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In der Uran-Hölle von Jáchymov

Lebenserinnerungen an Strafgefangenenlager im Erzgebirge In der Uran-Hölle von Jáchymov

Der Uran-Abbau hat im Erzgebirge eine ganz besondere Geschichte. Während vor gut 60 Jahren im sächsischen Teil die Wismut auf zivile Arbeitskräfte setzte, wurden auf der böhmischen Seite politische Strafgefangene gnadenlos verheizt.

Als Radombad wurde das böhmische Jáchymov Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt, hier das Radium-Kurhaus-Hotel auf einer Postkarte aus dem Jahr 1912.

Quelle: Foto: privat

Leipzig. Als Frantisek Sedivý seine Mutter zum letzten Mal in seinem Leben sieht, winkt sie im Vorgarten und weint. Soeben hat ihn die tschechische Geheimpolizei zum Verhör mitgenommen, in der Kleinstadt Beroun am Rande Prags. Der Vorwurf gegen den Ökonomie-Studenten lautet auf Hochverrat. Es ist der 8. Mai 1952, der 25-jährige wird nach Prag in das Hochsicherheitsgefängnis Pankrác gebracht, einen Tag später feiert die junge sozialistische Republik den Tag des Sieges gegen den Hitler-Faschismus. In der Nacht hört er die Freudensalven. „Damit die einen feiern konnten, musste die anderen erniedrigt werden“, schreibt Sedivý. Als Schüler und Jugendlicher hatte er noch gegen die Deutschen Widerstand geleistet und wurde zur Zwangsarbeit verurteilt. Doch auch das neue Regime kennt keine Gnade mit ihm. 14 Jahre heißt das Urteil, das für Sedivý gefällt wird – in einem Scheinprozess zusammen mit anderen Rebellen, die aus Sicht der kommunistischen Machthaber ideologisch quer zum neuen Menschenbild liegen. Zwölf Jahre davon muss er in Straflagern absitzen, den Großteil davon in der gefürchteten Uran-Hölle von Jáchymov, auf der böhmischen Seite des Erzgebirges. Das qualvolle Sterben seiner geliebten Mutter kann er nur hilflos und ohnmächtig vor Trauer und Zorn im Lager aus der Ferne verfolgen, der Tag Sonderurlaub zur Beerdigung wird ihm verweigert. Auch seine Freundin Hanka verzweifelt, hält nicht durch und heiratet während seiner Lagerhaft einen anderen.

Sedivýs Schicksal ist nur eines von vielen, das in den 50-Jahren in die Mühlen der Weltpolitik geriet. Das Leben des Studenten in den Straflagern seiner Heimat gibt auch tiefe Einblicke in die bislang noch immer relativ unbekannte Geschichte des Uranabbaus auf der tschechischen Seite des Erzgebirges. In „Uran für die Sowjetunion“ (Evangelische Verlagsanstalt Leipzig) hat die sächsische Außenstelle für die Stasi-Unterlagen die historischen Fakten mit den persönlichen Erinnerungen Sedivýs zusammengestellt. Ein faktenreiches und aufwühlendes Buch zur jüngeren Zeitgeschichte des sächsischen Nachbarlandes, das lange vergriffen war und nun wegen seines großen Erfolgs in einer weiteren Auflage erschienen ist.

„In den Jahren nach 1945 wurde im Erzgebirge Weltpolitik entschieden“, schreibt Nancy Aris, Sächsische Vize-Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, im Vorwort des Buchs. Hintergrund war der technologische Rückstand der Sowjets bei der Herstellung von Atombomben. Nach den US-Abwürfen in Hiroshima und Nagasaki im August 1945 waren Stalin und seine Befehlshaber in die Position des militärisch Schwächeren geraten, die Entwicklung einer eigenen sowjetischen Atombombe hatte oberste Priorität. Da im eigenen Land keine nennenswerten Uran-Vorkommen vorhanden waren, galten die betriebsbereiten Gruben auf beiden Seiten des Erzgebirges als strategische Volltreffer. In Jáchymov (Joachimsthal) war es 1910 Marie Curie gelungen, aus dem Abraum der Radonfabrik das erste Gramm metallisches Radium zu isolieren.

Den geografischen Vorteil, mit dem böhmischen Jáchymov den weltweit führenden Uranerz-Produzenten im neuen eigenen Machtbereich vorzufinden, nutzte die Sowjetunion nach Kriegsende ohne langes Zögern aus. Nach einem ersten Erkundungsbesuch in der Grube im August 1945 wurden im September 1945 drei Schachtanlagen von der Roten Armee besetzt und zum Sperrgebiet erklärt. Das sollte jahrzehntelang so bleiben„, schreibt der Leiter der Gedenkstätte „Vojna“ (Krieg) Frantisek Bártík in seiner ausführlichen Einführung. Stalin brauchte das Uran, koste es, was es wolle und Menschenleben waren unter seiner Herrschaft ohnehin nicht viel wert. Jáchymov, nur gut zwölf Kilometer von Oberwiesenthal entfernt, wurde damit zu einem der düstersten Kapitel der jüngeren Geschichte des sächsischen Nachbarlandes. Ein Ort als geografisches Synonym für die Skrupellosigkeit und die Menschenverachtung eines politischen Systems.

Dass sich dabei viele Parallelen zwischen dem Lagerleben rund um die Hölle Jáchymov zu den Konzentrationslagern der Nazis und den sowjetischen Gulags ergaben, tauchte die Uran-Gewinnung unter Zwang in ein ganz besonderes Licht. Denn anders als auf der DDR-Seite, wo die SDAG (Sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft) Wismut den notorischen Arbeitskräftemangel in den Uran-Bergwerken mit finanziellen Verlockungen abfederte, ging es auf der böhmischen Seite nur um eines – mit Hilfe von Kriegsgefangenen und Häftlingen den Abbau des begehrten Rohstoffs zu sichern. Da spielte es dann für die Menschen, die als Zwangsarbeiter in den Bergwerken atomar verstrahlt wurden und ihre Gesundheit ruinierten, auch keine Rolle mehr, dass die Tschechoslowakei das Uranerz auf vertraglicher Basis an die Sowjetunion verkaufte, während es bei der SDAG Wismut als Reparationsleistung gefördert wurde. „Die Männer, die in den Lagern einsaßen, hatten keine Wahl, ob sie im Uranbergbau arbeiteten wollten oder nicht“, schreibt Historiker Bártík über die politische Situation in der Tschechoslowakei. „Ihnen wurde der Ort und die entsprechende Beschäftigung zugewiesen.“

So wie Frantisek Sedivy, der sich in seinem Erlebnisbericht Pavel nennt und die zwölfjährige Hölle überlebt hat. Wie das der 89-Jährige geschafft hat, davon erzählt er genauso intensiv wie eindrucksvoll. Für den Leser ist Sedivys Erfahrungsbericht eine authentische Darstellung, die das Grauen dieser bleiernen Zeit erlebbar macht. „Man ist verstört und erschüttert über die Skrupellosigkeit der Machthaber“, schreibt Historikerin Aris im Vorwort. Doch genau aus dieser Verstörung über das persönliche Erleben von Sedivý und der historischen Einbettung der beiden Fachleute erzielt das Buch seine Wirkung.

Von André Böhmer

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