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KV-Sachsen-Chef Klaus Heckemann: „Versicherte können ihre Zuzahlung aktiv beeinflussen“

Ärztefunktionär zum Thema Gesundheitskosten KV-Sachsen-Chef Klaus Heckemann: „Versicherte können ihre Zuzahlung aktiv beeinflussen“

Die Kosten im Gesundheitswesen steigen ungebremst. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung, schlägt deshalb vor, die Versicherten stärker in die Verantwortung zu nehmen.

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen plädiert für ein neues Eigenbeteiligungsmodell.

Quelle: KVS

Leipzig.  

Sie sind vor wenigen Tagen als Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen wiedergewählt worden. Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe in den kommenden sechs Jahren?

 Sachsen hat die älteste Bevölkerung in Deutschland. Dass Alter und Krankheit korrelieren, ist eine Binsenweisheit. Deshalb müsste die KV Sachsen den höchsten Betrag pro Versicherten von den Krankenkassen erstattet bekommen. Doch sie bekommt nur einen Betrag, der geringfügig über dem Bundesdurchschnitt liegt. Das ist für einen, der die höchste Morbiditätslast in Deutschland trägt, einfach ungerecht. Ein Arzt in Sachsen verdient zwar nicht weniger als einer in Bayern. Er muss aber mehr dafür arbeiten. Das zu verändern, ist mein Hauptziel, denn wir haben mit der erhöhten Arbeitsbelastung unserer Ärzte schon ein Problem, weil die nachwachsende Generation das immense Arbeitspensum zu Recht nicht mehr leisten will und dann lieber Wege außerhalb der kurativen Medizin sucht.  Des Weiteren geht es um eine grundlegende Reform des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes.

 Die Kosten im Gesundheitswesen steigen. Wie kann man da gegensteuern?

 Man kann den ungebremsten Anstieg der Kosten und damit der Krankenkassenbeiträge einfach hinnehmen, aber man kann auch versuchen, durch eine sinnvolle und angemessene Eigenbeteiligung der Patienten für die Bezahlbarkeit auch in Zukunft zu sorgen. Ich habe ein Modell entwickelt, das perspektivisch nicht nur Kosten spart, sondern es dem Versicherten auch ermöglicht, durch entsprechend kosten- und gesundheitsbewusstes Handeln aktiv Einfluss auf seine Zuzahlung zu nehmen. Und er kann die entstehenden Kosten hundertprozentig durchschauen.

 Wie soll das funktionieren?

 Es gibt vor allem eine nach dem Einkommen mit einer Progression wie bei der Einkommenssteuer ausgestaltete maximale Belastungsgrenze, bis zu der er zahlen muss. Zum Beispiel: Bei einem Jahreseinkommen von 10 000 Euro beträgt die Belastungsgrenze 1 Prozent, also 100 Euro pro Jahr, bei einem Einkommen von 50 000 Euro sind es 3 Prozent, also 1500 Euro pro Jahr. Nur zum Vergleich: In den USA gibt es bei der leider teilweise schlecht gemachten Obamacare-Reform Eigenbeteiligungen bis 2000 Dollar, bevor die Versicherung überhaupt den ersten Dollar bezahlt, wobei auch keinerlei Einkommensbezug besteht, also auch Menschen mit niedrigsten Einkommen einen Selbstbehalt in dieser Höhe tragen müssen. Das kann man besser und vor allem gerechter machen.

 Das bedeutet in der Praxis?

 Der Versicherte zahlt zusätzlich zu seinem Monatsbeitrag an die Krankenkasse die maximale Eigenbeteiligung, also im Falle des Jahreseinkommens von 10 000 Euro wären das monatlich 8,33 Euro. Wenn er zum Arzt oder in die Apotheke oder zum Physiotherapeuten geht, bekommt er dort neben der Behandlung oder dem Medikament – falls er es wünscht – eine Quittung der tatsächlich angefallenen Kosten. Darauf ist auch die Eigenbeteiligung ausgewiesen, die etwa bei 10 Prozent liegt. Die Krankenkasse berechnet dann noch eine Eigenbeteiligungsquote (Jahreseinkommen geteilt durch 10 000), damit auch schon bei der einzelnen Leistung die finanzielle Leistungsfähigkeit des Versicherten angemessen berücksichtigt wird. Am Ende des Jahres rechnet die Krankenkasse dann ab und jeder Versicherte bekommt eine komplette Aufstellung über alle von ihm verursachten Kosten. Wurde die voraus bezahlte Eigenbeteiligung nicht aufgebraucht, liegt dem Brief ein Verrechnungsscheck über den Restbetrag bei.

 Gilt die Eigenbeteiligung nur für den Hausarzt?

 Nein, für das gesamte Spektrum. Beispiel: Hausarzt 10 Prozent, Facharzt 10 Prozent, Arzneimittel 10 Prozent, Krankenhaus 5 Prozent, Anschlussheilbehandlung 5 Prozent, Reha-Kur 20 Prozent Eigenbeteiligung. Die Krankenkasse kann das aber nach oben oder unten in bestimmten gesetzlich vorgegebenen Grenzen variieren und damit verschiedene Tarife beziehungsweise Versorgungsmodelle anbieten. Die Krankenkassen würden damit auch wieder ein wirkliches Versicherungsrisiko auferlegt bekommen, denn sie müssten so kalkulieren, dass die angebotenen Tarife sich rechnen. Außerdem müssten natürlich Sicherungsmechanismen eingezogen werden, damit junge und gesunde Versicherte nicht den Tarif mit der geringsten Eigenbeteiligung wählen und sobald sie wirklich krank werden dann problemlos in einen anderen Tarif wechseln können.

 Werden Hartz-IV-Empfänger befreit von den Krankenkassenbeiträgen?

