Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Kampf gegen Ärztekauderwelsch - "Was hab' ich?" übersetzt Befunde

Projekt aus Dresden Kampf gegen Ärztekauderwelsch - "Was hab' ich?" übersetzt Befunde

Wer beim Arzt kein Wort der Diagnose versteht, kann seinen Befund kostenlos bei einer der Online-Plattform übersetzen lassen. Im Januar begeht die Dresdner Studenteninitiative ihren fünften Geburtstag – und ist gefragter denn je.

Die Ärztin Anja Bittner stellt das deutschlandweit einzigartige Wahlfach für Medizinstudenten "Was hab ich?" vor.

Quelle: dpa

Dresden. Begriffe, die für jeden Mediziner selbstverständlich sind, können bei einem Patienten leicht Panik auslösen. So handelt es sich bei einer arteriellen Hypertonie zum Beispiel nicht um eine seltene Krankheit, sondern um erhöhten Blutdruck. "Bei medizinischen Befunden passiert es schnell mal, dass Patienten vom ganzen Text nur die Füllwörter verstehen", sagt Elisabeth Vinis. Die Dresdner Medizinstudentin ist eine von bundesweit 167 ehrenamtlichen Übersetzern der Dresdner Online-Plattform "Was hab’ ich?".

Senden die Patienten ihre Befunde anonymisiert dort ein, erfahren sie meist innerhalb einer Woche, worum es sich bei medizinischen Wortungetümen tatsächlich handelt.

Seine Dienste bietet "Was hab’ ich?" kostenlos an. Das Portal ist nach eigenen Angaben einzigartig in Deutschland. Finanziert wird es über Spenden und Kooperationen, bezahlt werden drei feste Mitarbeiter sowie die drei Gründer. Vor fünf Jahren haben Informatiker Ansgar Jonietz und die Dresdner Medizinstudenten Anja und Johannes Bittner das Portal gegründet. Aus den Studenten sind mittlerweile Ärzte und aus der Idee ein Sozialunternehmen mit mehr als 40 000 monatlichen Online-Besuchern geworden.

Visionen für die Plattform haben die Gründer anlässlich des im Januar anstehenden fünften Geburtstags viele. "Doch am besten wäre es natürlich, wenn es uns gar nicht mehr geben müsste", sagt Jonietz. Noch haben die Dolmetscher alle Hände voll zu tun. 860 000 Mal wurde die Plattform seit 2011 von Patienten aufgerufen.

Den Großteil der ehrenamtlichen Übersetzer machen angehende Ärzte aus. Die Medizinstudenten von bundesweit 41 Fakultäten lernen mit jedem übersetzten Befund dazu. "Das ist die nachhaltige Komponente", so Jonietz.

Die Sächsische Landesärztekammer lobt "Was hab’ ich?". "Das Projekt bietet positive Effekte für beide Seiten", erläuterte ein Sprecher. Es stelle nicht nur eine gute Ergänzung zur ärztlichen Aufklärung dar, sondern schule Medizinstudenten nebenbei auch noch in der Kommunikation mit Patienten.

Unterstützt werden die Studenten, die mindestens im achten Fachsemester sein müssen, von zahlreichen Fachärzten. Allein übersetzen dürfen sie erst mit dem Segen ihres Betreuers und frühestens ab dem fünften übersetzten Befund.
 
Die Dresdnerin Elisabeth Vinis hat diesen Status erreicht. Seit etwa sechs Monaten ist sie dabei. Zu dem Portal ist sie über einen Kurs der Technischen Universität Dresden gekommen, den die Plattform dort seit 2014 anbietet. Danach ist Vinis geblieben. "Der Wunsch, Menschen zu helfen, ist bei uns Medizinstudenten tatsächlich noch vorhanden."

Letzter Befund: Brustkrebs
 
Besonders praktisch findet sie, dass das Ehrenamt so flexibel ist. So setzt sich die Studentin öfters mal nachts an den Computer und übersetzt einen Befund. Aus drei Seiten würden durch die Übersetzung schnell zehn Seiten. "Das kann dann schon vier bis sechs Stunden dauern", sagt Vinis. Allerdings nimmt sich die Studentin manchmal auch extra viel Zeit. "Mein letzter Befund war von einer jungen Frau mit Brustkrebsdiagnose. Da achte ich natürlich besonders darauf, wie ich etwas ausdrücke." Über die Plattform können die Patienten ihren Übersetzern ein Feedback geben. "Im Fall der jungen Frau habe ich das gar nicht erwartet", sagt Vinis. Umso gerührter war sie von dem Dank, der zurückkam - samt Kampfansage gegen den Krebs.
 
Die Feedback-Funktion bringt allerdings auch Probleme mit sich. "Die Patienten fassen Vertrauen und wollen dann, dass man ihnen Entscheidungen abnimmt", sagt Jonietz. Doch Interpretationen der Befunde könne und wolle das Portal nicht leisten.
 
150 anonymisierte Befunde übersetzen die Ehrenamtlichen in der Woche. Über 25 500 sind es mittlerweile insgesamt. Das sei ein großer Erfolg, aber dennoch eher ein Tropfen auf den heißen Stein, so Jonietz. Daher arbeitet das Team zusätzlich an einem neuen Modell.

"Was hab’ ich?" will im Rahmen des Pilotprojekts "Patientenbrief" alle Entlassungsbriefe von Kliniken über individualisierte Textbausteine schnell und teilweise automatisiert in einfache Sprache übersetzen. Nach der Geburtstagsfeier im Januar werden dafür zwei weitere Ärzte fest angestellt. Vielleicht tritt dann irgendwann Jonietz’ Vision von einer perfektionierten Kommunikation zwischen Arzt und Patient ein. Er würde sich freuen, wenn die Plattform irgendwann einmal überflüssig wird - für einen guten Zweck.
Clara Neubert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • 24 Stunden in der Region

    Firmen und Unternehmen in der Region Leipzig stellen sich vor. mehr

  • TAW - Technische Akademie Wuppertal
    TAW  - Technische Akademie Wuppertal

    Ein Werbespecial der LVZ für die Technische Akademie Wuppertal mit Infos zum breitgefächerten Angebot. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr