwerk gestalten kann, sitzt der 48-Jährige in seiner Freizeit über den aufwändigen Planungen.

Tausende strömten im letzten Jahr in jener Nacht erst zu den Experimentalshows, Führungen, Ausstellungen und Vorträgen an Hochschulen sowie außeruniversitären Forschungseinrichtungen der Saalestadt, um dann am Campus in Heide-Süd ein himmlisches Spektakel zu erleben.

Wenn es passt, stellt Brass sein Feuerwerk unter ein Thema; das 2012 widmete sich der "Ent­wick­lung der Pflan­zen im Jah­res­ver­lauf". Der Jubel danach war groß und der Hallenser sehr zufrieden.

"Es ist ein Leben für den Augenblick - und dieser Augenblick will durchdacht sein." Schon jetzt muss der Rahmen des Feuerwerks im Juli stehen. "Aus Kostengründen." Denn die Artikel wollen früh bestellt sein, der Hobby-Feuerwerker braucht für die Ware eine "Mitfahr­gelegenheit". Zum Glück hat er durch sein Hobby zahlreiche Kontakte zu Berufsfeuerwerkern geknüpft. "Die Versandkosten für einen Gefahrguttransport sind sonst nicht zu bezahlen."

"Profis zünden kaum Raketen", sagt Brass. "Was am Himmel platzt, sind Feuerwerksbomben, die nach dem Prinzip einer Kanone meist senkrecht nach oben geschossen werden." Chemikalien selber mischen ist auch dem Großfeuerwerker nicht erlaubt, aber er darf bei Herstellern und speziellen Händlern Profi-Artikel ordern.

Brass muss genau wissen, was er bestellt. Und was er bestellt, muss er kennen. Dem großen Auftritt im kommenden Sommer geht eine Reihe kleinere Feuerwerke voraus.

"Da kann ich einiges testen", sagt er und erzählt von der Feuerwerksbombe "Purple Dahlia with White Glitter Pistil", von Sonnenblumen- und "Windbell"-Bomben mit weißen Blinkern. "Sie stehen bis zu 30 Sekunden in der Luft, müssen wohl an einer Art Fallschirm hängen." Während Brass das erzählt, funkeln seine Augen.

Letztes Jahr hat der Vater von zwei Kindern zu Silvester wieder ein "kleines Feuerwerk", wie er es nennt, im Garten hinterm Einfamilienhaus gezündet. "Die meisten Nachbarn haben sich daran erfreut, aber einige fanden es dann doch nicht so klein."

Die Beschwerde folgte auf dem Fuß. "Eine Neuauflage nächstes Silvester wird es nicht geben." Obwohl ihm gar nicht so zumute ist, versucht er zu lächeln: "Da habe ich dann endlich Zeit, zum Beispiel wieder einmal Tolstoi, Curt Goetz oder C.S. Lewis zu lesen. Zumindest meine Frau ist nicht böse. Sie hofft schon seit Längerem, dass der Stress vor dem Jahreswechsel weniger wird."

Grundsätzlich habe sie aber Verständnis für das ausgefallene Hobby. Selbstverständlich ist das nicht. Denn es frisst viel Zeit und Geld, meint Brass. "Nach einem Hochzeitsfeuerwerk kam der Brautvater zu mir und zeigte sich erstaunt, wie viel Feuerwerk man doch für 500 Euro bekommt. Ich habe ihm nicht erzählt, dass ich mein Gehalt für diesen Auftrag noch mit abgebrannt habe und vermutlich noch ein bisschen mehr." Der Uni-Professor arbeitet gelegentlich für eine Feuerwerksfirma, wenn diese mehr Aufträge hat, als sie mit eigenen Mitarbeitern bedienen kann.

Feuerwerke faszinieren ihn schon seit seiner Kindheit. "Ich war etwa sechs Jahre, da hat Vater die erste Rakete gekauft, vorher gab es nur Wunderkerzen." Mit dem Bruder führt er später Aufzeichnungen über jeden Feuerwerksartikel, den die zwei abbrennen. Steighöhe, Effekte, Preis, welche Artikel passen farblich zusammen - alles wird protokolliert. Ein Hobby, dem er weiter frönt: neben dem Studium an der TU Braunschweig und der späteren Lehrtätigkeit in Hannover, Hildesheim, Gießen oder auch Clausthal.

Irgendwann meint Brass an den Grenzen dessen angelangt zu sein, was mit Silvesterfeuerwerk möglich ist. Dann informiert er sich über Ausbildungsmöglichkeiten zum Großfeuerwerker. Der Weg dahin ist nicht einfach. Man muss bei 26 Feuerwerken mitgeholfen haben, bevor man an einem einwöchigen Kurs teilnehmen kann, der mit einer Prüfung endet.

Eine Stelle als Helfer zu bekommen, ist laut Brass nicht so einfach. "Niemand will sich gern die eigene Konkurrenz heranziehen, auch wenn er wie in meinem Fall nicht in Sorge sein muss, denn ich habe nicht vor, meine Professur an den Nagel zu hängen. Forschung und Lehre in der Informatik machen mir Spaß, und ab und zu bietet sich die Gelegenheit, beides zu verknüpfen." Zu den schönsten Feuerwerken während seiner Ausbildung zählen die Feuerwerkssinfonie im Volkspark Potsdam 2008 und 2009 sowie die Pyro-Musikale auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof 2009.

Zurzeit arbeitet der Feuerwerker an der Verbesserung seiner computergesteuerten Zündtechnik, die er mit anderen Wissenschaftlern am Institut für Informatik in Halle entwickelt hat. Die Programme für den Ablauf seiner Himmelsshow schreibt der Professor selbst. "Natürlich gibt es Software zu kaufen, aber da kann man Pech haben."

Erst auf Nachfrage erzählt er von seinem Missgeschick mit einer recht preisgünstigen chinesischen 20-Kanal-Funk-Zündanlage, deren Tasten eine automatische Wiederholfunktion haben. Weil bei einem selbst programmierten Feuerwerk etwas nicht gleich zündete, drückte der Professor die Taste etwas kräftiger und wohl auch länger: Fünf Kanäle wurden so auf einmal gezündet. "Da war natürlich etwas los am Himmel. Meinen fein säuberlich ausgearbeiteten Plan konnte ich vergessen."

Über das diesjährige Feuerwerk zur Langen Nacht der Wissenschaften verrät er nur eines: Das Spektakel wird acht Minuten dauern, mindestens. Nicht viel mehr als ein Augenblick. Aber ein sehr schöner.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.04.2013

Dunte, Andreas

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