 Nein, dann müssen eben vier Euro mehr Hartz IV her. Auch der Hartz-IV-Empfänger hat dann Transparenz und ein Interesse daran, zu sparen. Ich würde keinen rauslassen. Der Gegenwert von etwa 15 (versteuerten) Zigaretten ist für die gesundheitliche Versorgung eines Monates meines Erachtens auch hier nicht unangemessen sondern zumutbar.

 Wie groß wäre der Aufwand?

 Mit einem halben Jahr Vorlauf könnte man das in Deutschland einführen. Jetzt, wo wir in einer Zeit der Hochkonjunktur leben, wäre ein guter Zeitpunkt, ein solches Modell einzuführen und nicht erst dann, wenn das Geld knapp wird. Natürlich ist das unpopulär, aber Populismus ist es meiner Meinung nach, wenn man verspricht, dass alles so bleiben kann wie bisher und dann auch in 20 Jahren noch bezahlbar wäre. Die Gegenargumente sind allerdings vorhersehbar: „Es soll also den armen Kranken das Geld aus der Tasche gezogen werden“, „Die etwas besser Verdienenden zahlen doch heute schon einen viel höheren Beitrag, bekommen aber nur die gleichen Leistungen“. Damit wird aber völlig verkannt, dass die ohne ein höheres Kostenbewusstsein ungebremst steigenden Kosten alle zu tragen haben, vor allem aber die Jungen und Gesunden.

 Was ist mit dem Modell Kostenerstattung?

 „Jeder, der versichert ist, bekommt eine Kostenrechnung nach der privaten Gebührenordnung vom Arzt und muss sich dann darum kümmern, dass es die Kasse erstattet – gegen dieses Modell bin ich. Das wird – sehr zu Recht – auch keine Regierung in Deutschland so einführen, denn es wäre die totale Verabschiedung vom Solidargedanken. Auch wenn es eine populistische Floskel ist, der Satz „Weil du arm bist, musst du früher sterben“ hätte dann eine gewisse Berechtigung.

 War es falsch, die Praxisgebühr abzuschaffen?

 Ich hätte zuvor auf einem anderen Gebiet gehandelt. In Apotheken haben wir gegenwärtig eine Zuzahlung von 10 Prozent. Maximal 10 Euro, minimal fünf. Nach oben macht die Deckelung Sinn, nach unten hat der Patient kein Interesse mehr an einem Medikament, das billiger ist als 50 Euro. Denn die 5 Euro zahlt er auf jeden Fall zu. 86 Prozent der in Sachsen 2015 verkauften Arzneimittel lagen aber unter diesen 50 Euro. Bei einem 20 Euro teuren Medikament ist der Patient also letztendlich mit 25 Prozent dabei. Das ist nicht fair. Deshalb wäre es besser gewesen, diese Fünf-Euro-Grenze abzuschaffen, um Patienten zu motivieren, günstigere Medikamente zu akzeptieren. Schließlich ist es ja paradox, dass es mittlerweile die Privatversicherten sind, die beim Arzt nachfragen, ob es nicht auch ein preiswerteres Medikament gibt.

 Und die Praxisgebühr?

 Ihre Abschaffung war richtig, weil sie viel zu undifferenziert war, aber beim Notfalldienst hätte sie bleiben müssen. Sie würde dafür sorgen, dass die Notaufnahmen in den Krankenhäusern nicht mehr überrannt werden. Die Gefährdung der schnellen Versorgung wirklicher Notfallpatienten durch die massenweise Behandlung von Bagatellfällen in den Rettungsstellen muss hier einmal angesprochen werden. Ich empfehle hier das Youtube-Video „Keep emergency for emergencies“ der Regierung des australischen Bundesstaates Queensland. Deshalb glaube ich: die Notfallgebühr wird wieder kommen. Völlig absurd sind aber Vorschläge, die Notfallgebühr zunächst einzuziehen und bei tatsächlichen Notfällen dann zurückzuerstatten.

 Warum?

 Weil die Medizin nicht schwarz-weiß kennt. Dann war es bei 40 Grad Fieber ein Notfall und bei 39,9 Grad nicht? Das geht nicht. Dem tatsächlichen Notfall ist es die Gebühr wert und der vermeintliche Notfallpatient soll entscheiden, ob sie angemessen ist.

 Die Kliniken und die Politik wollen, dass Portalpraxen eingerichtet werden, die tatsächliche Notfallpatienten herausfiltern sollen.

 Mag sein, dass das eine vernünftige Idee ist, aber ehe man die Portalpraxen einrichtet, sollte man wieder die Notfallgebühr erheben. Dann wird man sehen, was überhaupt noch anfällt. Jetzt gehen noch viele Patienten in die Notaufnahmen, die meinen, sie bekommen woanders keinen Termin. Seit der Einführung der Terminvergabestelle in Sachsen vor zwei Jahren ist aber klar, dass das nicht stimmt. Dann kommen Patienten, die wissen, dass im Krankenhaus faktisch alles mit ihnen gemacht wird, was auf Grund des Wirtschaftlichkeitsgebotes des § 12 Sozialgesetzbuch V („ausreichend, zweckmäßig, wirtschaftlich und das Maß des Notwendigen nicht überschreitend“) ambulante Ärzte gar nicht dürften. Und schließlich sind da noch die, die sagen: Ich habe in der Woche einfach keine Zeit.

Klaus Heckemann (60), Allgemeinmediziner mit Praxis in Dresden-Kleinzschachwitz, ist seit 12 Jahren Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlicghen Vereinigung (KV) Sachsen und wurde vor wenigen Tagen wiedergewählt. Zuvor war er sieben Jahre stellvertretender Vorsitzender. Heckemann ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Von Roland Herold

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