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„Es ist höchste Zeit, die Krise in der Kirche zu thematisieren“

Interview mit Schorlemmer und Wolff „Es ist höchste Zeit, die Krise in der Kirche zu thematisieren“

Ungeschönt Bilanz ziehen und Wege aus der Krise zeigen: Die beiden Theologen Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff erklären im Interview, was ihr Memorandum „Reformation in der Krise“ bewegen soll.

Die beiden Theologen Christian Wolff und Friedrich Schorlemmer.

Quelle: Patrick Moye

Leipzig/Wittenberg. Ungeschönt Bilanz ziehen und Wege aus der Krise zeigen: Die beiden Theologen Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff erklären im Interview, was ihr Memorandum „Reformation in der Krise“ bewegen soll.

Ihr Memorandum „Reformation in der Krise“ hat ein breites Echo bundesweit gefunden. Was überwiegt bei ihnen: Die Freude, so viel Gehör gefunden zu haben oder der Ärger über zum Teil kühle Reaktionen?

Wolff: Mit dem Memorandum wollten wir Diskussionen anregen, nicht über Zahlen, sondern über Inhalte – insbesondere in den Kirchgemeinden. Das scheint auf einem guten Weg zu sein. Außerdem sagen uns viele: Es ist höchste Zeit, die Krise der Kirche zu thematisieren. Denn so werden der Reichtum des Glaubens und der Ertrag der Reformation sichtbar. Dass die Macher des Reformationsjubiläums über unseren Einspruch nicht glücklich sind, können wir nachvollziehen. Inoffiziell aber dürften viele froh darüber sein, dass für die Zeit nach den Events die bedrängenden Probleme, die es zu lösen gilt, und die Aufgaben klar benannt werden.

Von der EKD hieß es, Ihre Schrift würde zwar eine bereits laufende Diskussion beleben, tauge aber (noch) nicht zur Umsetzung konsensfähiger Ziele. Hätten Sie konkretere Handlungsschritte hineinschreiben sollen?

Schorlemmer: Nein, denn jede Kirchgemeinde wird vor Ort die Frage zu beantworten haben: Wie, mit welchen Mitteln können wir dem Traditionsabbruch und der dramatisch zurückgegangenen Resonanz entgegenwirken - ohne anpasslerisch oder flach zu werden? Wie können wir mehr Menschennähe praktizieren und zur GlaubensBildung beitragen? Wir verstehen unser Papier keineswegs als in sich abgeschlossen. Wir wollen ermutigen, statt verstummend zu resignieren. Wir haben gegen niemand polemisiert. Wir raten zur Konzentration auf Wesentliches und Kommunikationsfreundliches: aus den Wurzeln des Glaubens die Kraft zu ziehen, um als Christ und Gemeinde bibelnah und geerdet, so menschennah wie selbstkritisch Mit-Verantwortung zu übernehmen. Dabei halten wir uns an Luthers 21. Heidelberger These von 1518: „Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge, wie sie wirklich sind.“ „Schön und gut“ soll es sein, was wir miteinander in der Kirche erleben.

Die Kirchentagsspitze zeigt sich verschnupft, dass sie besonders das Mammutprogramm der Kirchentage auf dem Weg als grandiose Selbsttäuschung kritisieren. Sollte es künftig wieder nur einen zentralen Kirchentag geben und muss ein deutlich entschlacktes Programm künftig unter dem Motto stehen: Weniger ist mehr?

Wolff: Letzteres ist dick zu unterstreichen. Wir sollten uns konzentrieren auf das, was unsere Aufgabe als Kirche ist. Diese gilt es, qualitativ gut zu erfüllen. Etliche Veranstaltungen waren erfrischend, anregend, hoch interessant. Doch das Problem ist: Vieles verlor sich in Unübersichtlichkeit und Fülle. Wenn dann mit Zahlen operiert wird, die der Nachprüfung nicht standhalten, wird es schwierig. Wichtig ist, dass wir den Fokus richten auf die Grundlagen des christlichen Glaubens und seine Lebendigkeit in den Kirchengemeinden.

Sie haben im zweiten Teil der Streitschrift Mut gemacht, dass ein Aufbruch möglich ist und Kirche ihre Daseinsberechtigung auch in einem glaubensfremden Umfeld hat. Dazu müsse aber zuerst der verbreitete Glaubens-Analphabetismus überwunden werden. Wie soll dies praktisch geschehen?

