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Interview: Opferanwältin Tust über nötige Hilfe

„Nicht zurückziehen“ Interview: Opferanwältin Tust über nötige Hilfe

Die Freunde und Bekannten der Eltern der ermordeten Anneli-Marie (17) sollten der Familie jetzt jede Hilfe anbieten und sich nicht zurückziehen, rät Deutschlands bekannteste Opferanwältin Ina Alexandra Tust. Im LVZ-Interview spricht sie über die Last, die Eltern ermordeter Kinder tragen, und die nötige Hilfe.

Die Anwältin Ina Alexandra Tust.

Quelle: privat

Leipzig. Die Freunde und Bekannten der Eltern der ermordeten Anneli-Marie (17) sollten der Familie jetzt jede Hilfe anbieten und sich nicht zurückziehen, rät Deutschlands bekannteste Opferanwältin Ina Alexandra Tust. Die Leipzigerin stand in einer Reihe von Prozessen den Eltern ermordeter Kinder – Mitja, Michelle, Corinna und Jasmin – als erfahrene Rechtsanwältin bei.

Frage: Wie kann man Eltern helfen, mit so einem Verlust, mit so viel Schmerz, Wut und Verzweiflung fertig zu werden und nicht zu zerbrechen?

Auf so einen Schicksalsschlag ist niemand vorbereitet. Die Eltern von Anneli-Marie brauchen jetzt dringend Hilfe, von der Familie und dem persönlichen Umfeld. Ich habe in anderen Fällen erlebt, dass sich in so einer schlimmen Situation der Freundeskreis zurückzieht, weil viele nicht wissen, wie sie mit den Eltern und Geschwistern umgehen sollen. Das ist genau das falsche Zeichen.

Vielleicht wollen die Freunde einfach nicht aufdringlich sein?

Wenn die Betroffenen ihre Ruhe haben wollen, sagen sie das schon. Aber wenn alle so denken, ich lasse die erst mal in Ruhe, stehen die Opfer dann alleine da. Natürlich ist es nicht einfach, sich ein Herz zu fassen und zu sagen: „Ich bin für euch da, jederzeit, ruft an, wenn ihr etwas braucht.“ Aber für die Eltern ist es doch alles ungleich schwerer. Und ich finde, die Freunde sollten das einfach tun. Denn die Eltern brauchen Hilfe auf vielen Gebieten, um die Trauer zu bewältigen und wieder in den Alltag zu finden. Ganz viele Dinge müssen geregelt werden; Verträge, Abmeldungen, die Beerdigung organisieren, da ist Unterstützung nötig. Da die Eltern von Anneli zwei weitere Kinder haben, werden diese sie zwingen, das Alltägliche nicht auszublenden. Das ist dann aber mehr ein Funktionieren.

Brauchen die Eltern da nicht auch professionelle Hilfe?

Natürlich. In dieser Phase realisieren die Eltern oft noch gar nicht, dass ihr Kind wirklich tot ist. Der Weisse Ring ist da spezialisiert und kann sehr gut helfen. Mitjas Eltern wiederum hatten viel kirchlichen Beistand, der ihnen gut tat. Ich weiß aber auch, dass die Eltern von Jasmin teilweise enttäuscht waren. Die Familie stand ihnen komplett zur Seite, auch während des Prozesses. Aber aus dem Freundeskreis haben sich einige zurückgezogen.

Ist es aus hilfreich, wenn die Eltern am Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder ihrer Kinder teilnehmen oder nicht?

Das ist ganz unterschiedlich. Die Beerdigung und der Prozess, das sind noch mal ganz schlimme Zeiten für die Eltern. Beim Prozess um den Mord an Michelle war ein Riesen-Medienrummel, da haben die Eltern auf eine Teilnahme verzichtet. Als ihre Anwältin habe ich sie vertreten. Ich glaube, sie wollten dem Mörder ihrer Tochter auch nicht in die Augen sehen. Die Eltern von Jasmin haben teilgenommen. Ich hatte das Gefühl, sie brauchten das auch, um den schrecklichen Verlust zu verarbeiten und zu sagen: „Das sind wir Jasmin schuldig. Das ist vielleicht das Letzte, was wir für sie tun können.“ Da gibt es kein richtig oder falsch. Man kann da keine Empfehlung geben, nur eine Entscheidungshilfe, indem man den Eltern genau sagt, was auf sie zukommt im Verfahren. Man muss auch psychisch in der Lage sein, so einen Prozess durchzustehen.

