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Joe Bausch im Interview: "Jetzt prügeln alle auf Sachsen ein - das ist doch pharisäerhaft"

Tatort-Gerichtsmediziner Joe Bausch im Interview: "Jetzt prügeln alle auf Sachsen ein - das ist doch pharisäerhaft"

Tatort-Gerichtsmediziner und Gefängnisarzt Joe Bausch spricht im Interview mit der Leipziger Volkszeitung über den Fall al-Bakr, Haftbedingungen und Schuldzuweisungen.

Joe Bausch spricht über die jüngsten Vorfälle in Sachsen Justizapparat.

Quelle: Andreas Dunte

Leipzig. Es sei nicht richtig, im Fall al-Bakr mit den Finger auf Sachsen zu zeigen. Vor Fehleinschätzungen sei niemand gefeit, sagt Joe Bausch - Krimifans als Gerichtsmediziner Dr. Roth aus dem Kölner Tatort bekannt. Im echten Leben ist er seit 30 Jahren Gefängnisarzt in der JVA Werl (Nordrhein-Westfalen), mit rund 900 Haftplätzen eine der größten Justizvollzugsanstalten Deutschlands.

LVZ : Nach dem Selbstmord des terrorverdächtigen Syrers Dschaber al-Bakr steht die JVA Leipzig schwer in der Kritik. Hätte der Selbstmord verhindert werden können?
Joe Bausch : Es ist schwierig, Suizide in Gefängnissen zu verhindern. Bundesweit bringen sich jährlich bis zu hundert Menschen im Knast um. Die Praxis in Werl ist so, dass wir fast jeden neuen Häftling, also jemanden, den wir noch nicht genauer kennen, grundsätzlich als selbstmordgefährdet ansehen und leiten dann – abgestuft – Maßnahmen ein.

Das heißt konkret?
Das reicht von der Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften bis zur Einzelhaft, aber auch da abgestuft nach dem Grad der Selbstgefährdung. In Einzelhaft wird der Inhaftierte im Rhythmus von einer Viertelstunde beobachtet. Wobei eine Viertelstunde das Äußerte ist, einen Rhythmus von einer halben Stunde, wie in Leipzig praktiziert, halten wir für nicht vertretbar.

Und innerhalb von 15 Minuten kann sich ein Gefangener nicht umbringen?
In dieser Zeit wird es schon schwierig. Unmöglich ist es aber nicht. Denn immer wieder kann ein Gefängnisbeamter abgelenkt werden, etwa wenn jemand in einer anderen Zelle randaliert. Wo wir Hinweise haben, dass die Selbstmordgefahr sehr groß ist, ordnen wir die Unterbringung in einem besonders gesicherten Haftraum mit festeingebautem Mobilar an. Schlägt jemand dort ununterbrochen seinen Kopf gegen die Wand, muss er sogar fixiert und ständig und unmittelbar beobachtet werden.

Wer entscheidet darüber, wer wie untergebracht wird?
Das entscheiden immer mehrere. Bei uns sind das Fachkräfte des ärztlichen und des psychologischen Dienstes. Liegen unsere Meinungen auseinander, holen wir die Meinung eines Dritten ein, eines Juristen, etwa den Anstaltsleiter, oder eines externen Psychiaters. Die JVA Werl verfügt heute über eine ganze Reihe von kameraüberwachten Zellen. Aller 15 Minuten wird die Kamera eingeschaltet. Darüber wurde lange diskutiert, ob das menschenwürdig ist.

Wie ist Ihre Meinung dazu?
Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte und ist grau. Einerseits bemühen wir uns, Insassen menschenwürdig unterzubringen, wollen sie durch angemessene Sicherungsmaßnahmen nicht in eine Situation bringen, die sie noch depressiver macht. Andererseits müssen wir sie aber auch vor sich selbst schützen.

