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Ex-Grüne Antje Hermenau mischt sich mit Streitschrift ein

„Die Zukunft wird anders“ Ex-Grüne Antje Hermenau mischt sich mit Streitschrift ein

Am Montagmittag hat sich Antje Hermenau (51), die langjährige Frontfrau der sächsischen Grünen, in der Öffentlichkeit zurückgemeldet: Mit ihrem ersten Buch, das sie in Dresden auf einer Pressekonferenz präsentiert. „Die Zukunft wird anders“, heißt die Streitschrift der für ihre klaren Worte bekannten ehemaligen Vollblutpolitikerin. „Ein kluges Buch einer klugen Frau“, bescheinigt ihr der Dresdner Politikwissenschaftler Prof. Werner J. Patzelt im Vorwort.

Antje Hermenau stellt am Montag ihr Buch „Die Zukunft wird anders“ vor.

Quelle: Andre Kempner

Dresden.  . „Die Zukunft wird anders“, heißt das erste Buch von Antje Hermenau (51), das sie am Montag in Dresden vorstellte. Mit provokanten Thesen mischt sich die Vollblutpolitikerin, die 25 Jahre als Frontfrau für die Grünen kämpfte und vor einem Jahr aus der Politik und bei den Grünen ausstieg, in die aktuelle Debatte. Im Interview erzählt sie, warum.

Ist das Buch Ihr ganz persönlicher Thesenanschlag zur Reformation Deutschlands und der Welt?

Ja, ein bisschen schon. Ich habe Schlüsse gezogen aus dem, was ich in den letzten 25 Jahren erlebt und beobachtet habe. Dabei verharmlose ich nichts, ich habe selbst im Leben harte Prüfungen überstanden und kann Mut machen für die Zukunft. Die ganze Welt kann ich nicht retten. Aber ich möchte, dass mein Sohn eine gute Zukunft hat in unserem Land.

Haben Sie noch Kontakt zu den Grünen?

Man trifft sich bei öffentlichen Terminen. Da begrüßen wir uns freundlich.

Bereuen Sie Ihren Abschied aus der Politik?

Es war Zeit, etwas zu verändern. Mir geht es wieder richtig gut, besser als vor ein oder zwei Jahren. Ich habe Freude am Leben, arbeite viel mit Unternehmern, die anpacken und nach vorn schauen, das entspricht meiner Mentalität. Alles richtig gemacht.

Haben Sie sich mit diesem Buch Frust von der Seele geschrieben?

Mein Lebensgefühl ist sehr positiv. Als politisch denkender Mensch blicke ich über mein eigenes Wohl hinaus. Sonst wäre es ein langweiliges Buch geworden, das keiner braucht. Es ist konstruktiv. Ich möchte ermutigen, vor den Herausforderungen nicht zu erschrecken. Deshalb habe ich das Buch in einer klaren Sprache geschrieben, die jeder versteht. Ich hoffe, dass die Bürger es lesen und sich eine eigene Meinung bilden statt irgendwelchen Chaoten und Scharfmachern hinterher zu rennen.

Kommen wir zur aktuellen Herausforderung. Trägt die Flüchtlingswelle zur Spaltung oder zur Einheit Deutschlands bei?

Im Moment überwiegt der Eindruck, dass sich die Gesellschaft darüber spaltet. Schrill äußern sich der linke und der rechte Rand. Die große Mitte schweigt. Die Menschen haben das Gefühl, dass niemand einen Plan hat. Deshalb bestimmen die Radikalen rechts und links die öffentliche Wahrnehmung.

In ihrem Buch klingt Verständnis an für die Menschen, die bei Pegida mitlaufen. Ist das so?

Ich habe null Verständnis für diejenigen, die die Unsicherheit der Leute nutzen und einen rechten Popanz aufbauen. Ich finde, dass die führenden Köpfe von Pegida den Boden des Grundgesetzes verlassen. Ich bin aber auch Christin und gebe daher Menschen nicht einfach verloren. Ich habe viel Verständnis für diejenigen, die dort aus Verzweiflung rumstehen, weil andere nicht mit ihnen reden, ihre Ängste nicht aufgreifen.

Wer hat da versagt?