Zur Person

Ina Alexandra Tust (46) ist eine der renommiertesten Opferanwältinnen Deutschlands. Sie vertrat in mehreren spektakulären Fällen von Kindesmissbrauch und Mord die Nebenklage der Eltern, so im Fall des neunjährigen Mitja (2007, Leipzig), der achtjährigen Michelle (2008, Leipzig), der neunjährigen Corinna (2009, Eilenburg) und der 19-jährigen Jasmin (2014, Frohburg). Die Rechtsanwältin aus Nordrhein-Westfalen lebt und arbeitet seit 1998 in Leipzig, ist verheiratet und hat einen Sohn.

Eigentlich brauchten die leidgeplagten Eltern doch auch einen Pressesprecher, der ihnen hilft, mit den Medien umzugehen?

Ja, das habe ich immer mit übernommen. Die Öffentlichkeit hat ja ein Interesse. Und wenn man sagt: „Ich rede mit niemandem mehr“, da holen sich die Medien die Informationen von den Nachbarn oder sonst woher. Es ist besser, in Absprache mit den Eltern, Informationen an die Presse zu geben. So bestimmen die Eltern mit, was an Informationen nach draußen geht. Die Familie braucht Schutz, aber die Medien brauchen auch Informationen. Das ist immer ein Gratwanderung.

Hilft es beim Verarbeiten des Unbegreifbaren, dass die mutmaßlichen Mörder so schnell gefasst wurden?

Ja. So ungefähr wissen die Eltern, was passiert ist. Die Ungewissheit zieht sich nicht noch länger hin. Nach dem Mord an der achtjährigen Michelle im August 2008 zog sich die Fahndung ja über 200 Tage hin. Da war es hilfreich, dass der damalige Leiter der Soko, Uwe Matthias, den Vater von Michelle und mich eingeladen hatte. Da konnte der Vater dann sehen, wie viele Beamte im Einsatz sind und wo sie überall fahnden. Das hat ihm geholfen. Sonst bekam er ja nicht mit, was die Polizei da monatelang gemacht hat.

Aber dennoch tragen die Eltern an dem Verlust, ein Kind verloren zu haben, doch ein ganzes Leben?

Ja, daher ist es wichtig, dass Vater und Mutter auch miteinander darüber reden. Meine Erfahrung ist, dass die Frauen darüber sprechen möchten, die Männer aber lieber schweigend leiden. Es passiert leider, dass sich die Eltern auf diesem Weg verlieren. So sind die Eltern von Mitja inzwischen getrennt. Auch Corinnas Mutter und ihr Stiefvater sind auseinander gegangen. Das war alles zu viel für sie. Bei anderen Eltern war es so, dass sie viel mit einander geredet und so ihren Schmerz verarbeitet haben.

Haben Sie noch über den Prozess hinaus Kontakt zu den Opfern?

Ja, man klappt nicht die Akte zu und sagt: Das war‘s. Ich bin eine Vertrauensperson für die Eltern.

Haben Sie Verständnis für Rachegefühle der Eltern gegenüber den Mördern ihrer Kinder?

Ich habe nur ein Kind, meinen achtjährigen Sohn. Wenn er mir so verloren gehen würde, weiß ich nicht, ob ich da so weitermachen könnte. An so etwas mag ich nicht denken.

Sind Sie schon angefragt worden als Rechtsbeistand im Fall Anneli-Marie?

Nein, bin ich nicht.             

Brauchen die Opfer von solchen Verbrechen mehr Rechte?

Eigentlich sind wir da schon auf einem guten Stand, was die gesetzliche Regelung betrifft. Ich würde mir aber wünschen, dass es eine Pflicht zur Anwesenheit für die Nebenklage gibt. So war ich beispielsweise im Urlaub, als der Prozess um die Ermordung Michelles begann, das geht gar nicht. Die Eltern nehmen am Prozess nicht teil, da muss es doch selbstverständlich sein, dass der Anwalt anwesend ist. Ich habe aber kein Recht auf eine Terminverlegung als Vertreterin der Nebenklage.            

Wie schaffen Sie das eigentlich, dass Sie selbst nicht kaputt gehen an diesen tragischen Fällen?

Ich weiß es nicht. Ich vergleiche das mit der Arbeit eines Arztes auf der Intensivstation, die leider Patienten verliert und trotzdem weitermacht. Und ich erlebe so viel Dankbarkeit der Mandanten, dass ich weiß, es ist eine sinnvolle Aufgabe.

Interview: Anita Kecke

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