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Kleinwüchsige in Mitteldeutschland: „Ich kann entscheiden, ob ich frage“

Vizechefin des Landesverbandes im Interview Kleinwüchsige in Mitteldeutschland: „Ich kann entscheiden, ob ich frage“

In Erfurt wird der Fall einer Frau verhandelt, die mit 1,61 Metern für die Lufthansa zu klein ist, um als Pilotin zu arbeiten. Die Leipzigerin Christiane Döring (35) ist Vizechefin des Landesverbandes der kleinwüchsigen Menschen und ihrer Familien in Mitteldeutschland. Sich selbst sieht die 1,31 Meter große Sozialarbeiterin nicht als behindert an.

“Wichtig ist, dass man sich selbst so annehmen kann wie man ist.“
 

Quelle: André Kempner

Leipzig .  Vor dem Bundesarbeitsgericht in Erfurt wird der Fall einer Frau verhandelt, die bei der Lufthansa Pilotin werden wollte, aber mit 1,615 Metern genau 3,5 Zentimeter zu klein ist.

Werden Kleinwüchsige in der Gesellschaft benachteiligt?

Erst mal: Die Frau ist ja gar nicht kleinwüchsig. Als kleinwüchsig gilt man, wenn man kleiner als 1,50 Meter ist. Und dann kommt es natürlich darauf an, ob es eine bloße Vorschrift ist oder ob es technische Gründe sind, wegen derer man ihr die Ausübung ihres Berufes versagt. Vielleicht sind diese reichlich drei Zentimeter lebensnotwendig. Dann wäre es nachvollziehbar.

Sie selbst fahren aber auch jeden Tag mit dem Auto von Leipzig zur Arbeit und zurück?

Ja, ich habe ein Automatik-Auto und eine Verlängerung am Pedal. Das geht gut.

Wie lebt es sich in einer Gesellschaft mit Menschen, die im Durchschnitt größer sind?

Mir fällt es kaum noch auf. Ich habe meine Hilfsmittel und Strategien. Und wenn ich in der Kaufhalle etwas aus dem oberen Regal möchte, kann ich immer noch entscheiden, ob ich jemanden frage oder ob ich drauf verzichte, weil ich keinen Bock darauf habe.

Fühlen Sie sich genügend akzeptiert?

Das was ich mir vorgenommen habe, das habe ich auch immer durchgezogen. Ich habe mir meine Wege immer selbst gesucht und gesagt: Ich habe die fachliche Kompetenz. Wichtig ist, dass man sich selbst so annehmen kann wie man ist. Dass man sich von innen stark macht. Die Gesellschaft muss wissen: Es gibt eben noch ein paar andere.

Weiß die Gesellschaft das auch?

Sie arbeitet dran. Ich fühle mich integriert. Mein Anspruch ist aber auch: Die Gesellschaft soll sich nicht mir anpassen, sondern ich versuche, mit meinen Wegen und Möglichkeiten mich in die Gesellschaft integrieren.

Wie lange arbeiten Sie schon im Verband?

Meine Eltern sind mit der Wendezeit eingetreten. Ich selbst war damals noch ein Kind. Meine Eltern und mein Bruder sind übrigens „normal“ groß. Mein Sohn auch. Ich bin also in dem Verband aufgewachsen und habe später Funktionen als Kinderbetreuerin übernommen und wurde schließlich stellvertretende Vorsitzende.

Wofür kämpft Ihr Verband?

Um Akzeptanz. Es gibt über 600 verschiedene Kleinwuchsformen. Mehr als 100 000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen.

Müsste mehr getan werden, um Kleinwüchsigen das Leben zu erleichtern?

Natürlich gibt es Möglichkeiten, damit die, die etwas anders geraten sind, einfacher durchs Leben gehen können. Ich für mich selbst sage nein.

Sie arbeiten als Sozialarbeiterin. Wie werden Sie akzeptiert?

Wie werden Sie als Journalist akzeptiert? Ich sehe meinen Job als Herausforderung – aber nicht in Bezug auf meine Körpergröße. Ich habe nach meiner Diplomarbeit 2007 mehrere Bereiche in meiner beruflichen Karriere durchlaufen, bin aber noch nie wegen meiner Körpergröße angegangen worden. Es hat mir keine Türen geöffnet, aber mitunter geholfen, dass Menschen sich nicht von mir bedroht fühlten.

Wo haben Sie gearbeitet?

Ich habe in der Wohnungsverwaltung gearbeitet, in der Forensischen Psychiatrie, in einer Langzeiteinrichtung für chronisch Abhängigkeitskranke und im Jugendamt.

Das klingt nicht nach bequemer beruflicher Karriere?

Ich habe mich einfach beworben und meine Bewerbungen ohne Foto und Schwerbehindertenausweis geschickt. Nebenbei bin ich ehrenamtliche Betreuerin. Da betreue ich fünf Klienten. Mehr schaffe ich nicht.

Kennen Sie die Serie „Game of Thrones“? Der kleinwüchsige Schauspieler Peter Dinklage hat es zum Kultstatus gebracht.

Bis auf Christine Urspruch, die im „Tatort“ Münster mitspielt, mag ich keine Kleinwüchsigen im Fernsehen sehen.

Warum?

Gute Frage. Vielleicht liegt es daran, dass Kleinwüchsigkeit nicht als normal behandelt wird. Im „Tatort“ kommt es anders rüber. Und ich selbst vergesse oft, dass ich etwas kürzer bin. Erst mein Sohn mit seinen 1,75 Metern erinnert mich dann daran.

Von Roland Herold

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