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Heimatverlust - Menschen in Ostsachsen weichen der Kohle

Heimatverlust - Menschen in Ostsachsen weichen der Kohle

"Jetzt erschrecke ich ja selbst“, gesteht Wolfgang Zech. Der Mann mit dem wachen Blick schaut fassungslos auf frisch gerodete Flächen unweit seines Wohnortes Trebendorf (Landkreis Görlitz) ganz im Nordosten Sachsens.

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Ein kleiner Baum wächst in mitten von Holzspänen gerodeter Bäume im Tagebau Nochten, aufgenommen am 20. September 2011 bei Trebendorf. Unaufhörlich fressen sich Bagger in die Erde. Sie holen einen Rohstoff ans Licht, der Strom und Wärme liefert.

Quelle: dpa

Schleife/Trebendorf. So weit das Auge reicht, dehnt sich hier unweit der Grenze zu Brandenburg der Kiefernwald aus. Kilometerlange Wege verlaufen schnurgerade zwischen hohen Baumstämmen. Doch immer mehr Bäume verschwinden nun für den Braunkohleabbau. Immer näher rückt der Tagebau Nochten auch an Siedlungen heran. „Nicht mehr weit bis Trebendorf“, weiß Zech, der sich sonst Tag für Tag recht nüchtern mit dem Thema beschäftigt.

Der Diplom-Ingenieur arbeitet in der Gemeindeverwaltung von Trebendorf. Er ist zuständig für Bergbaufragen. An ihn können sich all jene wenden, die für die Erweiterung des Tagebaus ihre Grundstücke aufgeben müssen. Er sei eher der Mann fürs Praktische, sagt Zech über sich selbst. Er berät Betroffene, wo sie künftig wohnen können und welche Entschädigung sie erhalten für den Verlust ihrer „Scholle, auf der sie jahrelang gelebt haben“, wie es Zech ausdrückt. Allerdings: „Ich habe noch niemanden gehört, der den Tagebau verdammt hat. Für viele ist er sogar die wirtschaftliche Existenz.“

Das mag wohl einer der wesentlichen Gründe dafür sein, dass es in diesem Landstrich keinen ernsthaften Widerstand gegen die vom Bergbau erzwungenen Umsiedlungen gegeben hat. In der Umgebung anderer Braunkohle-Tagebaue in Ostdeutschland hatte das in der jüngeren Vergangenheit anders ausgesehen. Ob Horno in Brandenburg oder Heuersdorf bei Leipzig - hier waren zahlreiche Einwohner wütend auf die Barrikaden gegangen. Doch ihr jahrelanger zäher Protest, der über die Landesgrenzen hinaus Schlagzeilen machte, hatte das vorgezeichnete Schicksal ihrer Dörfer nicht abwenden können. In Heuersdorf verließen die letzten Bewohner 2009 ihre Häuser, in Horno wurde bereits 2005 das letzte Haus geräumt. Lärm und Dreck durch Kohleabbau

Der Tagebau Nochten ist seit 1973 in Betrieb. Der Energiekonzern Vattenfall holt dort jährlich bis zu 17 Millionen Tonnen Braunkohle aus der Erde, um sie im nahegelegenen Kraftwerk Boxberg in Strom zu verwandeln. Die Menschen in den angrenzenden Orten leben mit Lärm und Dreck. „Bei Ostwind hört man die Bagger“, sagt Zech, der etwa 400 Meter vom Tagebau entfernt wohnt. Sein Haus wird stehen bleiben, wenn sich das Abbaufeld ausdehnt. 171 Einwohner aus den Trebendorfer Ortsteilen Hinterberg und Mühlrose müssen dagegen weichen.

Rene Kraink hat sein Grundstück schon verlassen - mit Wehmut. Nach seiner Hochzeit im Jahre 2000 hatte er ein Haus in abgeschiedener Lage mit schönem Garten gekauft und von Grund auf saniert. „In guter Hoffnung, dass nichts passiert“, erinnert sich der 35-jährige Unternehmer. Nach der Wende habe niemand geglaubt, dass der Braunkohleabbau noch eine Chance hat. Als schließlich feststand, dass Krainks Familie die Idylle am Waldrand in Hinterberg räumen muss, war für ihn klar, dass es nun so schnell wie möglich gehen musste. Denn den Abriss seines Hauses wollte er nicht miterleben.

