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In der Lausitz läuft ein Vorzeige-Naturschutzprojekt aus dem Ruder

Der böse Wolf von Cunnewitz In der Lausitz läuft ein Vorzeige-Naturschutzprojekt aus dem Ruder

Seine Rückkehr wurde von Naturschützern bejubelt. Doch jetzt sorgt der Wolf in Ostsachsen für Probleme. Vor allem Schäfer verlieren reihenweise Tiere.

Der Wolf sorgt auch in Ostsachsen für Probleme.

Quelle: dpa

Cunnewitz. Martin Just (33) schüttelt immer wieder den Kopf. „Das ist so krank, das ist alles so krank.“ Er wird das noch öfter sagen, während er in der Koppel steht, die Sonne hinter Cunnewitz (Landkreis Bautzen) allmählich untergeht und nasse Kälte über die Wiesen herankriecht. „Das“ ist der Umgang der Politik und des Naturschutzes mit dem Thema Wolf. Für Just keine abstrakte Theorie, sondern tägliche Erfahrung.

Im vergangenen Jahr hat sich der Wolf 22 seiner Schafe geholt. Die letzten von ihnen lagen im Dorf und verendeten dort vor den Augen der rund 300 Einwohner. „So etwas kann passieren“, dachte Just damals noch und kaufte neue Weidezäune für 5000 Euro. Seine Brötchen verdient er als Ingenieur für Medizintechnik im nahegelegenen Pulsnitz. Die Schafhaltung ist für ihn Nebenerwerb.

Vor 15 Jahren hat er sie vom Vater übernommen. „Ich bin da reingewachsen. Für mich ist das genau mein Ding und ich möchte nichts anderes machen“, sagt er mit glänzenden Augen. Dafür nehme er sogar den ganzen umfangreichen Bürokratiekram in Kauf und steht vier Uhr am Morgen auf. Anschließend schafft er die Kinder zur Schule und fährt auf Arbeit. Abends ist er wieder bei seinen Schafen. Am Wochenende schert er sie, schneidet Klauen aus, macht Wurmkuren mit seinen Tieren.

Etwa im Jahr 2000 kehrte der Wolf zurück. Seither feiern Befürworter jedes neue Rudel, extreme Gegner üben gnadenlos Selbstjustiz. Umweltschützer begrüßten ihn in Broschüren euphorisch „Willkommen Wolf“, bei Facebook sammelte sich unter „Wolf – nein danke“ die Gegenseite. Just hat nichts gegen Wölfe. Manchmal sieht er sie im Wald. „Da sind sie scheu und verschwinden sofort. Schöne Tiere, aber es gibt auch welche, die sind anders. Und diese Erfahrung machen wir gerade.“

Der Wolf hält sich nicht dran

Das Kontaktbüro Wolfsregion aus Rietschen sei dagewesen. Zusammenleben mit dem Wolf sei kein Problem, hieß es immer wieder. Wenn man sich an die Spielregeln halte. Die lauten: 90 Zentimeter Höhe bei Elektrozäunen, 1,20 Meter bei Festzäunen. Just hält sich dran: Sein Elektrozaun ist sogar 1,10 Meter, sein Festzaun über 1,40 Meter hoch. Der Wolf hält sich nicht dran. Anfang Oktober kam er erneut. Diesmal waren es 32 Schafe in zwei Nächten, fünf verletzte Tiere nicht mitgerechnet. Für die Zucht sind sie nicht mehr brauchbar.

Bautzens Landrat Michael Harig (selbst Schafzüchter in Schirgiswalde-Kirschau) forderte eine „Entnahme“ des Wolfs. Ein Novum in Sachsen, und das Umweltministerium bemühte sich sofort um Schadensbegrenzung. Noch seien nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, ein über dem Zaun angebrachtes Flatterband werde den Wolf stoppen, hieß es. Und: Die „Entnahme“ eines Wolfes als Ultima Ratio böte mithin keine Garantie, dass nicht neue Wölfe nachfolgten.

