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Gütesiegel fürs Erzgebirge

Gütesiegel fürs Erzgebirge

Durch einen kräftigen Schlag lässt Jörg Scharnack den Stützbalken zur Seite springen und setzt damit den kleinsten der drei Frohnauer Hämmer in Gang. Mit der Wucht von mehr als 100 Kilogramm knallt der Eisenkopf auf den hölzernen Amboss, der mit einer Metallplatte verstärkt ist.

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Besucherbergwerk Martini-Stollen in Graupen (Krupka).

Quelle: Dirk Knofe

Frohnau. Aufgrund des ohrenbetäubenden Lärms zwinkern die Besucher im Takt der Hammerschläge. Plong, plong, plong. Jörg Scharnack, der Mann mit der ledernden Schürze und dem dazu passenden braunen Hut, blickt zufrieden in die Runde.

Scharnack ist Museumsführer des historischen Hammerwerks in Frohnau, einem Ortsteil von Annaberg-Buchholz im sächsischen Teil des Erzgebirges. Seit dem 17. Jahrhundert wurden hier mit Wasserkraft drei gewaltige, mechanische Hämmer und zwei riesige Blasebalge zum Entfachen der Schmiedefeuer angetrieben. Neben Silber und Kupfer bearbeitete ein Familienbetrieb in vielen Generationen vor allem Eisen. In der Blütezeit des Bergbaus belieferte das Hammerwerk die Grubenarbeiter der Region mit den Werkzeugen, allen voran dem traditionellen Schlägel und Eisen. Einst gab es über 100 solcher Schmieden im Erzgebirge, heute sind neben dieser nur noch drei weitere erhalten.

Der Mann mit dem Schnauzbart hält es für wichtig, die Geschichte des Bergbaus an die folgenden Generationen weiterzugeben, zu zeigen, wie mühselig frühere Arbeiten waren. 40.000 Besucher kommen jährlich in das älteste technische Denkmal des Freistaates, das 1910 eröffnet wurde. Scharnack sagt: „Es könnten deutlich mehr sein.“ Wie alle kulturellen Einrichtungen ist auch das Hammerwerk in Frohnau auf Fördermittel angewiesen. „Wir müssen darum kämpfen, dieses Denkmal zu erhalten“, meint der 47-Jährige.

Auf einer Stufe mit Terrakotta-Armee

Der Frohnauer Hammer und mehr als 500 weitere einzelne Objekte an 50 Standorten auf deutschem und tschechischem Boden sollen bald auf einer Stufe stehen mit weltbekannten Denkmälern wie dem Great Barrier Reef in Australien, der Grabstätte des chinesischen Kaisers Qinshihuang mit seiner „Terrakotta-Armee“ oder der Akropolis in Athen. Das Erzgebirge will Unesco-Weltkulturerbe werden.

Die internationale Organisation Unsesco mit Sitz in Paris verleiht diesen prestigeträchtigen Titel an ausgewählte Stätten, die „von außergewöhnlicher Bedeutung“ sind und „daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden“ sollten. Derzeit haben es fast 1000 Kultur- und Naturdenkmäler in 160 Ländern auf die Liste geschafft.

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Jörg Scharnack ist Museumsführer im Frohnauer Hammer.

Quelle: Dirk Knofe

Über die Einzigartigkeit dieses Mittelgebirges, 150 Kilometer lang und durchschnittlich 40 Kilometer breit, gibt es wenig Zweifel. Seit der ersten Entdeckung von Silber im Jahr 1168 bei Freiberg und von Zinn wenig später auf der böhmischen Seite entwickelte sich die Region zu einer unvergleichlichen Industriekulturlandschaft. Die Jagd nach den begehrten Rohstoffen, die heute, 845 Jahre später, gerade eine Renaissance erlebt, hat das Erzgebirge zu einem der geologisch am besten erkundeten Gebiete der Welt gemacht. Doch für die Region ist der Bergbau weit mehr als ein Industriezweig, der Bergarbeiter mehr als ein Beruf.

„Ich werde vom Herzen immer Bergmann bleiben“, sagt zum Beispiel Ivan Cáder. Der stämmige Tscheche führt Touristen in die Tiefen des Mariahilfstolln, ein Schaubergwerk in Měděnec (Kupferberg) im böhmischen Teil des Erzgebirges. Er hat jahrelang unter Tage in einem Eisenerzbergwerk gearbeitet, bis dieses geschlossen wurde. Seitdem kümmert er sich um den Besucherstollen. Eine Ernennung der Region zum Weltkulturerbe wäre eine große Ehre für alle Bergleute, sagt der 45-Jährige.