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Ein Tor in einem Zaun steht am Rande des Tagebaus Nochten. Im Osten Sachsens müssen Menschen wegen des Kohleabbaus Haus und Hof verlassen. Hunderten droht das gleiche Schicksal.

Quelle: dpa

Kraink entschied sich für den Umzug innerhalb der Gemeinde Trebendorf. Er fühlt sich dort verwurzelt, wo auch sein Vater geboren wurde. Mit seiner Frau, der sechsjährigen Tochter und dem drei Jahre alten Sohn hat er in diesem Sommer ein neues Haus mitten im Ort bezogen. Für den verlorenen Besitz erhielt die Familie zwar vom Energiekonzern Vattenfall eine Entschädigung, doch Absprachen, Arbeit, Hektik und Stress auf dem Bau blieben an den Umsiedlern hängen. „Wir lassen dafür Nerven“, macht der zielstrebige Mann deutlich. „Die Älteren haben oft nicht so viel Kraft.“ Neue Chance für die Gemeinde

Kraink hat auch als Vorsitzender des Trebendorfer Sportvereins hart mit Vattenfall verhandelt und Forderungen durchgesetzt. Ein Komplex mit Vereinshaus, Mehrzweckhalle und Sportplatz wächst gerade in der neuen Mitte der Gemeinde. Auf der freien Fläche gleich daneben hat der neue Kindergarten ausgesprochen farbenfrohe Konturen angenommen. Dort, wo die Mädchen und Jungen derzeit noch betreut werden, wäre in einigen Jahren die Tagebaukante nicht weit. Die Gemeinde bestand deshalb auf einen Neubau an zentraler Stelle, festgeschrieben im 2008 geschlossenen Vertrag mit Vattenfall.

„Unser Dorf bleibt lebenswert, trotz Bergbaus“, findet Bürgermeisterin Kerstin Antonius (parteilos). „Die Menschen verlieren ihre Heimat, haben aber auch die Chance für einen Neuanfang.“ Vattenfall lässt sich die Tagebauerweiterung einiges kosten. Insgesamt neun Millionen Euro flossen allein in zwei Stiftungen für Trebendorf. Die Erträge daraus darf die Gemeinde für das Vereins- und Dorfleben ausgeben. Der Energiekonzern bezahlte auch die Umsetzung des Hans-Schuster-Hofes in die neue Ortsmitte. Das Schrotholzhaus eines sorbischen Dudelsackspielers stand mitten im Abbaugebiet.

Doch gewaltige Veränderungen lassen sich nur bedingt mit Geld ausgleichen. Hunderte Menschen in der Region leben derzeit in Ungewissheit. Vattenfall hat 2006 den Antrag gestellt, zusätzlich 300 Millionen Tonnen Braunkohle in Nochten abbauen zu dürfen. Die Entscheidung darüber wird für Sommer 2012 erwartet. Sollten die Förderpläne genehmigt werden, droht weiteren rund 1500 Menschen in Trebendorf und in der Nachbargemeinde Schleife die Umsiedlung.

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Bagger der Vatenfall Europe Mining AG im Tagebau Nochten.

Quelle: dpa

„Es sieht danach aus, als würde es so kommen“, glaubt Kerstin Antonius. Auch sie wäre betroffen. Mit Mann und Sohn wohnt sie in Klein-Trebendorf, im Haus der Eltern, das die Familie Stück für Stück aufgebaut hat. „Vielleicht können wir bleiben“, sagt sie leise. So ganz hat die ehrenamtliche Bürgermeisterin die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Doch ein neues Grundstück im Ort hat sie sich schon ausgesucht. 90 bereits erschlossene Parzellen stehen für Umsiedler in Trebendorf bereit. Beistand durch Seelsorge

„Für ältere Leute ist es am schwierigsten, ihre Häuser aufzugeben“, hat Antje Schröcke festgestellt. Im März 2010 kam die aus Leipzig stammende Theologin nach Schleife. Im Dienste der evangelischen Kirche ist sie Seelsorgerin für die Umsiedler. Seit diesem Sommer hat sie im Ort sogar eine feste Anlauf- und Beratungsstelle. Ihren Dienstsitz in den früheren Geschäftsräumen einer Bank hat sie zusammen mit einem Sozialen Netzwerk eingerichtet, das neue Nachbarschaften in der Region fördern will. Die Miete bezahlt Vattenfall ebenso wie die Kosten für die Bergbauseelsorge.

