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Gebürtiger Senegalese Karamba will für die SPD in den Bundestag

Gebürtiger Senegalese Karamba will für die SPD in den Bundestag

Der Hallenser Karamba Diaby hat einen Traum: Er will am 22. September für die Sozialdemokraten in den Bundestag einziehen. Wenn es klappt, wäre der gebürtige Senegalese dort der erste Abgeordnete afrikanischer Herkunft.

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Der gebürtige Senegalese Karamba Diaby will der erste Bundestagsabgeordnete mit afrikanischen Wurzeln werden.

Quelle: Nils Kinder

Mit schnellen Schritten läuft Karamba Diaby über den Universitätsplatz in Halle. Er wirkt ein bisschen gestresst. Den ganzen Tag hat er gearbeitet und jetzt will er noch gegen Kürzungen an den Unis protestieren. Gemeinsam mit Hunderten Studenten. Sie schreien, pusten in Trillerpfeifen - ein ungeheurer Lärm. Diaby lässt sich davon nicht stören. Er steht mitten in der Menge . Mit seinem schicken grauen Anzug und der Aktentasche sticht der 51-Jährige aus der Masse heraus. Doch es ist auch seine dunkle Hautfarbe, die auffällt.

Karamba Diaby kommt ursprünglich aus dem Senegal, er ist einer von 800 afrikanischstämmigen Hallensern. Seit 1986 lebt er in der Stadt an der Saale. Er hat hier studiert, promoviert und arbeitet heute als Referent im Sozialministerium in Magdeburg. Seit 13 Jahren ist er deutscher Staatsbürger. Im Oktober wurde er von der SPD als Kandidat für die Bundestagswahl nominiert, im Wahlkreis 72, auf Listenplatz drei. 21 Menschen mit Migrationshintergrund sitzen derzeit im deutschen Parlament. Wenn Diaby im September genug Stimmen bekommt, wäre er dort der erste Abgeordnete mit afrikanischen Wurzeln. Fest steht: Er ist der erste Politiker afrikanischer Herkunft, der überhaupt für den Bundestag kandidiert.

Ein schwarzer Abgeordneter und dann noch aus Halle, einer Stadt mit einem Migrantenanteil von nur vier Prozent - das ist doch etwas Besonderes? Doch Diaby schüttelt nur den Kopf. Es ärgert ihn, dass er auf seine Hautfarbe reduziert wird. "Ich finde es auch ein bisschen diskriminierend." Seine Kompetenz werde einfach ausgeblendet, beschwert sich der SPD-Mann und kneift die Lippen zusammen. Statt über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit würde er lieber über die Inhalte seiner Partei sprechen - über Chancengerechtigkeit, Mindestlöhne, Umweltfragen. Wenn er über die Lohnunterschiede im Land redet, wird seine Stimme laut. Er verfällt in einen dozierenden Politiker-Stil, wiederholt seine Sätze.

Diaby sitzt in einem Café am Universitätsplatz. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff rechtfertigt gerade die Kürzungen im Bildungsetat. Die Studenten rufen noch immer. Zwei Bekannte aus Studienzeiten sitzen an Diabys Tisch. Sie reden über damals, als ihr ehemaliger Kommilitone noch einen Studentenclub leitete. "Da war immer was los", erinnert sich einer der beiden Studienfreunde. Diaby lächelt. Mit einem Studien-Stipendium kam er in den 80er-Jahren in die DDR. "Nicht alle hatten so eine Chance", weiß er. In Halle fühlt sich Diaby schnell heimisch. Doch er erlebt auch rassistische Anfeindungen. 1996 passiert es: Er ist auf dem Heimweg, steigt aus dem Bus, zwei Jugendliche sind plötzlich hinter ihm. Sie fordern ihn auf, stehen zu bleiben, provozieren mit ausländerfeindlichen Sprüchen und greifen ihn schließlich an. Diaby verteidigt sich - und geht mit verbogener Brille nach Hause.