Amerikaner und Australier im Blick

Nicht nur das: Die Initiatoren aus Sachsen und den tschechischen Regionen Ústecký kraj (Aussig) und Karlovarský kraj (Karlsbad) erhoffen sich eine Reihe positiver Effekte nach einer Aufnahme in die Unesco-Liste. Michael Rund ist Direktor des Museums Sokolov, das den Bergwerksstollen Nr. 1 in Jáchymov (Joachimsthal) betreibt. Er glaubt: „Durch den Status würden internationale Touristen kommen, die wir sonst nicht erreichen. Vor allem für Amerikaner und Australier ist diese Markenbezeichnung bedeutend.“

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Das historische Hammerwerk in Frohnau.

Quelle: Dirk Knofe

Mehr Besucher würden die ganze Region beleben, führt der Museumsdirektor weiter aus. „Die Gäste wollen übernachten, essen, einkaufen, tanken.“ Einen Aufschwung könnten viele der Bergbaustädte gut gebrauchen. Gerade auf tschechischer Seite ist der einstige Glanz von kunstvoll verzierten Fassaden, pompösen Rathäusern und prächtigen Kirchen dem Verfall ausgesetzt. Viele Gebäude stehen leer, es gibt kaum Arbeit, die soziale Lage vieler Einwohner, wenn sie denn geblieben sind, ist prekär.

Sankt Joachimsthal ist dafür ein Paradebeispiel: Die Stadt, 35 Kilometer südlich von Annaberg-Buchholz gelegen, war zur Blütezeit des Bergbaus im 16. Jahrhundert die wichtigste Metropole des Erzgebirges und mit mehr als 18.000 Einwohnern auch eine der größten in Europa. Zum Vergleich: In Leipzig lebten damals nur halb so viele Menschen. Das silberne Münzgeld, nach dem Prägeort Joachimsthaler genannt, verbreitete sich in ganz Europa als Zahlungsmittel, von hier stammen die Begriff Taler und Dollar.

Marie Curie entdeckte Uranerz

 

Ende des 19. Jahrhunderts schaute die Welt noch einmal nach Joachimsthal, als Marie Curie im Uranerz das Element Radium entdeckte und dafür später den Nobelpreis erhielt. Es entstand das weltweit erste Radium-Heilbad, neben dem Bergbau gab es eine Handschuhmacherei, eine Korkstöpselfabrik und eine Spitzenklöppelei. Nach dem Zweiten Weltkrieg schickten die Sowjets Zehntausende Zwangsarbeiter in die Stollen, um Uran für Atomwaffen zu fördern. Danach wurde es immer stiller um die Stadt, die heute noch knapp 3000 Einwohner zählt. „Eine Aufnahme als Weltkulturerbe würde Arbeitsplätze sichern und neue schaffen“, sagt Michael Rund.

Zwar ist mit dem Titel keine finanzielle Unterstützung durch die Unesco verbunden. Die jeweiligen Regierungen verpflichten sich mit der Aufnahme in die Welterbeliste jedoch, für den dauerhaften Erhalt der Stätten zu sorgen. Bei der Beantragung von nationaler Förderung kann das Label also durchaus nützlich sein.

15 Jahre nachdem Sachsen die Montanregion Erzgebirge auf die Liste der künftigen Welterbestätten in Deutschland setzen ließ, geht das Projekt nun in die entscheidende Phase. Derzeit wird der Antrag, ein 1500 Seiten starkes Konvolut, ins Englische übersetzt und für den Druck vorbereitet. Im November werden letzte Änderungswünsche aus Paris erwartet. „Wir stehen kurz vor der Einreichung“, sagt Helmuth Albrecht. Er wird der „Unsesco-Professor“ genannt. Seit 16 Jahren leitet er an der TU Bergakademie in Freiberg den Lehrstuhl für Technikgeschichte und Industriearchäologie, außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Montanregion Erzgebirge und Leiter der Projektgruppe Montanregion Erzgebirge an der TU.

Dass der Weg bis zu diesem Punkt hart und steinig gewesen sei, dafür gebe es mehrere Gründe. „Wir haben es hier mit einem sehr großen Projekt zu tun, das zudem grenzüberschreitend ist“, erklärt der 58-Jährige. Verschiedene Bestimmungen, etwa zum Denkmalrecht, mussten angeglichen werden, das kostete Zeit.

