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Fakten statt Ängste: „Es müssen viel mehr Moscheen sichtbar und gebaut werden“

Interview Fakten statt Ängste: „Es müssen viel mehr Moscheen sichtbar und gebaut werden“

Verena Klemm (59) ist Professorin für Arabistik und Islamwissenschaft in Leipzig – und fordert jetzt, dass Muslime ihren Glauben mehr in die Öffentlichkeit tragen dürfen. Nur so könnten Integration gelingen und Parallelwelten verhindert werden, sagt sie. Verena Klemm ist Herausgeberin des Sammelbandes „Muslime in Sachsen“, der gerade erschienen ist.

Verena Klemm, Professorin für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Leipzig.
 

Quelle: Kempner

Leipzig. Für die Integration müssen sich beide Seiten öffnen: Muslime und Deutsche. Das sagt Verena Klemm,  Professorin für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Leipzig. Und sie fordert: Die sächsischen Moscheen sollen sichtbar werden. Gemeinsam mit Kollegen und Studierenden legt sie jetzt das Buch „Muslime in Sachsen“ vor – zum ersten Mal werden Fakten und Einblicke in islamisches Leben in Sachsen präsentiert.

Das Buch lässt sich als Antwort auf die Hass-Parolen von Pegida, Legida & Co verstehen. Weshalb ist es dringend nötig?

Das Unwissen über Muslime und den Islam ist einfach gewaltig. Wir wollen aufklären und eine Minderheit darstellen – eine winzige Minderheit, die gerade mal 0,5 Prozent der Bevölkerung in Sachsen ausmacht. Muslime werden oft vereinheitlicht, als Bedrohung oder Feindbild angesehen. Doch Muslime sind keineswegs eine homogene Gruppe. Und: Die meisten Muslime in Sachsen sind in vielerlei Hinsicht mit der Gesellschaft verbunden. Wobei es natürlich auch Einzelne gibt, die sich am Rand oder auch außerhalb bewegen. Dabei handelt es sich  im Wesentlichen um eine Gruppe Salafisten, die auch in Leipzig eine Moschee haben – sie stehen längst nicht exemplarisch für Muslime in Sachsen, sondern werden von ihnen abgelehnt.

Woher resultiert die Angst vor dem Islam?

Das Feindbild reicht bis ins Mittelalter zurück, bis in die Zeit der Kreuzzüge. Und diese Angst nimmt in den letzten Jahren wieder gefährlich zu und wird auch von rechten Gruppen instrumentalisiert. Islam-Feindlichkeit ist heute das neue Gesicht des Rassismus, das hat die Mitte-Studie der Universität Leipzig (Elmar Brähler, Oliver Decker, Johannes Kiess; 2014) gezeigt. Muslime werden hierzulande von vielen als minderwertig und potenziell gefährlich angesehen, sie werden sogar verachtet. Es gibt aber keinen Grund, eine ganze Gruppe herabzuwürdigen, nur weil Einzelne kriminell sind. Bei Vergehen von nicht-muslimischen Deutschen passiert dies im Gegenzug nicht.

Aktuell werden mit Muslimen zwei Probleme in Verbindung gebracht: Kriminalität und sexuelle Übergriffe sowie das Frauenbild allgemein.

Das ist nach den Vorfällen in Köln – und auch in Leipzig – nicht verwunderlich. Natürlich ist es berechtigt, dass solche Macho-Männer festgesetzt und auch abgeschoben werden. Auf der anderen Seite ist sexualisierte Gewalt ein Problem, das  es in allen Gesellschaften gibt. In Deutschland wird der Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes zufolge alle drei Minuten eine Frau vergewaltigt – es ist also auch hier an der Tagesordnung. Frauen müssen zu jeder Zeit und an jedem Ort sicher sein, dass dies nicht so ist, liegt nicht allein an muslimischen Männern. Diese sexualisierte Gewalt wird jetzt mit dem Wesen des Islams gleichgesetzt – das ist aber nicht so, das islamische Recht deckt dies nicht. 

Fakt ist: Muslime, vor allem junge Männer, stehen als Sinnbild für sexuelle Übergriffe, weil zum Beispiel Grapschen sehr real ist.

Da gibt es nichts schön zu reden und ich verteidige diese Männer auch nicht. Doch man muss die Ursachen analysieren. Die soziale Ordnung in vielen islamischen Ländern ist streng patriarchalisch. Männer und Frauen werden strikt getrennt. Es gibt keine Möglichkeiten, den Umgang miteinander zu lernen. Damit wird Sex zu einem gewaltigen Problem, weil das Thema auch ein absolutes Tabu ist, außer in der Ehe. Daraus resultiert eine Übersexualisierung einiger Männer. Das ist vor allem in konservativen oder sozial gekippten, perspektivlosen Milieus der Fall. Doch es gibt auch andere Beispiele: Im Libanon, Syrien und anderswo gibt es liberalere Geschlechterordnungen.

Integration ist keine Einbahnstraße, sondern sollte von beiden Seiten gelebt werden – doch fällt es uns Deutschen gerade aufgrund des Frauenbildes nicht umso schwerer, den Islam zu verstehen oder zu akzeptieren?