Etwas ähnliches ist ihm seitdem nie wieder passiert. "Es hat eine sehr positive Entwicklung gegeben von der Stimmung der 90er-Jahre bis heute." Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hatte Halle in einem Beitrag als Nazihochburg bezeichnet. Diaby wehrt sich gegen diesen Begriff, der ihn geschockt hat. "In Halle fühle ich mich sicher, ich kann überall hingehen." Der Hallenser nimmt seine Stadt in Schutz. Übergriffe können auch heute passieren, sagt er, überall. "Die ganze Stadt unter Generalverdacht zu stellen, ist falsch." Diaby kontert gern mit zwei Beispielen: Der erste afrikanische Student war im 18. Jahrhundert in Halle eingeschrieben; die erste Frau, die promovieren durfte, ebenfalls. "Halle muss etwas Besonderes sein", sagt er und lacht herzlich.

Dieses Lachen hat etwas Erfrischendes. Im Wahlkampf ist es auf jeden Fall von Vorteil, weil es zu Diabys Strategie passt. Die ist auf das Menschliche ausgerichtet: Auf seiner Internetseite zeigt er sein Lieblingsinstrument, eine afrikanische Harfe, zu der man in seiner Muttersprache Diakhanke singt. Sein Lieblingsrezept kann man sich gleich als PDF herunterladen. Diabys offene Art kommt bei den Hallensern gut an. Auf der Straße trifft er ständig Menschen, die ihn kennen. Und es sollen noch mehr werden. Bald beginnt die heiße Phase des Wahlkampfs. Wie Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will auch der Hallenser bei den Leuten direkt zu Hause vorbeischauen. Eine Art Wohnzimmerbesuch hat er erst neulich unternommen - in einer Kleingartenanlage. Mit den Laubenpiepern hielt er ausgiebig Smalltalk und verteilte Chilli-Samen. Die Gärten sind sein persönliches Herzensthema. Den Doktor in Chemie bekam Diaby für eine Promotion über die Schadstoffbelastung in deutschen Kleingärten.

Dass er sich ausgerechnet für die spießigste Leidenschaft der Deutschen interessiert, kümmert ihn nicht. "Das Biedere ist ein Vorurteil." Wenn Diaby über Kleingärten spricht, redet er von Ökologie, sozialem Miteinander, bürgerlichem Engagement. Seine eigenen Möhren baut der Politiker aber nicht selbst an. Seine Frau - eine Deutsche - hatte Angst, dass sie mit den beiden Kindern allein im Garten sitzt, während ihr Mann bei einem seiner vielen Termine ist.

Diabys Abgeordnetenleben lässt schon jetzt wenig Zeit für Familie: Halb sechs klingelt sein Wecker, der Zug nach Magdeburg fährt 7.07 Uhr, 8.15 Uhr betritt Diaby sein Büro im Landtag, 18.30 Uhr verlässt er es wieder. Wenn Stadtratssitzungen anstehen, sitzt er bereits 17 Uhr im Rathaus in Halle. Abends und am Wochenende stehen meist weitere Termine an. Jetzt im Juli wird der Tagesplan des Kandidaten noch voller: "Da hab ich fast jeden Abend eine Veranstaltung." Es wundert nicht, dass der SPD-Kandidat etwas gehetzt wirkt. Seine Augen wandern immer wieder unruhig über die Studentenmenge.

Wenn der Hallenser wirklich in den Bundestag einzieht, werden nochmals viele Augen auf ihn gerichtet sein. Migrantengruppen aus ganz Deutschland hätten hohe Erwartungen an ihn gestellt, sagt Diaby. Seine Chancen schätzt er realistisch ein: "In der Wahlkabine ist jeder allein."

Auf dem Universitätsplatz ist es inzwischen ruhiger geworden. Die Protest-Studenten stehen grüppchenweise herum, manche sitzen auf der Freitreppe und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Diaby verliert noch ein paar Worte zu Steinbrück, dann muss er wieder los. Sein zehnjähriger Sohn ist allein zu Hause, seine Frau hängt im Büro fest, erzählt er. Dann springt er auf und verlässt das Café - mit zügigen Schritten.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.07.2013

Gina Apitz

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