Viele. Da ist viel Vertrauen verloren gegangen. Wenn die Familien am Abendbrottisch sagen, die da oben interessiert überhaupt nicht, wie wir denken, dann hat die Demokratie viel verloren.

Wie kommen wir aus dieser Sprachlosigkeit heraus?

In der Tradition von 1989, indem man das Gespräch sucht, statt auf Eskalation zu setzen. Warum bilden wir keine Runden Tische zu Thema Zuwanderung? Das ist eine Gesellschaftsveränderung. Wir dürfen die Fehler des Westens nicht wiederholen.

Welche meinen Sie?

Dass sich Parallelgesellschaften bilden, in denen die Zugewanderten unter sich sind. So funktioniert Integration nicht.

Eine Ihrer Thesen ist: Der Aufbau Ost als Nachbau West ist beendet. Der Westen hat keine Vorbild-Autorität im Osten mehr. Wie meinen Sie das?

Die gescheiterte Einwanderungspolitik des Westens hat jeder vor Augen. Darüber hinaus: Wie geht es weiter mit dem Euro, mit Europa – das sind berechtigte Fragen, auf die die Regierenden aber keine Antworten geben. Wir sollten diesen Gesprächs- und Gefühlsstau auflösen. Die Ossis müssten dafür die DDR vergessen, die Wessis die 68er. Das wird vielen, vor allem den Älteren im Osten, schwer fallen. Wir müssen zusammen nach vorn schauen und nicht getrennt rückwärts. Für die Probleme, die jetzt anstehen, wie die Flüchtlingskrise, hat auch der Westen keine Lösung parat, die müssen wir zusammen finden.

Sie schreiben: „Die Ostdeutschen sehen einfach keinen tieferen Sinn mehr darin, Fehlentwicklungen oder lieb gewordene Gewohnheiten des Westens weiter brav und kritiklos zu übernehmen.“ Fordern Sie ein neues Selbstbewusstsein des Ostens?

Na klar. Im Westen wissen manche mehr über den Nahen Osten als über den ganz nahen Osten – also über uns. Der Westen kann uns keine Ratschläge mehr geben. Sonst stünde er nicht so ratlos in der Landschaft. Das fing mit der Euro-Krise an. Die Osteuropäer waren im Frühjahr enttäuscht darüber, dass der Westen Griechenland nochmals rauskaufte. Sie haben in den 90er Jahren Trockenbrot mit Senf gegessen, damit sie dazu gehören dürfen. Das war wie zweierlei Maß: Der Grieche ist wichtiger als der Balte oder der Slowene. Das kommt schlecht an. Der Wissensvorsprung des Westens ist erschöpft. Wie er mit der Schuldenkrise umgehen soll, weiß der Westen auch nicht. Wir in Sachsen haben da konkrete Vorschläge gemacht. Kein anderes Bundesland hat eine so strenge Schuldenbremse.

Schaffen wir das nun mit dem Flüchtlingsstrom, wie die Kanzlerin sagt?

Das, was sie sagte, fand ich ja wie „das elfte Gebot“. Wir können das nur schaffen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Dazu gehören Abschiebungen genauso wie Ausbildung und Integration in den Arbeitsmarkt. Aber wenn jedes Jahr Flüchtlinge in der Größenordnung kommen, dann ist die deutsche Verwaltung vollkommen überfordert. Das ist so, als wenn Sie einen Liter Milch in einen Fingerhut gießen wollen. Dafür muss man den Staat umbauen.

Sie geben in Ihren Thesen der CDU die größte Chance auf ein fulminantes politisches Comeback, wenn sie es schafft, das Flüchtlingsproblem zu lösen. Sind die Konservativen die treibende Kraft des Fortschritts?

Die CDU hat das Christliche im Namen, sie ist daher zu einer wertebasierten Politik fähig und könnte sich neues Vertrauen aufbauen. Ich hätte nichts dagegen, wenn die SPD zur Höchstform aufläuft und das auch schafft, sehe aber am ehesten das Potenzial bei der CDU.

Im Moment findet aber in der Union ein Richtungsstreit statt. CSU-Chef Seehofer setzt eher auf Abschottung, Angela Merkel mehr auf Willkommenskultur. Wer hat Recht?