Man sollte das Bild nicht darauf reduzieren, sondern auch diejenigen Frauen wahrnehmen, die diese patriarchalischen Vorstellungen überwunden haben. Es stimmt natürlich, dass viele Ängste und Vorurteile gerade mit einem konservativen islamischen Frauenbild zusammenhängen. Es befremdet viele Menschen, wenn sie Kopftücher oder sogar Gesichtsschleier tragende Frauen sehen. Doch der Islam ist eine sehr heterogene Religion mit vielen verschiedenen Konfessionen und Strömungen, das versuchen wir in dem Buch zu zeigen. In Sachsen werden davon etliche Formen des Islams gelebt. Islam heißt nicht etwa Terrorismus und Kriminalität, sondern vor allem Vielfalt.

Kann es nicht auch sein, dass der Islam ein Integrationshindernis ist?

Laut deutschem Grundgesetz gilt Religionsfreiheit: Religion darf sich im öffentlichen Raum repräsentieren. Doch Muslime haben bislang – ausgenommen des geplanten Moscheebaus in Leipzig –  nach außen keine Sichtbarkeit. Oftmals treffen sie sich in Wohnungen zum Beten. Weil die Ausübung des Glaubens  im Privaten und Unsichtbaren stattfindet, herrscht bei Außenstehenden eine große Verunsicherung, die in Ablehnung  mündet. Damit werden Muslime ins Abseits gedrängt. Es bräuchte – wie es das Grundgesetz will – viel mehr Öffentlichkeit des Glaubens. Muslime müssen ihre Moscheen bekommen, es müssen viel mehr Moscheen sichtbar und gebaut werden – im Gegenzug müssen sich die Moscheen öffnen, transparenter werden. Nur so kann Integration funktionieren.

Zur Person

Verena Klemm  (59) hat Islam- und Religionswissenschaft sowie Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen studiert. Seit 2003 ist sie Professorin für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Leipzig. Verena Klemm hat in der Türkei gelebt und viele islamisch geprägten Länder bereist, darunter Afghanistan, Syrien und den Jemen. Sie hat zahlreiche Projekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geleitet.

Stichwort: Parallelwelten. Gibt es die nicht schon längst?

Natürlich, wenn auch nur im geringsten Maße in Sachsen. Parallelwelten lassen sich aber nur durch mehr Offenheit und Akzeptanz verhindern. Deshalb sind Moschee-Bauten etwas Gutes. Oder auch Vereine und Clubs, wo sich Muslime und Nicht-Muslime begegnen. Wenn man in Deutschland Muslime ausgrenzt, passiert genau das, was Islam-Feinde zu suggerieren versuchen: Es wachsen Parallelwelten – die dann den Salafisten in die Hände spielen. Richtig ist, dass gerade die Ausgrenzung zum Abkapseln führt. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen miteinander in Kontakt kommen. In Kindergärten und Schulen läuft das oft völlig unproblematisch. Daraus sollten die Erwachsenen lernen.

Die sächsische Integrationsministerin hat zuletzt kritisiert, dass zu lange das „Anders-Sein“ akzeptiert wurde. Liegt darin das Grundproblem der mangelnden Integration?

Die alte Bundesrepublik und auch die DDR sind an die Einwanderung blauäugig herangegangen – und nach wie vor definiert sich Deutschland nur halbherzig als Einwanderungsland. Klar ist: Regeln gelten für alle – für Einheimische wie für Zuwanderer. Doch klar muss auch sein: Stigmatisierungen produzieren Parallelwelten und Außenseiter. Diese Spirale erreicht eine negative Dynamik,  und diese zu durchbrechen, wird mit der Zeit immer schwieriger. Die allermeisten Muslime, die in Sachsen leben, sind integriert oder integrationswillig. Misstrauen, Vorurteile und Diskriminierung zerstören aber diesen Willen. Wenn wir wollen, können wir viele Gemeinsamkeiten finden. Deshalb brauchen wir viel mehr Kommunikation, Sprach- und Kulturvermittlung, damit es noch mehr sächsische Muslime gibt, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Ein Vorwurf lautet auch: Die Scharia steht dem deutschen Recht entgegen.

Es ist doch ganz klar: Das Recht steht über der Religion. Was die meisten Menschen nicht wissen oder wahrhaben wollen: Viele Muslime halten die Regeln ein. Sie freuen sich sogar darüber, im Schutz der deutschen Rechtsordnung leben zu können anstatt in einer Diktatur, und finden Wege und Kompromisse, ihre Religion zu leben. Aufgrund der schrecklichen Vorfälle in Köln und anderswo wächst die Islam-Feindlichkeit immer weiter, nehmen die Vorurteile zu – für die große Mehrheit der Muslime wird Integration damit schwieriger. Wenn man gegen jede Moschee pöbelt, die gebaut werden soll, wird Integration nicht gelingen.

Von Andreas Debski

Buchpräsentation

Marie Hakenberg/Verena Klemm (Hg.): Muslime in Sachsen. Geschichte, Fakten, Lebenswelten; Edition Leipzig, 136 Seiten, 9,95 Euro

Buchpräsentation: Mittwoch, 10. Februar, 19 Uhr,  Grassi Museum Leipzig (Großer Vortragssaal, Johannisplatz 5). An dem Abend diskutieren die Herausgeberinnen mit Khaldun Al Saadi (Islamisches Zentrum Dresden), Hans-Georg Ebert (Professor für Islamisches Recht) und Sabine Liesche (Religionswissenschaftlerin und Bloggerin religioholic.de)

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