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„Erfurter Gruppe“ organisiert Mafia-Geldwäsche – auch Leipzig betroffen

MDR-Recherchen „Erfurter Gruppe“ organisiert Mafia-Geldwäsche – auch Leipzig betroffen

Zwei Jahre lang haben MDR-Journalisten recherchiert. Für sie ist klar: Vor allem in Erfurt sind Mafiastrukturen aktiv. Die Verwicklungen reichen bis nach Leipzig. MDR-Exakt zeigt heute die ganze Story.

Mafia-Strukturen auf der Spur: Die Journalisten Ludwig Kendzia und Fabio Ghelli auf Recherche in Kalabrien.
 

Quelle: MDR/Axel Hemmerling

Leipzig.  Zwei Jahre haben die MDR-Journalisten Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabio Ghelli recherchiert. Ihr Thema: Die Mafia und ihre Verankerung in Mitteldeutschland. Ihr Ergebnis: Die sogenannte „Erfurter Gruppe“ organisiert Teile der Geldwäsche der kalabrischen Mafia ‘Ndrangehta. Und die Geschäftsbeziehungen organisierter Kriminalität reichen bis nach Leipzig.

Sie schlugen sich die Nächte mit Observationen in Erfurt um die Ohren, reisten für Filmarbeiten bis nach Kalabrien, nahmen Spuren bei Facebook auf und sprachen mit Ermittlern. Für die Autoren ergaben die vielen Mosaiksteinchen ihrer Arbeit ein klares Bild: Erfurt sei kein Rückzugsraum mehr, sondern Operationsraum für die Mafia, so die Journalisten, deren Recherchen an diesem Mittwochabend um 20.45 Uhr im MDR-Magazin „Exakt – die Story“ zu sehen ist.

Im Fokus steht die „Erfurter Gruppe“, zu der verschiedene Gastro-Unternehmen der Stadt gehören, so die Journalisten. Im Kern umfasse die Zelle etwa sechs Leute plus rund zwei Dutzend Personen im Umfeld, so Axel Hemmerling gegenüber LVZ.de. Fahnder vermuten, so Hemmerling, dass das Geld für ihre Geschäfte – etwa den Kauf von Nobelrestaurants in Rom - aus dem Drogenhandel der Mafia stamme. Doch konnten die Ermittler das letztlich nicht aufklären.

Geschäfte auch in Leipzig

Investitionen gebe es auch in Deutschland, unter anderem in Dresden und Leipzig: Die MDR-Journalisten sprechen von einem „Netzwerk von rund 20 Firmen und 30 Restaurants.“ Bereits Ende der 1990er Jahre und Anfang 2000 habe die Mafia auch in Leipzig investiert. Laut Hermmerling gibt es Hinweise, dass in der Messestadt mindestens zwei bis drei Restaurants und Gastrounternehmen betroffen sind. Namen nannte er nicht.

Die Verquickungen Erfurt-Leipzig führen den MDR-Recherchen zufolge auch in die armenische Mafia-Organisation. Angelpunkt ist eine Schießerei in Erfurt im Juli 2014. In einer Spielhalle eskalierte das Treffen von Mitgliedern des örtlichen Clans und Armeniern aus Leipzig und Berlin. Hemmerling und Kendzia gehen davon aus, dass diese auf den Erfurter Markt drängen. Im Umfeld der Schießerei sei auch Sergei B. (31) aufgetaucht. Der Mann soll in den Crystalhandel in Leipzig verwickelt sein.

Verbindungen zum Crystal-Handel

Sergei B. sei auch in Ermittlungsunterlagen des BKA zu einem spektakulären Drogenfund in Leipzig erschienen. Im November 2014 stellten die Behörden in Leipzig 2,9 Tonnen der Chemikalie Chlorephedrin sicher. Daraus ließen sich mehr als 2,3 Tonnen der Droge Crystal herstellen, mit einem Straßenverkaufswert von rund 184 Millionen Euro. Hemmerling geht davon aus, dass B. zum engen Kern einer armenischen Bande in der Messestadt gehört. „Da dominieren sieben bis acht Leute das Crystal-Geschäft. Das Umfeld wird noch deutlich größer sein“, sagte er.