Haben Sie Verständis für die Psychologin, die eine halbstündige Kontrolle für ausreichend angesehen hat?
Das ist schwierig zu beantworten. Vor Fehleinschätzungen ist niemand gefeit. Wie gesagt, bei uns hätte es eine solche Einzelentscheidung nicht gegeben. Andererseits muss man sehen: Sachsens Gefängnisse legen die Latte der menschwürdigen Behandlung von Gefangenen sehr hoch. Das mag geschichtliche Gründe haben. Fakt ist: Die menschenwürdige und sichere Unterbringung von Inhaftierten ist letztlich ein Spagat, vergleichbar mit dem Tanz auf der Rasierklinge. Erinnern wir uns nur an den Fall des ehemaligen Arcandor-Managers Thomas Middelhoff, der, weil als selbstmordgefährdet eingeschätzt, aller 15 Minuten überwacht worden ist. Als das bekannt wurde, brach ein Aufschrei der Entrüstung los. Von Folter war die Rede. Nicht wenige, die damals von Folterknechten gesprochen haben, prügeln jetzt auf die JVA in Leipzig ein, warum man den Syrer nicht in Ketten gelegt hat. Da ist aus meiner Sicht pharisäerhaft und beckmesserisch.

Sind die herausgerissene Deckenlampe und die beschädigte Steckdose Hinweise auf einen Selbstmordversuch?
Man kann das so werten. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber dass jemand im Knast randaliert, ist nicht gerade eine Seltenheit. Viele loten so ihre Grenzen aus, manche versuchen so andere Haftbedingungen zu erzwingen. Wir erleben fast täglich, dass sich Inhaftierte selbst etwas antun. Manches ist so schrecklich, das kann ich hier nicht wiedergeben. Bei vielen Inhaftierten fehlt uns einfach auch die Erfahrung. Ich denke an Menschen, die in Nordafrika, im Nahen Osten oder in Tschetschenien den Krieg erlebt haben, beim Militär ausgebildet wurden oder dort im Knast saßen. Die lachen sich oft kaputt über unsere Haftbedingungen. Das frustriert ungemein. Aber das müssen wir aushalten.

Sollte es ein zentrales Gefängnis für Terrorverdächtige geben, wie derzeit diskutiert?
Nein, die Diskussion geht mir wirklich, sorry, auf den Zeiger. Terroristen sind Verbrecher. Das wissen wir nicht erst seit RAF-Zeiten. Wir müssen aus dem Fall in Leipzig lernen. Ich begrüße deshalb die Diskussion um den Selbstmord ungemein. Sie sollte nur nicht so geführt werden, dass jetzt alle auf die Sachsen zeigen: Die sind die Blöden und alle anderen wissen und können es besser. Nein, es geht um einen Austausch an Erfahrungen. Der sollte nicht nur in eine Richtung gehen. Wer schärfere Bedinungen für Gefangene fordert, muss auch sagen wie. Da spiele ich auf die personelle Situation in den Einrichtungen an. Und auf keinen Fall dürfen wir jetzt über Bord werfen, was wir schwer erstritten haben: menschenwürdige Haftbedingungen.
 
Sie sprechen auf dem Landespräventionstag in Leipzig – worüber genau?
Sehen Sie, auch das gibt es in Sachsen: Man kümmert sich hier gut und sehr intensiv um Prävention. Und nicht erst seit heute. Ich spreche vom Leben hinter Gittern. Der richtige Weg der Prävention ist es, dissoziales und kriminelles Verhalten so früh und nachdrücklich wie möglich zu korrigieren. Je früher wir ansetzen, umso nachhaltiger ist die Wirkung, umso weniger Opfer werden zu beklagen sein. Und jeder Euro, der in die Prävention investiert wird, rechnet sich später nachgewiesenermaßen im Verhältnis eins zu acht.

Wann sehen wir Sie wieder als Dr. Roth im Tatort aus Köln?
Die jüngste Folge ist gerade abgedreht.

Es macht den Eindruck, dass die Tatortkommissare Freddy Schenk und Max Ballauf, also Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt, mehr für Sie sind als nur Schauspielkollegen.
In der Tat. Wir haben einen guten Draht zueinander. Auch weil wir ähnlich ticken und uns für andere engagieren.

Sie setzen sich unter anderem für philippinische Straßenkinder ein, der 1997 gegründete Verein „Tatort – Straßen der Welt“ hat zahlreiche Hilfsprojekte ins Leben gerufen.
In Manila bei Dreharbeiten hat alles begonnen. Was wir dort gemeinsam in den Slums erlebt haben, das prägt und schmiedet irgendwie auch zusammen.

Interview: Andreas Dunte

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