Schorlemmer: Wir müssen das, was eine Errungenschaft der Reformation war, übrigens auch aus der Not geboren, wieder beleben: die Verbindung von Bildung und Glauben. Bildung bedeutet eben nicht, sich von Religion und Tradition zu verabschieden. Vielmehr gilt es, die Glaubensgrundlagen freizulegen, Traditionen zu gewichten, an Vorhandenes anzuknüpfen sowie in den kritischen Diskurs einzutreten – und das in einer säkularen Gesellschaft. Darum enthält unser Memorandum einen Abschnitt „Katechismus“. Da versuchen wir, die grundlegenden Überzeugungen so zur Sprache zu bringen, dass sie allgemein verstanden und besser nachvollzogen werden können.

Den Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern schreiben sie ins Stammbuch: Wer nur seinen Job machen will, soll es lieber lassen, darauf liegt kein Segen. Viele machen doch aber heute vor allem deshalb nur ihren Job, weil sie den Mangel verwalten. Gefordert scheint da eher der Manager-Pfarrer, weniger der Seelsorger. Lässt sich diese fatale Fehlentwicklung umkehren?

Wolff: Jeder Pfarrer, jede Pfarrerin muss sich darüber im Klaren sein, dass Seelsorge und Verkündigung auf der einen und gute Leitung/Führung auf der anderen Seite kein Widerspruch sind. Das Problem sehen wir darin, dass die Kernkompetenzen wie Menschennähe/Seelsorge, zeitgemäße und bibeltreue Verkündigung, lebendige Gottesdienstgestaltung und ein entlastendes Management an Qualität verlieren. Nur wenn wir unsere Alleinstellungsmerkmale stärken, werden sich Menschen ansprechen lassen. Inhaltliches Potential dazu haben wir genug. Es kommt nicht nur auf den Pfarrer an! Das muss „Hirt und Herde“ besser verstehen lernen.

Es gibt Kirchenkritiker, die nicht ohne Schadenfreude bemerken: 500 Jahre nach Luther erlebt ihr jetzt Eure zweite Gegenreformation. Nur dass es diesmal nicht die Rückkehr nach Rom ist, sondern der Abschied vom Glauben insgesamt. Warum konnte die Kirche vor allem im Osten nicht den Schwung und den Zuspruch aus dem Herbst 1989 nutzen?

Schorlemmer: Dass sich viele Menschen vom Glauben abwenden, ist Folge und nicht Ursache der Probleme. Als Kirche müssen wir uns fragen: Was ist unser Anteil daran, dass Menschen die Kirche verlassen bzw. ihr mit Gleichgültigkeit begegnen? Einen Grund sehen wir in der Selbstsäkularisierung und Banalisierung des Glaubens. Die tritt dann ein, wenn wir zwar irgendwie in der Gesellschaft mitmischen wollen, aber nicht mehr verdeutlichen können, woher wir kommen. Als Kirche können wir nur dann verlässliche Partner sein, wenn wir uns um den einzelnen Menschen kümmern und zugleich mitmachbereite, demokratische, sozial orientierte Staatsbürger/innen sind und bleiben – gegen neu „-ismen“.

ZdK-Präsident Thomas Sternberg wünscht sich, dass katholische und evangelische Kirche enger zusammenarbeiten und zum Beispiel gemeinsame Stellungnahmen veröffentlichen. Was halten Sie davon – kann dies Ökumene beleben?

Wolff: Das schönste Kompliment für unser Memorandum haben wir vom katholischen Propst aus Leipzig erhalten. Er schrieb uns: „starker Text. Und man kann ihn nahezu eins-zu-eins für die Situation der katholischen Kirche übernehmen. Ich werde ihn auf alle Fälle morgen in unserem Pfarrerkonvent verteilen.“ In diesem Sinn ist unser Memorandum ein ökumenisches Papier: Wir haben ganz ähnliche Probleme, wir berufen uns auf die gleichen Quellen und können in diesem Geist uns gemeinsam am runden, am eckigen und am Christus feiernden Tisch versammeln.

Lutherbotschafterin Margot Käßmann sieht am Ende des Reformationsjahres keine Katerstimmung, sondern vor allem Menschen, die beflügelt sind, auch in schwieriger Lage ihr Christsein zu leben. Haben Sie diese Menschen im Jahr 2017 selbst in größerer Zahl getroffen?

Schorlemmer: Dass es diese Menschen Gott sei Dank gibt, ist keinen Augenblick zu bestreiten. Aber Begeisterung und ein (selbst-)kritischer Blick auf die Wirklichkeit im Ganzen schließen sich nicht aus. Darum: Wir lassen uns den Blick nicht vernebeln durch zu viel Beschönigung. Wir bleiben unruhig angesichts vieler Missstände in der Kirche. Aber: Durch die segensreiche Dynamik, die dem Glauben innewohnt, brauchen wir uns mit keinem Missstand abzufinden. In diesem Sinn ist ein Christ ein notorisch unzufriedener Mensch - und nichts desto trotz ein zuversichtlicher und klarsehender. Wir gehören dazu, Margot Käßmann auch.

Von Olaf Majer

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