„Waldschlösschen-Syndrom“

Weitaus aufwendiger war jedoch die politische Überzeugungsarbeit. Albrecht spricht vom „Waldschlösschen-Syndrom“, obwohl nicht erst seit der Aberkennung des Welterbestatus für das Dresdner Elbtal Kritiker negative wirtschaftliche Folgen befürchteten. Moderne Bauvorhaben, etwa neue, für die Region lukrative Bergwerke, könnten behindert werden, hieß es. Die sächsische Landesregierung, und ganz besonders die FDP, stand dem Vorhaben lange Zeit ablehnend gegenüber, ein erstes Konzept verschwand 2001 in der Schublade.

Die Initiatoren des Antrags setzten deshalb auf den untersten politischen Ebenen an. In Tausenden Vorträgen warben sie in Kommunen und Landkreisen um Unterstützung, bis sich 2010 schließlich 35 Ortschaften und Städte sowie drei Landkreise für das Vorhaben aussprachen. „Man sagt, Erzgebirgler sind eigenbrötlerisch, deshalb ist dieser Zusammenschluss wohl besonders hoch einzuschätzen“, scheint sich der Mann, der im niedersächsischen Celle geboren wurde, noch immer darüber zu wundern. Dieses starke Signal aus der Region mit seinen mehr als eine Million Einwohnern und das klare Votum Tschechiens für die Unterstützung konnte schließlich auch die Landesregierung nicht länger ignorieren. In diesem Sommer stimmte das Parlament dem Antrag zu.

Die Strategie, von unten nach oben erst die Betroffenen und dann die Politik zu überzeugen, sei einmalig für so ein Großprojekt, berichtet Albrecht und verweist auf andere Vorhaben wie Stuttgart 21, bei dem der umgekehrte Weg misslang.

Um Konflikte zwischen Welterbestatus und Bauprojekten nicht derart eskalieren zu lassen wie im Dresdner Elbtal, seien unter den 20.000 denkmalgeschützten Objekten im Erzgebirge genau die 500 ausgewählt worden, in deren Umgebung in absehbarer Zeit kein neuer Bergbau geplant sei, erklärt Helmuth Albrecht. Außerdem gebe es einen runden Tisch, an dem Oberbergämter, Bergbauunternehmen und etliche weitere Vertreter bei Problemen frühzeitig einen Konsens erreichen sollen.

„Alle Experten bescheinigen dem Projekt große Chancen“

Auch nach all der Vorbereitung ist keineswegs sicher, dass der Antrag zur Aufnahme als Weltkulturerbe erfolgreich sein wird. Die Entscheidung des Welterbekomitees ist auch immer eine politische, derzeit ist Deutschland in dem Gremium vertreten. Helmuth Albrecht aber gibt sich sehr zuversichtlich: „Alle Experten bescheinigen dem Projekt große Chancen.“ Ein solches grenzüberschreitendes Industriekulturdenkmal gebe es bisher nicht.  

Er betont, dass mit einem Erfolg die Arbeit nicht beendet sei. „Es reicht nicht, Weltkulturerbe zu werden, man muss es auch sein.“ Es gehe dabei nicht um Massentourismus, stattdessen müssten qualitativ hochwertige Angebote für Kulturtouristen geschaffen werden. Dazu gebe es bereits intensive Kontakte mit den Tourismus- und Marketingverbänden in der Region. „Erst so werden sich über den Erhalt der Denkmäler hinaus positive Effekte einstellen.“ Weltkulturerbestätten wie Bamberg, die das Label offensiv nutzten, profitierten kräftig davon. „Mehr Touristen, steigende Grundstückpreise, private Investitionen in Altstadthäuser“, zählt Albrecht auf.

Schon jetzt hat das Mammut-Projekt eines der Ziele erreicht: Deutschland und Tschechien sind dichter zusammengerückt. „Es kam ein Prozess in Gang, bestehende Kontakte wurden genutzt und neue aufgebaut“, sagt Albrecht. Durch die Welterbe-Bestrebungen würden Deutsche und Tschechen ihre Geschichte zunehmend als gemeinsame Vergangenheit verstehen, der Antrag schaffe Identifikation mit der Region.

Historisch war das Erzgebirge schon immer eine länderübergreifende Einheit. Geologische Erkundungen begannen oft auf der einen und endeten auf der anderen Seite. Bis 1459 gab es keine klare Trennlinie zwischen Böhmen und Sachsen. „Der Welterbeantrag überwindet diese Grenzen wieder“, sagt Helmuth Albrecht.

Robert Berlin

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