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Komplette Autobahn nach Prag als Weihnachtsgeschenk – allerdings erst 2016

Verkehrsminister verspricht neuen Termin: Komplette Autobahn nach Prag als Weihnachtsgeschenk – allerdings erst 2016

Erst Zoff mit Umweltschützern, dann ein riesiger Erdrutsch bei Litochowice, wo sich eine halbe Million Kubikmeter Schlamm auf die neue Autobahn ergoss – und schließlich noch etliche Ministerwechsel. Auch nach 20 Jahren Bauzeit wird die wichtige Verkehrsader zwischen Dresden und Prag nicht fertig. Nun hat sich Verkehrsminister Ťok auf einen Termin festgelegt.

Blick auf die Autobahn D8 nahe dem nordböhmischen Bilinka. In Sachsen hat die Autobahn die Bezeichnung A17.
 

Quelle: dpa

Dresden.  Volle zwei Jahrzehnte ziehen sich die Arbeiten an der tschechischen Autobahn D8 von Prag bis zur sächsischen Autobahn 17 nun schon hin. Wiederholte Einwände von Umweltschützern und gewaltige Erdrutsche verzögerten die Bauarbeiten. Mehrere Ministerwechsel haben den Baufortschritt keineswegs beschleunigt. Nun aber legte sich der aktuelle tschechische Verkehrsminister Dan Ťok auf einen Fertigstellungstermin fest: Weihnachten soll die 93 Kilometer lange Schnellstraße zwischen Prag und der sächsischen Grenze fertig sein – allerdings erst im nächsten Jahr.

„Zu Weihnachtsbesuchen wird man bereits auf dieser Autobahn fahren können“, so Tok. „Ich habe den deutschen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrinth darüber informiert, dass wir alle notwendigen Schritte unternehmen, um die D8 in Richtung Dresden noch vor Ende 2016 feierlich zu eröffnen.“

Zwischen Zeitnot und Ausnahmezustand

Nüchtern betrachtet handelt es sich dabei lediglich um eine weitere von vielen Terminzusagen. Denn der Grundstein für die Pannenautobahn war bereits vor 30 Jahren gelegt worden, ganze zehn Jahre später drehten sich die ersten Bagger. Seither klagten Umweltschutzorganisationen gegen neuen weiteren Streckenabschnitt. Mal waren seltene Schmetterlinge oder Fledermäuse der Streitgegenstand, dann wieder das ganze Genehmigungsprozedere. Vor drei Jahren wurde Braunkohle im Baugrund gefunden, die aus Gründen der Standfestigkeit erst abgetragen werden musste.

Und im Juni 2013 verschüttete schließlich ein gewaltiger Erdrutsch die letzte Hoffnung auf ein baldiges Bauende. Nach heftigen Regenfällen war ein Hang über der Elbe abgegangen. 300 000 Kubikmeter aufgeweichtes Erdreich hatten die fast fertige Autobahn auf 300 Metern Länge unter sich begraben. Der damalige Verkehrsminister Antonin Prachar wusste sich keinen anderen Rat mehr, als den zuständigen Kreishauptmann von Usti nad Labem (Aussig) Oldrich Bubenicek (59) anzuweisen, den Notstand auszurufen.

Auch Prachar ist inzwischen abgelöst, obwohl er nicht alles falsch gemacht hat. „Ohne Ausrufung des Notstandes hätten wir mit der Fertigstellung frühestens 2020 rechnen können“, erklärte Jan Rydl der Sprecher der staatlichen Autobahndirektion.

Aufwendige Brückenbauwerke sind für die Autobahn D8 auf tschechischer Seite nötig

Aufwendige Brückenbauwerke sind für die Autobahn D8 auf tschechischer Seite nötig.

Quelle: dpa

Nun endlich soll der Abtransport der Erdmassen forciert und die Hangstabilisierung vorgenommen werden. Da sich das nach Auskunft des Bauleiters Frantisek Zukerstein als äußerst aufwendig erwies, mussten neue Genehmigungen und eine neue Ausschreibung her. Obwohl noch nicht alle Papiere komplett sind, wird der Schlamm schon abgefahren, „denn der neue Zeitplan ist eng gesteckt“, wie Direktionssprecher Rydl betont.

Noch ist alles andere als sicher, ob der übrige vier Kilometer lange Hang im Elbtal auf Dauer hält, denn genau das hatten frühere Gutachter wegen zahlreicher Wasseradern im Inneren bezweifelt. Neue geologische Erkundungen sollen das nun klären. Im Zweifelsfalle solle auch der restliche Hang stabilisiert werden. Dieses Szenario weckt auch unangenehme Erinnerungen an den Bau der sächsischen Autobahn 72 südlich von Leipzig, wo Hangrutschungen zwischen Pegau und Borna zusätzliche Befestigungen notwendig machten für monatelange Bauverzögerungen gesorgt hatten. Umweltschützer hatten für den fraglichen Streckenabschnitt auch einen 1500 Meter langen Tunnel ins Spiel gebracht, der wegen immenser Kosten aber fallen gelassen wurde.

