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Halle kämpft gegen sein Image

Halle kämpft gegen sein Image

Halle ist schön", sagt Volker Hofmann. Der hallesche Arzt im Ruhestand geht mit einer Reisegruppe aus Basel über den Stadtgottesacker - Ruhestätte bedeutender Saalestädter wie dem Theologen August Hermann Francke.

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Die fünf Markt-Türme sind das Wahrzeichen Halles, erinnern an den einstigen Reichtum der Stadt.

Quelle: imago stock&people

Der im 16. Jahrhundert angelegte Friedhof mit seinen reich verzierten Gruftbögen hat es den Schweizern sichtlich angetan. "Ich bin vor meinen Führungen immer aufgeregt", sagt Hofmann. "Heute ganz besonders, denn wir waren mit der Gruppe zuvor in Dresden, meiner Geburtsstadt." Doch die Schweizer, Freunde und Unterstützer des Basler Kammerorchesters, sind von der Stadt an der Saale nicht minder begeistert als von der an der Elbe. Für den ehemaligen Chefarzt des halleschen St. Barbara-Krankenhauses, der vor knapp zwei Stunden seinen Marathon durch die Historie der über 1200-Jährigen gestartet hat, ist das der größte Lohn. Geführt hat er die Gruppe zur Marktkirche, deren zwei Turmpaare (plus Rotem Turm) die Silhouette Halles prägen, zum Geburtshaus Georg Friedrich Händels, zur Moritzburg, zum Dom, zur Residenz, vorbei an den vielen Einrichtungen der Universität und dem prachtvoll restaurierten Sitz der Leopoldina, der weltweit ältesten Wissenschaftsakademie.

"Es gibt leider viele", sagt der Hobby-Stadtführer, "die der Stadt voreingenommen gegenüberstehen. Ich kämpfe gegen dieses Image, wo ich kann." Von seiner "Sorte" gebe es nicht wenige in Halle. Es könnten aber mehr sein. "Ich vermisse diesen Stolz auf Halle, wie ich ihn aus Leipzig kenne, wo wir lange gelebt haben." Sagt es und zieht mit seiner Gruppe weiter.

Wer im Internet "Halle" und "Image" eingibt, bekommt ein uneinheitliches Bild. Da gibt es Seiten, die die Stadt als individuell, bunt und innovativ zeigen, die die Wissenschafts- und Universitätsstadt mit sanierten Gründerzeitvierteln loben, andere erinnern an das Schmuddel-Image aus DDR-Tagen. Die Stadt - durch das beherzte Vermitteln des bekannten Seeteufels Graf Luckner vom Bombardement der Amerikaner verschont - bekam in den Nachkriegsjahren Abriss und Verfall zu spüren. Einst reiche Handelsstadt und Zentrum der Aufklärung, hat sie das Image einer grauen Diva bis heute noch nicht ganz ablegen können. Der bekannte Architekturkritiker Dankwart Guratzsch nennt den Bau von Halle-Neustadt und die Errichtung von Hochstraßen quer durch die Stadt einen Fehler. Dennoch ist Guratzsch bekennender Fan. "Völlig konkurrenzlos in Deutschland bietet Halle das Bild einer unzerstörten Großstadt des 20. Jahrhunderts."

Uneins auch der Blick von innen. So bescheinigt eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau, dass das Image der Saalestadt tief unter den mitteldeutschen Durchschnittswerten liegt. Bei einer Bürgerbefragung bekommt Halle als Kultur-, Wissenschafts- und Kunststadt gute Noten, geschätzt wird das viele Grün, weniger aber die wirtschaftliche Entwicklung.

In Halle unterscheidet man augenzwinkernd zwischen Halloren, also jenen, deren Ahnen mit der Salzgewinnung zu tun hatten, den Hallensern, sprich den sonstigen in Halle geborenen Menschen, und den Hallunken, den Zugezogenen. Sie bilden zweifelsohne den größten Teil der Bevölkerung. Halle hat in drei großen Schüben seine Einwohnerzahl massiv vergrößert, erklärt Oliver Scholz, ein bekennender Halle-Fan. Der Mittvierziger sortiert in der Lippertschen Buchhandlung, am Eingangportal zu den Franckeschen Stiftungen gelegen, neue und antiquarische Bücher. Der erste Schub erfolgte zur Zeit der Industrialisierung bis zum Ersten Weltkrieg. Die zweite Welle setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Einen dritten großen Schub gab es dann Anfang der 1960er-Jahre, als Halle-Neustadt entstand und die Chemiekombinate Buna und Leuna massenhaft Nachschub an Arbeitskräften benötigten.

Stadtarchivar Ralf Jacob ergänzt: Während Leipzig auch zu DDR-Zeiten als weltoffen und bürgerlich galt, versuchte die Staatsführung im Umfeld der Chemiekombinate einen neuen Typus Mensch heranzuziehen, modern, äußerst flexibel, egal ob heute in Halle oder morgen in Schwarzheide tätig. Anders als in Leipzig war in Halle zu DDR-Zeiten auch ein anderer Umgang mit Geschichte zu beobachten. Über Jahrzehnte sei nicht ausreichend geforscht worden. "Seit der Wende wird das aber massiv und mit großer Lust nachgeholt", sagt der 47-Jährige, der auch im Verein für hallische Stadtgeschichte mitwirkt.

