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Explosives Gemisch im Untergrund: Böhlen droht Umwelt-Katastrophe

MDR-Bericht Explosives Gemisch im Untergrund: Böhlen droht Umwelt-Katastrophe

Andreas Springer geht Öl zapfen. Nicht an einer Tankstelle, sondern aus dem Erdreich. Dort, wo eigentlich Grundwasser stehen müsste, stößt er auf giftiges Schmieröl und Benzin, das auf dem Grundwasser schwimmt - eine Phase, wie es der Fachmann von der Alenco GmbH nennt.

In Böhlen bei Leipzig gelangen offenbar Altlasten ins Grundwasser (Symbolbild).

Quelle: dpa

Böhlen. "Das riecht wie an der Tankstelle und das ist auch nicht ganz ungefährlich. Man merkt auch, dass es Benzin ist", sagt Andreas Springer, der im Auftrag einer großen Chemiefirma allein im vergangenen Jahr 5000 Liter dieses giftigen Gemischs aus dem Boden bei Böhlen (Kreis Leipzig) geholt hat, dem MDR-Nachrichtenmagazin Exakt. Denn hier, im Süden von Leipzig, lagert die größte Altlast, die es in Sachsen gibt.
Experten gehen davon aus, dass mindestens vier Millionen Liter dieses explosiven Gemischs im Untergrund sind. In Böhlen wurden seit 1936 Kraftstoffe für Autos und Flugzeuge produziert. Bei Angriffen im Zweiten Weltkrieg wurden die Anlagen so stark beschädigt, dass sich schon vor 70 Jahren eine Umwelt-Katastrophe andeutete. Tanks und Kessel wurden damals getroffen und liefen aus. Die Erdölverarbeitung zu DDR-Zeiten gab dem Grundwasser den Rest. Sieben Meter dick schwamm in den achtziger Jahren die gefährliche Schicht auf dem Grundwasser. Öl, Benzin und andere Chemieprodukte leckten aus undichten Rohren.
Altlasten, die bis heute nur unzureichend beseitigt wurden. Bis in 20 Meter Tiefe ist das Grundwasser verseucht. Das beweisen Messungen aus den vergangenen beiden Jahrzehnten. In den Zentren der Schadstoffherde werden Horrorwerte - bis zu 70000 Mikrogramm giftiges Benzol pro Liter - gemessen. Zulässig ist ein Mikrogramm. Doch es kommt noch schlimmer: Eine Karte, die dem MDR zugespielt wurde, zeigt, wie sich das Benzol in Zukunft ausbreiten könnte - weit über die Grenzen des Werksgeländes hinaus. Denn das Gift im Boden wandert mit dem Grundwasser unter das Gelände des Kraftwerkbetreibers Vattenfall, wo mit viel Geld der Baugrund saniert wurde. Nach Süden driften die Schadstoffe in Richtung des Tagebaus Peres, der später ein Badesee werden soll. Das heißt: Tonnen von Benzol könnten den See verseuchen. Aktuelle Laboranalysen ergaben, dass das hoch entzündliche Gemisch unter anderem wegen seines Benzol-Anteils Krebserkrankungen hervorrufen kann.
Seit der Wende haben sich die Schadstoffe dramatisch ausgebreitet. Sie haben bis heute schätzungsweise 366000 Kubikmeter Grundwasser verseucht. "Wir wissen schon viel zu lange, wie die Situation dort aussieht. Es wird auch viel getan. Aber die Situa- tion wird nicht entschärft. Man untersucht und untersucht, gibt viel Geld dafür aus statt anzufassen und die Phase zu entfernen", sagt Wilfried Mahrla, Geologe und ehemals beim Staatlichen Umweltfachamt angestellt. Wolf-Dieter Dallhammer vom sächsischen Umweltministerium hält dem entgegen: "Die Altlastensanierung von so einem Großstandort ist ein Prozess. Man muss immer wieder prüfen, was geht, was geht nicht. Es ist auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit, was im Einzelfall geht. Denn es sind Steuergelder, die hier eingesetzt werden."
Tatsächlich haben die Sanierungsarbeiten seit der Wende sehr viele Millionen Euro verschlungen, allein für die Erkundung der Böhlener Giftbrühe gingen seit 2008 zehn Millionen Euro an verschiedene Ingenieurbüros, die mit den Planungen befasst wurden. Doch die wirklich notwendigen Arbeiten wurden nie angegangen. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR belaufen sich die Gesamtkosten der Altlastensanierung auf inzwischen 940 Millionen Euro, davon mussten etwa 740 Millionen Euro Bund und Länder tragen, nur 200 Millionen Euro trugen private Unternehmen bei.
Der sächsische Grünen-Landtagsabgeordnete Wolfram Günther fordert - wie auch etliche Sanierungsexperten - den Freistaat auf, endlich zu handeln. "Dass dort in solchem Ausmaß Altlasten liegen, dafür können weder die Bundesrepublik noch der Freistaat Sachsen etwas. Aber was man erwarten kann, ist, dass man es schafft, dass sich die Phase nicht weiter ausbreitet", mahnt Wolfram Günther. "Wir wissen, dass spätestens seit 2009 Pläne vorliegen, das Ausmaß zumindest einzudämmen - und das passiert ganz offensichtlich nicht."
Bekommen Andreas Springer und seine Kollegen keine Verstärkung durch Filterbrunnen und Pumpen, dann bleibt das Abschöpfen eine Sisyphusarbeit: Geschätzt für die nächsten 400 Jahre.
Die MDR-TV-Sendung Exakt berichtet heute ab 20.15 Uhr aus Böhlen.

Heidi Mühlenberg und Andreas Debski

Böhlen 51.200695 12.387038
Böhlen
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Umweltschäden
Das giftige Benzol im Boden, es könnte mit dem Grundwasser auch unter das Werksgelände von Vattenfall gelangen, dessen Baugrund aufwendig gereinigt worden war.

Mit einer Pressemitteilung hat Sachsens Umweltministerium auf kritische Berichte der LVZ und des MDR reagiert. Das durch über Jahrzehnte von ausgelaufenen Treibstoffen verseuchte Grundwasser in Böhlen könne nicht in absehbarer Zeit gereinigt werden, hieß es.

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