In einer Stunde von Dresden nach Prag

Ursprünglich sollte die 137 Kilometer lange Schnellstraße zwischen Dresden und Prag bereits Ende 2005 fertig gestellt sein. Nach Schätzungen des sächsischen Verkehrsministeriums dauert die Fahrzeit zwischen beiden Metropolen anderthalb bis zwei Stunden. Nach endgültiger Fertigstellung soll die Strecke in nur einer Stunde zu schaffen sein, hieß es. Allein der Bau der 45 Kilometer langen A 17 bis zur tschechischen Grenze bei Breitenau kostete laut Bundesverkehrsministerium rund 680 Millionen Euro.

Das dürften die Tschechen bei weitem übertreffen. Auf Gesamtkosten für die knapp 100 Kilometer auf tschechischer Seite will sich noch niemand festnageln lassen. Der tschechische Rechnungshof hatte wiederholt einzelne Bauabschnitte der D8 in den Fokus gerückt, wo die Baukosten um mehr als ein Drittel höher ausfielen als ursprünglich geplant. Und noch ist kein Ende in Sicht.

Ende 2016 soll die Autobahn Dresden und Prag nur noch eine Autostunde voneinander trennen

Ende 2016 soll die Autobahn Dresden und Prag nur noch eine Autostunde voneinander trennen.

Quelle: dpa-Zentralbild

Während sich Tag für Tag tausende Autos und Trucks über eine 24 Kilometer lange Umleitungsstrecke zwischen Rehlovice (Groß Tschochau) und Lovosice (Lobositz) durch die kleinen Dörfer des böhmischen Mittelgebirges quälen und die Nerven bei den Einwohnern blank liegen, werden auf der Baustelle weiter Berge versetzt. Täglich wird Erdreich abgefahren und an Brücken und Tunneln bei Prackovice gewerkelt. Knapp 17 Kilometer fehlen noch, bevor der Transitverkehr durchgängig rollen kann.

Ob die Lücke bis Ende nächsten Jahres zu schließen ist, darüber sind die Ansichten angesichts der vielen Variablen geteilt. Im Gegensatz zum Prager Verkehrsminister Ťok will Bauleiter Zukerstein nichts mehr versprechen. Nur so viel: „Wir tun, was wir können!“

Falls der Termin diesmal gehalten werden kann, würden Dresden und Prag als bedeutende Wirtschafts- und Kulturzentren näher zusammenrücken. „Vorteile ergeben sich insbesondere aus der wesentlich schnelleren Erreichbarkeit beider Städte, aber auch der Regionen aus Sicht der Tourismuswirtschaft und des Transitverkehrs“, hob Kathleen Brühl vom sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr hervor. Eine bessere Vernetzung der böhmischen und sächsischen Industriezentren und schnelle Erreichbarkeit von Autobahnen seien insbesondere bei der Neuansiedlung von Industrie und Gewerbe ein signifikanter Standortvorteil. Die Fertigstellung der A 17 auf deutscher Seite habe vor allem zu einer Entlastung der Ortschaften entlang der Bundesstraße 170 beigetragen.

Schnellbahn soll Straße entlasten

Die Bahn ist bislang keine sonderlich attraktive Alternative für Prag-Besucher und Gütertransporte. Denn auf tschechischen Schienensträngen geht es weiter sehr gemäßigt zu. Der Verkehrsminister macht keinen Hehl daraus, dass die Entwicklung verschlafen wurde. „Einige meiner Vorgänger haben leider in Deutschland zum Ausdruck gebracht, dass die Tschechische Republik am Ausbau von Hochgeschwindigkeitsstrecken nicht interessiert sei“, bedauerte Tok und sprach von „großem Schaden“. Er strebe eine Hochgeschwindigkeitstrasse an, die von Berlin über Dresden nach Prag führt. „Wir haben nun eine der letzten Chancen.“ Die Trasse könne sowohl für den Güter- als auch für den Personenverkehr genutzt werden, um den Straßenverkehr zu entlasten. Ein längerer Bahntunnel unter dem Erzgebirge soll den Plänen zufolge Dresden in Sachsen und Ústí nad Labem (Aussig) in Nordböhmen verbinden.

Als „großen Erfolg“ sie es der tschechische Minister schon an, dass Experten seines Hauses zu Verhandlungen über den Bundesverkehrswegeplan in Berlin eingeladen wurden. Wie Ťok betonte, dürfe Tschechien kein weißer Fleck bleiben im europäischen Hochgeschwindigkeitsnetz.

Von Winfried Mahr

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