Wer weiß das schon. Das Steuerrad auf dem Unionsschiff ist verwaist. Aber die Methode, wir schippern uns durch, funktioniert nicht. Bis Weihnachten muss klar sein, wohin die Union steuert. Sonst verliert die Union ihre Gestaltungskraft, dann bestimmen andere, und zwar die, die am lautesten schreien.

Heißt das, Angela Merkel führt nicht?

Derzeit nicht. Es gibt zu wenig Verbindlichkeit in unserem Land, es wird zu viel geschwatzt, zu wenig entschieden und gehandelt.

Rückt die CDU zu sehr nach links?

Links und rechts funktionieren nicht mehr als Zuordnung, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber im selben globalen Ozean schippern, damit sie über Wasser bleiben. In der Union fehlt es an Entscheidungskraft. Nicht nur bei Angela Merkel , sondern bei der Union insgesamt. Vielleicht wird die Kanzlerin auch gebremst. Eine Spaltung ist das Letzte, was die Union braucht. Es hat die SPD auf Dauer geschwächt, dass Oskar Lafontaine zur Linken gegangen ist.

Wann wollen Sie in die CDU eintreten?

Ich bin im Moment politisch heimatlos. Ich erkenne keine Partei, die mich anspricht. Die CDU bleibt derzeit unter ihren Möglichkeiten. Die Krisen, in denen wir stecken, geben aber jeder Partei die Chance, über sich hinauszuwachsen. Das gucke ich mir jetzt an. Die CDU hat dabei das größte Potenzial. Es reicht aber nicht, an der Macht blieben zu wollen, das ist als Ausweis für Regierungskompetenz zu wenig. Da muss man zeigen, was man kann.

Und die Grünen?

Jede Partei muss sich nun erweisen. Dieses „Wir sind die Guten und wissen, was richtig und was falsch ist“ – das wollen viele Leute jedenfalls nicht mehr.

Halten Sie das Boot schon für voll?

Das Boot ist noch nicht voll. Die meisten Deutschen haben kein grundsätzliches Problem damit, dass es Zuwanderung gibt, aber sie wollen nicht, dass diese so unkontrolliert erfolgt. Die Abschiebung funktioniert nicht. Die Regeln werden nicht eingehalten. Das frustriert die Leute. Integration kann nur auf dem Boden des Grundgesetzes erfolgen. Daran müssen sich alle halten, die hier eine neue Heimat finden wollen. Dazu gehören die Akzeptanz der Gleichberechtigung der Frau und der Homosexualität. Und dazu gehört das gründliche Erlernen der deutschen Sprache.

Sie fordern also Anpassung an die deutsche Leitkultur?

Wenn das Grundgesetz Leitkultur ist, dann ist das eine sehr ehrenwerte Leitkultur. Ich bin dafür, dass man das Grundgesetz in den Aufnahmeeinrichtungen abspielen sollte in den Sprachen, die die Flüchtlinge sprechen. Damit die Ankommenden wissen, welche Regeln hier gelten. Das wird für die Zuwanderer auch eine große Herausforderung. Ich spreche den meisten Menschen in Sachsen nicht den Willen zur Integration ab, aber diese muss vernünftig ablaufen.

Was würden Sie empfehlen?

Ich würde mir wünschen, dass gerade Sachsen, dessen Regierung von einer christlichen Partei angeführt wird, Frauen und Kinder aus den Flüchtlingstrecks herausholt und hierher bringt. Sie leiden am meisten unter der einbrechenden Kälte, und es entspricht der Tradition des christlich-jüdischen Abendlandes, den Schwächsten zu helfen. Das sind unsere Werte. Die Kinder sollen dann hier in die Schule gehen, und die Integration beginnt. Gern auch im ländlichen Raum, dort gibt es viele Ältere, die sich um die zugewanderten Frauen und Kinder kümmern könnten. Dann hätten ihre Heimatorte auch wieder eine Zukunft. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist auch höher, wenn Frauen und Kinder von eiskalten Feldern geholt werden und ins heimatliche Dorf kommen, als wenn hunderte alleinstehende junge Männer kommen, die keiner einschätzen kann. Ich höre viele Stimmen aus der Wirtschaft, oft familiengeführte Unternehmen aus Sachsen, die das unterstützen. Das habe ich Akteuren der Regierung und der Kirche erzählt. Wir brauchen jetzt klare Absprachen im Rahmen unserer Wertegemeinschaft und Leitkultur. Miteinander Reden und gemeinsam Handeln statt sich anzubrüllen oder rumzusitzen. Das ist jetzt dran.