Darüber hinaus könnten betroffene Züchter auf bis zu 15 000 Euro Schadenersatz (150 Euro pro Tier) innerhalb von drei aufeinanderfolgenden Jahren hoffen. Werde der Wert überschritten, erhalte der Betroffene nur noch 80 Prozent des Schadens vom Freistaat Sachsen, weitere 20 würden aber von einer „Gesellschaft zum Schutz der Wölfe“ zugeschossen.

Flatterband gegen den Wolf

Landrat Harig bleibt dennoch bei seiner Forderung. Auf Nachfrage hieß es: „Die auch von den Fachleuten als ,Problemrudel’ bezeichnete Gruppe von Wölfen sollte sofort bejagt werden, da eine Differenzierung in auffällige und nicht auffällige Tiere kaum möglich sein wird.“ Bei Just macht sich inzwischen Sarkasmus breit. „Bei mir hängt überall Flatterband. Das interessiert den Wolf gar nicht.“ Herdenschützhunde kommen für ihn nicht infrage, weil diese gar nicht hinter Elektrozaun gehalten werden dürften und er bereits drei Hunde besitzt.

Eine eigene in Auftrag gegebene DNA-Untersuchung brachte zumindest etwas Licht ins Dunkel. Danach steht für Just fest: „Es ist ein einzelner Rüde, der über die Netze springt.“ Das sei auf der Suche nach Lösungen vorteilhaft, findet er, denn man könne ein einzelnes Tier eher aus einer Herde entfernen. Entfernen bedeute nicht töten, sondern in ein Gehege sperren. „Der Wolf kann ja auch nichts dafür.“ Vermutlich gehört er zum Rosenthaler Rudel. Doch das sei nur eine Theorie, weil in Cunnewitz mittlerweile vier Rudel zusammenstießen.

Just ist längst nicht der einzige Züchter, der betroffen ist. Seit Monaten mehren sich die Übergriffe. Früher seien es hier acht Schäfer gewesen, nur vier davon hätten noch ihre Arbeit. Die halten immerhin zusammen. „Wir wollen um unseren Berufsstand kämpfen. Denn einmal weg, ist weg.“ Selbst isst er kein Schaf. Er ist Vegetarier. „Das könnte ich gar nicht. Ich möchte ihnen eine gute Zeit geben, während sie bei mir sind“, sagt Just. Dann sollten sie umweltfreundlich in regionalen Fleischereien geschlachtet und verkauft werden.

„Ziemlich ekelig“

Dass sie vorher vom Wolf gerissen und als Tonnen nutzlosen Fleisches enden würden, damit habe er nicht gerechnet. Und Just rechnet vor: Wenn 50 Muttertiere weg sind, fehlen 75 Lämmer. Es sei „schon ziemlich ekelig“, wenn man jeden Tag auf einen neuen Riss warte.

Auch, dass 15 seiner verletzten Tiere bisher in der öffentlich zugänglichen Statistik des Wolfsbüros fehlen, kann er nicht nachvollziehen. „Das ist alles aus dem Ruder gelaufen“, sagt Just. Sachsens Grünen-Chef Jürgen Kasek hat sich bei ihm angekündigt, um sich selbst ein Bild zu machen. Wozu, fragt Just. Geklärt werden müsse vielmehr, warum die Wölfe nicht weiter gen Westen zögen.

Cunnewitz weiß, was Wölfe bedeuten. Vier Rudel träfen hier zusammen, rechnet Just vor. „Das hat auch Auswirkungen auf das Dorfleben. Früher hieß es: Wenn es dunkel ist, bist du zu Hause. Heute heißt es: Bis es dunkel ist, bist du zu Hause.“ Man achte mehr auf die Kinder. Auch bei anderen Züchtern im Landkreis halte sich der Wolf seit Monaten schadlos. Sachsenweit wird das in diesem Jahr vermutlich in einem neuen Spitzenwert gerissener Tieren münden.

Am vergangenen Sonntag schlug der Wolf bei Just bereits zum vierten Mal zu. Wieder drei tote Schafe. Insgesamt sind es nun 61 – mehr als ein Drittel seiner gesamten Herde. Den Kampf will er trotzdem nicht aufgeben. Kameras sollen installiert, Koppeln per App überwacht werden. Martin Just schwört: „Ich habe die Schäferei im Blut.“

Von Roland Herold

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