„Es ist wichtig, vor Ort Präsenz zu zeigen“, ist Antje Schröcke überzeugt. Nach wie vor spürt sie Zurückhaltung bei ihren Schützlingen. In vielen Köpfen existiere wohl die Meinung, psychologischen Bestand in Anspruch zu nehmen, sei ein Eingeständnis von Schwäche. „Es ist ein schwieriger Prozess. Ich nehme ein Stück Resignation und Hilflosigkeit wahr.“ Leute hätten das Gefühl, nur ein kleines Rädchen im Getriebe zu sein.

Die Menschen in der Gegend leben schon lange mit der Kohle und viele von ihnen in einem Zwiespalt. Nicht wenige arbeiten selbst im Tagebau und graben sich buchstäblich die Erde unter den Füßen weg. Antje Schröcke betrachtet es als ihre Aufgabe, Kräfte zu mobilisieren, damit sich die Menschen den Veränderungen stellen. Gottesdienste im Freien hat sie organisiert. Dabei konnten die Leute Abschied nehmen vom Wald, wo sie früher Picknick gemacht und Beeren gesammelt haben. „Da fühlen sich nicht nur Christen angesprochen und getröstet.“ Kohle bleibt unverzichtbar

Wenn Vattenfall grünes Licht für die 2006 beantragte Abbaggerung bekommt, würden neben dem zu Trebendorf gehörenden Dorf Mühlrose auch die Schleifer Ortsteile Rohne und Mulkwitz komplett von der Landkarte verschwinden. Mancher Einwohner müsste sogar zum zweiten Mal für die Kohle umziehen. „Wir verlieren die Hälfte der Gemeindefläche“, bedauert Reinhard Bork. Der parteilose Bürgermeister von Schleife glaubt, dass gerade durch den Atomausstieg die Grundrichtung in Deutschland klar vorgegeben ist.

Tatsächlich kann Vattenfall kurzfristig nicht auf Kohle verzichten, wie der Konzernchef für Deutschland, Toumo Hatakka, erläutert. Der Rohstoff wird in den nächsten Jahrzehnten für die Grundversorgung gebraucht. Die Kohle in Nochten reicht noch bis über das Jahr 2045 hinaus, um das Kraftwerk Boxberg zu beliefern. Dort soll im ersten Quartal 2012 ein neuer Block mit 670 Megawatt Leistung ans Netz gehen.

Trebendorf, Mühlrose, Mulkwitz, Rohne und Schleife bilden mit zwei weiteren Orten nicht nur ein gemeinsames Kirchspiel, sondern auch eines von ursprünglich fünf sorbischen Trachtengebieten. Geplant ist, dass jeder Ortsteil, wenn er denn dem Tagebau zum Opfer fallen sollte, an einem anderen Standort neu aufgebaut wird. Die sorbische Dachorganisation Domowina will darauf achten, dass dabei die jahrhundertealten Traditionen des kleinsten slawischen Volkes in der Region nicht auf der Strecke bleiben. Neurohne etwa soll mit einem für die Gegend typischen Dorfkern entstehen.

„In das Dorfzentrum gehört das Sorbische“, bekräftigt Manfred Hermasch vom Domowina-Regionalbüro in Schleife. Der Sorbenbeauftragte im Landkreis Görlitz meint damit auch den Njepila-Hof. Erst 2006 rekonstruiert, erinnert das urige Gehöft in Rohne an Lebensweise und Kultur der sorbischen Landbevölkerung. Sollte es weichen müssen, steht schon fest, dass es am neuen Ort wieder aufgebaut wird. „Nur Größer“, wünscht sich Hermasch.

Anett Böttger, dpa

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