Sie schreiben, dass es keine Chance mehr gibt für die Unterschichten, von unten in den Mittelstand hinauf zu stoßen, warum?

Es fehlt vor allem an Bildungschancen. Gute Sozialpolitik definiert sich nicht über Hartz-IV-Sätze, sondern über die Teilhabe an Bildung, damit die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Und mal ehrlich, die Integration erledigen nicht die, die multikulti sind und das intellektuell toll finden, sondern die, die in einfachen Jobs arbeiten und die selbst Angst um ihre Arbeitsplätze haben. Denn in diesen Berufen fangen doch die meisten Flüchtlinge an, die sitzen dann, wenn sie malocht haben, zusammen in der Mittagspause. Dann gehört der Neue dazu. Die groß tönen, haben oft im Alltag mit den Flüchtlingen wenig zu tun. Da gibt es eine abgehobene Ignoranz, wie wir sie mitunter bei den Wessis erleben.

Wieso?

Der Lack vom Westen ist ab. Wir wollen in Gesamtdeutschland mitreden, wie es läuft in Zukunft. Wir sind seit 25 Jahren an Bord. Man könnte das integriert nennen. Wir Ostdeutschen haben Erfahrungen in zwei Systemen, sind zurechtgekommen mit Bedingungen, die das Gewohnte verändert haben. Das sind genau die Erfahrungen, die jetzt gesamtdeutsch gebraucht werden. Aber die Westdeutschen interessiert das offenbar nicht.

Sie fordern ein Zugehen Europas auf Putin, warum?

Europa verliert zunehmend seine Werte. Und es tut so, als gäbe es dazu nichts Wichtigeres, als ständig Stress mit Putin zu haben. Europa muss den Konflikt mit Moskau einfrieren und die Ukraine teilen, um seine Kräfte auf den Mittelmeerraum zu konzentrieren.

Aber bedeutet die Teilung der Ukraine nicht eine Kapitulation vor der Verletzung des Völkerrechts durch Russland?

Ich verurteile die Annexion der Krim auch. Aber kein Soldat aus einem EU-Land wird sein Leben für die Ukraine riskieren. Das ist die Wahrheit. Wer keine keine dicken Muckis hat, sollte auch keine großen Töne spucken. Europa muss vernünftig mit Russland zusammenarbeiten. Es überfordert Europa, im Mittelmeerraum die Flüchtlingsströme zu stoppen und gleichzeitig mit Putin im Clinch zu liegen. Der hat die EU und die USA auflaufen lassen in Syrien. Die Verzweiflung des EU-Kommissionspräsidenten Juncker zeigt, wie schwach Europa ist.

Sie mischen sich mit Ihrem Buch sehr in die aktuelle Politik ein. Wollen Sie nicht wieder einsteigen?

Ich trage meinen Teil bei und bleibe bei meinem Leisten. Wenn ich eingeladen werde, stehe ich gerne Rede und Antwort.

Gehen Sie auch zu den Grünen?

Ich gehe zu jeder Partei, von den Linken bis zur AfD, die mich zu einem vernünftigen Diskurs einlädt. Als Parteilose bin ich da frei. Zur NPD gehe ich nicht, das ist ja wohl klar. Aber ich will vor allem mit den Bürgern reden. Gemeinsam mit Steffen Flath habe ich versucht, in der Politik vorzuleben, dass man zusammenarbeiten kann, auch wenn man in bestimmten Bereichen völlig anderer Meinung ist. Sie glauben doch nicht, dass Steffen Flath und ich immer einer Meinung waren? Aber wir haben das Gemeinsame definiert, und das hat geklappt.

Interview: Anita Kecke

Antje Hermenau: Die Zukunft wird anders. Eine Streitschrift. Druckerei und Verlag Hille, Dresden. 171 Seiten, 14,90 Euro

 

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