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In Strapsen und barbusig - Orosz-Nacktbild wieder zu sehen

In Strapsen und barbusig - Orosz-Nacktbild wieder zu sehen

„Was darf Satire? Alles!“, schrieb schon Kurt Tucholsky. Und er hat Recht behalten: Im Streit um ihr Nacktbild muss Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) eine bittere Niederlage hinnehmen.

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Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz hat vor Gericht eine Niederlage eingesteckt.

Quelle: dpa

Dresden. Das Oberlandesgericht Dresden hat am Freitag ein vom Landgericht Dresden im Dezember 2009 verhängtes Verbot aufgehoben und den Antrag der Politikerin auf Erlass einer einstweiligen Verfügung abgewiesen. Ab sofort darf die Künstlerin Erika Lust ihr Gemälde wieder öffentlich zeigen - Orosz ist darauf nackt zu sehen, bekleidet mit rosa Strapsen und einer Amtskette. Im Hintergrund leuchtet in düsteren Farben die Waldschlößchenbrücke.

Mit dem Bild „Frau Orosz wirbt für das Welterbe“  wollte die Künstlerin gegen das Bauwerk protestieren, das Dresden im vergangenen Jahr den Welterbe-Titel kostete. Das sahen auch die Richter so. Das Gemälde sei „ein Bildnis der Zeitgeschichte und eine satirische Darstellung“, begründete der Senat sein Urteil (Az.: 4 U 127/10). Das Werk beschäftige sich zum einen mit einem aktuellen politischen Geschehen, das dem Schutz der Meinungsfreiheit unterliege. Zum anderen gehörten Übertreibungen zum Wesen der Satire, auch Accessoires wie Strapse müsse Orosz deshalb hinnehmen.

Lust strahlte nach der Urteilsverkündung. „Ich bin glücklich und sehr zufrieden“, sagte sie. Dennoch wolle sie auf die Gefühle der Oberbürgermeisterin Rücksicht nehmen und das Bild vorerst nicht wieder auf ihre Internetseite stellen. „Zumindest so lange, bis es ein wenig in Vergessenheit geraten ist.“

Orosz hatte gegen das Bild geklagt, weil sie ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sah. Sie fühlte sich sogar in die Nähe einer Prostituierten gerückt. „Das bedeutet einen enormen Achtungs- und Autoritätsverlust für mein Amt“, sagte die Politikerin während der Berufungsverhandlung. Glück im Unglück: Die Kosten für den verlorenen Prozess zahlt die Stadt. Sie sieht die Würde des Amtes beschädigt und unterstützt deshalb die Oberbürgermeisterin.

Prozessbeobachter sprechen von einer Provinzposse, Experten raten Orosz zu mehr Gelassenheit. „Hätte sie sich nicht gerührt, hätte kaum jemand dieses Konterfei zur Kenntnis genommen“, vermutet etwa der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt. Wenn obszöne Karikaturen auftauchen, sollten Politiker sie solange ignorieren, bis die Gegenseite an die Öffentlichkeit tritt. Denn als Opfer könne man sich leichter wehren, habe die Sympathien auf seiner Seite. Orosz habe mit ihrer Klage dagegen erst richtig auf das Bild aufmerksam gemacht. In einer Demokratie sei Politik zudem immer der Kritik ausgesetzt - das müssten Politiker aushalten.

Während Orosz die negativen Schlagzeilen wohl eher ungelegen kommen dürften, beschert der Streit um das Nacktbild der zuvor weitgehend unbekannten Malerin bundesweite Aufmerksamkeit. Medien in ganz Deutschland berichten über die 46-jährige. Zahlreiche Leute kommen in ihr Dresdner Atelier, wollen die nackte Oberbürgermeisterin sehen - auch wenn das Bild mittlerweile verkauft ist und vom Eigentümer wie die „Mona Lisa“ behandelt und in einem Tresor verwahrt wird, wie Erika Lust sagt.

Die aus Kasachstan stammende Malerin will ihrem Lieblingsthema auch weiterhin treu bleiben. Ihr neuestes Werk „Das rosa Wunder“ gleicht dem Skandalbild - allerdings sind sowohl Waldschlößchenbrücke als auch Oberbürgermeisterin in zartes Rosa gehüllt. „Das ist die schöne Welt, wie sie die Leute sehen wollen“, sagte Lust. Immer noch ist sie überrascht von dem Wirbel, den sie auslöste. Schließlich hatte sie zuvor auch schon Orosz als peitschende Domina oder historische Größen wie August den Starken ohne Kleider gemalt.

Kaum ist der Prozess vorbei, droht schon neuer Ärger. „Ich habe weitere sächsische Politiker auf dem Kieker“, sagt Lust. Eine neue Serie sei derzeit in Arbeit. Wer in der illustren Runde vertreten ist, will sie noch nicht verraten, nur soviel: Auch Sachsens CDU- Regierungschef Stanislaw Tillich wird gemalt - nackt natürlich.

Christiane Raatz, dpa

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