Im Zentrum der Ermittler stand allerdings ein 32-jähriger Pharmahändler aus Leipzig. Er soll die Chemikalie nach Tschechien weitergegeben haben, damit es dort zu Crystal verarbeitet werden konnte, so die Vermutung der Behörden. Vor dem Landgericht Leipzig hatte das keinen Bestand. Die Nachweise dafür seien zu dünn, so die Juristen. Weite Teile der Anklage wurden nicht zugelassen. Die Staatsanwaltschaft Leipzig verbuchte allerdings als Erfolg, dass dem Crystal-Markt der Grundstoff zu Drogenproduktion entzogen worden war und sprach von einem „massiven Schlag“ gegen die Drogenszene in Leipzig und Tschechien.

Interview mit Axel Hemmerling

Herr Hemmerling, was war die größte Herausforderung bei der Recherche im Umfeld der Mafia-Strukturen?

Axel Hemmerling: Besonders schwierig waren die Recherchen zur russisch-eurasisch organisierten Kriminalität. Die Ermittler tappen da oft selbst noch ziemlich im Dunkeln. Das hat sich erst nach der Schießerei im vergangenen Jahr in Erfurt etwas geändert. Deshalb sind wir tatsächlich abends durch Erfurt gestreunt, haben geschaut, was die Armenier so machen. Wir haben uns die einschlägigen Restaurants angeschaut, oft Griechen, die aber dann in Wahrheit von Armeniern betrieben werden. Das war sehr zeitaufwendig.

Sie nennen Facebook als eine wichtige Quelle Ihrer Nachforschungen. Waren sie erstaunt, wie freizügig diese Leute mit persönlichen Informationen umgehen?

Ja schon. Sie brüsten sich natürlich nicht mit Taten, aber sie posieren selbstbewusst vor ihren Autos, und das sind dann eben auch Autonummern zu sehen. Oder Lokale tauchen immer wieder auf. Deren Namen kann man dann durch Wirtschaftsdatenbanken jagen und bei den Besitzern Querverweise entdecken. Die Chefs und Bosse dieser Organisationen tauchen auf Facebook allerdings nicht auf. Da geht es eher um das Umfeld.

Durch die Veröffentlichung der Recherchen sind Sie den Drahtziehern nun bekannt. Ist das ein komisches Gefühl?

Spätestens seit wir den Prozess nach der Schießerei 2014 unter Armeniern in Erfurt an rund 18 Verhandlungstagen verfolgt haben, kennen uns die Leute. Wichtig ist, immer mit offenen Karten zu spielen und Respekt zu zeigen. Wir haben auch bei den Italienern alle Beteiligten angefragt, sich zu äußern. Wir haben keine verschleierten Anfragen gestellt, sondern immer klar gesagt, worum es geht. Eine Reaktion gab es aber nicht.

Sie sagen, dass eine Kommune wie Erfurt sich der Herausforderung stellen muss, dass sie eine Operationsbasis der Mafia ist. Welche Möglichkeit sehen Sie da?

In Berlin gibt es das Netzwerk „Mafia? Nein Danke!“, das Italiener in der Stadt nach der Schießerei in Duisburg im Jahr 2007 gegründet haben. Gastwirte handeln gemeinsam mit Polizei, Schulen oder dem Konsulat. Und wenn zum Beispiel ein Restaurant eröffnet werden soll, bei dem klar ist, dass das Geld dafür aus dunklen Kanälen kommt, dann können sie der Polizei einen Hinweis geben. So bewirkt man etwas.

„Exakt - Die Story“, am Mittwoch, 4. November, 20.45 Uhr im MDR-Fernsehen. Nach der Ausstrahlung auch in der Mediathek.

Von Evelyn ter Vehn

Erfurt 50.984768 11.02988
Erfurt
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