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Hells Angels, United Tribuns, Red Devils: Wie tickt Sachsens Rocker-Szene?

Einschätzung des LKA Hells Angels, United Tribuns, Red Devils: Wie tickt Sachsens Rocker-Szene?

Nach den Todesschüssen bei einer Auseinandersetzung zwischen Hells Angels und United Tribuns auf der Leipziger Eisenbahnstraße Ende Juni rücken die Motorrad-Gruppen im Freistaat in den Fokus.

Hells Angels Leipzig bei einer Ausfahrt in Leipzig. (Archivfoto)

Quelle: Andrè Kempner

Dresden/Leipzig. Spätestens seit der tödlichen Fehde in der Leipziger Eisenbahnstraße sind die konkurrierenden, gewaltbereiten Rocker-Gruppen in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit gerückt. Was motiviert die Szene? Welche Gruppen gibt es in Sachsen? Warum trifft es gerade Leipzig? – Die Leipziger Volkszeitung versucht, Licht ins ganz spezielle Dunkel aus Zuhältern, Türstehern und Drogendealern zu bringen.

Wie ist die Rocker-Szene in Sachsen aufgestellt?

Insgesamt gibt es drei bedeutende Rocker-Gruppen in Deutschland, die miteinander in Konkurrenz stehen. In Sachsen existieren neben den Hells Angels vor allem die United Tribuns; die Bandidos als dritte große Gruppe spielen dagegen im Freistaat keine Rolle. Allgemein gehen Ermittler von rund 20 Mitgliedern der United Tribuns in Sachsen aus. 30 sind es im Falle der Hells Angels, davon 20 in Leipzig und zehn in Dresden. Allerdings hat sich der Leipziger Ableger nach den Schüssen in der Eisenbahnstraße aufgelöst – vorerst. Hinzu kommen Vorfeldgruppierungen wie die Blood Red Section in Plauen, die Red Devils in Riesa oder die Blood Lines in Zwickau mit nochmal zusammen rund 50 Mitgliedern. Allgemein gilt: „Sachsen ist Hells-Angels-Gebiet“, meint der Sprecher des Landeskriminalamts (LKA), Tom Bernhardt.

Wie steht’s um die Szene in Leipzig?

Im Gegensatz zu Dresden gilt die Messestadt als höchst interessanter Standort, entsprechend aktiv ist die Szene. Gründe sind die Nähe zu Autobahnkreuzen, reichlich Studenten und nicht zuletzt die Tatsache, dass Leipzig traditionell international aufgestellt ist. „Das Nachtleben“, meint ein Ermittler, „ist viel lebendiger als in Dresden“. Entsprechend spiele auch die Türsteher-Szene eine weitaus größere Rolle. Allgemein gilt Leipzig als Kriminalitätshochburg, nicht zuletzt im Bereich der Eisenbahnstraße.

Was zeichnet die Szene aus?

Typisch für Rocker ist die Mischung aus beinharter Geschäftemacherei im Bereich der Organisierten Kriminalität und einem kruden Ehrbegriff männlich dominierter Gangs. Geld machen sie in der Türsteher-Szene, die Zugang zur Drogen-Szene verschafft. „Wer die Türen hat, hat die Macht“, bringt LKA-Mann Bernhardt es auf den Punkt. Hinzu kommen „Geschäftsfelder“ wie Prostitution, das Betreiben von Diskos, Bars und Tattoo-Läden – sowie Spielhallen zwecks Geldwäsche. Dabei funktionieren die Gangs nach fast archaischem Muster. Ehre steht ganz weit oben, wer den Kodex verletzt, muss mit härtesten Strafen rechnen. „Zurückziehen gibt es nicht, der Rückwärtsgang ist nicht eingebaut“, meint Bernhardt trocken.

Was sind die Unterschiede zwischen den Gruppierungen?

Die Hells Angels als tradierteste Rocker-Gruppe gehen auf zivilisationsmüde Kampfpiloten aus dem Zweiten Weltkrieg in den USA zurück. Die United Tribuns haben sich wesentlich später gegründet – von dem bosnischen Kriegsflüchtling Almir C. Letztere fahren auch keine Motorräder, ziehen aber eine ähnliche Klientel an. Neueren Datums ist eine allgemeine Enthemmung der Szene. Während tradierte Gruppen nach dem Muster „Motorrad, Weib, Wein und Gesang“ funktionieren und „nur bei Bedarf“ rabiat zuschlagen können, sind Tabus bei Gruppen neueren Musters weitgehend gefallen. „Da gibt es einen Hausbesuch, auch schon mal bei den Kindern“, meint ein Ermittler – ein Vorgehen, das früher undenkbar gewesen sei. Auch Blutrache sei durchaus ein Thema.

Wie groß ist der Einfluss der Migranten in den Gangs?

Bei den Hells Angels spielten diese ursprünglich keine Rolle, doch mittlerweile gibt es auch Mitglieder mit Migrationshintergrund. Bei den anderen Gruppierungen ist der Einfluss größer – vor allem bei den United Tribuns, wo nicht zufällig viele Bosnier versammelt sind. Bei den in Sachsen nicht vertretenen Bandidos wiederum gibt es viele Türken oder auch Ex-Jugoslawen.

Wie wird man Mitglied?

Wie es in archaisch organisierten Gruppen üblich ist: per Ritus. Man muss sich langsam hocharbeiten, bewähren, um am Ende die begehrte „Kutte“, die Jacke mit Erkennungssymbolen, zu erhalten. Bei den United Tribuns holen sich Neulinge die Kutte sogar beim Chef persönlich ab, der sich nach Bosnien abgesetzt hat. Dies sei der „Ritterschlag“, so ein Ermittler, überhaupt sei die Kutte „ein Heiligtum“. Wer damit „fremdes“ Territorium verfeindeter Gangs betritt, begeht eine Gebietsverletzung – was einer „Kriegserklärung“ gleichkomme. Genau das ist in der Eisenbahnstraße passiert, als Hells Angels im Gebiet der Tribuns auftauchten.

Warum kam der Gewaltausbruch in Leipzig gerade jetzt?

Der provokative Auftritt der Hells Angels ausgerechnet in der Leipziger Eisenbahnstraße war schon die Vorstufe zur Eskalation. Natürlich griffen die Tribuns den Fehdehandschuh umgehend auf, die Stimmung wurde immer aggressiver – weil keiner vor den Augen der anderen einen Rückzieher machen kann. Im Kern allerdings ist eine Fehde mit tödlichem Ausgang untypisch. Zwar wird brutal zugeschlagen, mit der Polizei jedoch legt man sich nicht an. Denn dies gilt als geschäftsschädigend. Grund: Im Gegensatz zur „normalen“ Bandenkriminalität“ ruft ein Mord die Staatsmacht auf den Plan, wie der Landesverband der Gruppe MC Gremium erfahren musste, der verboten wurde. Dies befürchten jetzt offensichtlich auch die Hells Angels in Leipzig – und haben sich vorsorglich aufgelöst.

Jürgen Kochinke

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