Auf die Saalestadt lässt Historiker Jacob nichts kommen. Und dass in Halle große Kaufhäuser schließen, sogar das Cinemaxx-Kino dicht machen soll, bringt natürlich auch ihn nicht zum Jubeln. "Aber für Historiker sind das nur Augenblicke. Schauen Sie sich die Adressbücher der Stadt an, auf den Herrenausstatter X folgten die Herrenausstatter Y und Z. Wo heute ein florierender Möbelspezialist logiert, war früher das Kaufhaus Karstadt. Alles ist in Bewegung." Natürlich grämt es ihn, gesteht der Familienvater, dass die zwölfjährige Tochter, markenbewusst wie viele Teenager, lieber in Leipzig shoppen will, weil da die speziellen Läden sind. "Da muss in Halle noch was passieren." Es stimmt, so Jacob weiter, dass der Leipziger heimatverbundener ist. "Generell ist in Sachsen ein anderer Stolz ausgeprägt. Dafür zeichnet die Hallenser eine besondere Zurückhaltung aus. Und doch sind sie überzeugt davon: So, wie wir es machen, ist es richtig, andere machen es auch nicht besser." Dass die Hallenser "können", war im Vorjahr bei der Hochwasserbekämpfung zu erleben. Beeindruckend, wie Alteingesessene und Studenten aus allen Teilen des Landes an einem Strang gezogen haben.

Am Markt sitzt ein Mann mittleren Alters mit stark abgewetzten Sachen. "Hast mal nen Euro", grinst er breit, entblößt ein lückenhaftes Gebiss. Ob der Hallenser großzügig sei? "Nee Meiner, de Spendirhosen hamse hier nich erfunden." Schlimmer sei, dass er "ständch umziehn" müsse, weil der Wohnraum für seinesgleichen knapp wird. "Die baun hier, wases Zeuch hält." Schwere Zeiten für Obdachlose.

An jeder Ecke in der Stadt wird gebaut. Wohnungen sind gefragt. Wie aus dem Grundstücksmarktbericht 2014 hervorgeht, ist Halle das teuerste Pflaster in Sachsen-Anhalt: Der Quadratmeter Baugrund für ein Eigenheim liegt mit 130 Euro deutlich vor Magdeburg mit 105 Euro.

Anders als nach der Wende, blutet die Stadt auch nicht mehr aus. In den 90er-Jahren wanderten viele ab gen Westen, den besser bezahlten Jobs hinterher, oder in Halles Kragen, dem heutigen Saalekreis, um sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. "Dieser Trend ist seit vier Jahren vorbei, seither gibt es Zuzug", sagt Reinhold Sackmann, Soziologieprofessor an der Uni Halle-Wittenberg. Die Hallenser, so ergaben Umfragen, identifizieren sich auch wieder stärker mit ihrer Stadt. Der gebürtige Bayer lebt gern in der Saalestadt. "Halle ist eine Stadt der kurzen Wege und eine der grünsten Deutschlands obendrein." Sein Lieblingsort sei die Ziegelwiese, dort, wo am Ufer der Saale ein Badestrand mit feinem Sand zum Verweilen einlädt. Noch vor Jahren undenkbar.

"20 000 Studenten leben in Halle - die Stadt ist angesagt", meint Marcus Zawatzki, Basketballer bei den USV Halle Rhinos. Der Zwei-Meter-Riese, der Medienkommunikation studiert, zählt auf. Kultur: "Neben Oper und Neuem Theater gibt es eine Menge kleinerer Spielstätten." Szene-Gastronomie: "Die Kneipen sind klein, aber klasse." Sport: "Halle hat über 100 Vereine." Die Stadt würde einiges für die Studenten machen, so seien Spontan-Partys auf öffentlichen Plätzen erlaubt.

Während im Sportbereich die Weichen gestellt sind (neu gebaut werden die Eissporthalle, eine Ballsporthalle und eine Kraftsporthalle), hat wegen geplanter Kürzungen Opernintendant Axel Köhler seinen Job hingeschmissen. Halle bekommt vom Land künftig nur noch neun statt zwölf Millionen Euro jährlich Landesförderung für die Theater. Als Folge fallen rund 20 Prozent der Stellen weg.

Halle hat sich bisher als Kultur- und Wissenschaftsstadt gesehen. Momentan löst eine Sparwelle die nächste ab. "Eigentlich sollten jetzt alle an einen Strang ziehen", meint Rüdiger Fikentscher, SPD-Stadtrat und lange Jahre Vizepräsident des Landtages von Sachsen-Anhalt. Doch zwischen Stadtrat und neuem Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) stimme oft die Chemie nicht, und damit untertreibe er noch.

Wiegand, seit über einem Jahr im Amt, krempelt die Verwaltung um, hat zahlreiche Projekte angeschoben - ob in seiner Zuständigkeit oder nicht - wie den Dammbau bei Halle-Neustadt oder die Zusammenarbeit mit Leipzig. Eine klare Ausrichtung, wohin die Stadt marschieren will, ist in seiner Amtszeit noch nicht auszumachen. Immerhin erntet er von zahlreichen Unternehmern Zuspruch dafür, dass er sich die Wirtschaftförderung auf seinen Tisch gezogen hat. Und dass er gemeinsam mit Leipzig Ansiedlungen für die Gewerbegebiete entlang der A 14 finden will.

Der große Nachbar, der sich stets selbstbewusst als Stadt der Messe, der Banken und der Dienstleistungen verkaufte und sich sogar als Olympiastadt ins Spiel brachte, hatte in der Vergangenheit mehr Erfolg, wie die Ansiedlungen von Porsche und BMW zeigen. "Halle hat Potenzial", sagt Wiegand trotzig. "Und Zukunft." Die wünscht sich das Stadtoberhaupt, der wegen umstrittener Personalentscheidungen schon in Kürze vor Gericht steht, auch für sich.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..
Andreas Dunte

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