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Kurth: Die SPD verteilt bei Lehrern vergiftete Geschenke

LVZ-Interview Kurth: Die SPD verteilt bei Lehrern vergiftete Geschenke

Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth wettert im LVZ-Interview gegen den Koalitionspartner SPD. Sie sei von der politischen Kultur enttäuscht, so die 63-Jährige. Außerdem fordert sie von Lehrer, Schulleitern und Bildungsagenturen mehr Flexibilität.

Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth wettert gegen den Koalitionspartner SPD. (Archivbild)

Quelle: dpa

Leipzig. Jetzt teilt Brunhild Kurth (63, CDU) aus: Nachdem die sächsische Kultusministerin wegen des Lehrermangels heftige Kritik einstecken musste, spricht sie über vergiftete Geschenke der SPD und fordert von Lehrer, Schulleitern und Bildungsagenturen mehr Flexibilität.

LVZ : Frau Kurth, Sachsen hat ein gewaltiges Problem, Lehrer-Stellen zu besetzen – weshalb werden Interessenten dennoch weggeschickt?

Brunhild Kurth : Diese Behauptung des Koalitionspartners SPD ist schlichtweg falsch. Jeder grundständig ausgebildete Lehrer bekommt ein Angebot – aber leider nicht jeder nimmt es an. Die 1400 Stellen zu besetzen, ist ein Massengeschäft. Dass wir bei dieser Mammutaufgabe noch servicefreundlicher werden müssen, will ich nicht verhehlen. Wir schicken aber niemanden weg, sondern bieten Gymnasiallehrern, von denen sich viel mehr beworben haben als wir brauchen, einen Einsatz an Ober-, Grund- oder Förderschulen an. Ich bin auch nicht darüber glücklich, dass dies so ist. Doch das ist der aktuellen Bewerberlage geschuldet.

In den Bildungsagenturen ist die Lage aber anders: Hier müssen sich Bewerber rechtfertigen, dass sie für Gymnasien studiert haben. Weshalb werden diese jungen Lehrer nicht stärker umworben?

Wenn Bewerberlage und der tatsächliche Lehrerbedarf so weit auseinandergehen wie in diesem Jahr, mag es an mancher Stelle an Verständnis füreinander fehlen – das gilt auf beiden Seiten. Für die Bildungsagenturen ist diese Situation sehr kompliziert. Ich hoffe, dass das Einstellungsverfahren mit schulgenauen Ausschreibungen ab Herbst und Online-­Bewerbungen spätestens ab Sommer 2018 Verbesserungen bringt.

Bedingt die besondere Situation aber nicht auch besondere Maßnahmen, wie es Ihr Koalitionspartner fordert?

Die SPD hat doch den Bedarf mit dem Lehrer-Maßnahmenpaket erst noch weiter nach oben getrieben! Wenn wir der SPD-Forderung nach Absenkung der Stundenzahl von 28 auf 27 bei Grundschullehrern nicht nachgekommen wären, bräuchten wir jetzt 275 Lehrkräfte weniger. Das ist ein vergiftetes Geschenk gewesen. Oder: Ich wollte leistungsbezogene Zulagen für besonders engagierte Lehrer. Doch das hat die SPD verhindert. Es ist deshalb nicht seriös von unserem Koalitionspartner, erst das Maßnahmenpaket zu vergiften – und dann die mangelnde Umsetzung zu beklagen. Da bin ich von der politischen Kultur der SPD enttäuscht.

Können Sie sagen, wann sich eine Besserung abzeichnet?

Wir müssen erst durch ein Tal der Tränen gehen, das habe ich im vergangenen Jahr klar gesagt. Dabei haben wir die Talsohle noch nicht erreicht. Wir werden voraussichtlich bis 2020 auf Seiteneinsteiger angewiesen sein. Dass die Lehrer-Gewerkschaft diese Gruppe diskreditiert, ist enttäuschend, weil sie damit auf eine unverantwortliche Art und Weise eine Dissonanz in die Klassenzimmer bringt. Das ist keine Gewerkschaftspolitik im Sinne der Beschäftigten. Es sollte auch einmal gesehen werden, dass diese Kollegen neuen Schwung in die Lehrerzimmer und Klassen bringen können, nicht zuletzt weil sie über berufliche Erfahrungen aus der Wirtschaft verfügen.

Wenn man nach Leipzig oder Dresden schaut, werden in vielen Fällen nicht einmal die Altersabgänge ersetzt. Heißt die Konsequenz: Mehr Ausfall und Klassenzusammenlegungen?

Im zu Ende gehenden Schuljahr scheiden rund 1350 Lehrer aus. Im Gegenzug haben wir seit dem Herbst 866 Lehrkräfte eingestellt und wollen jetzt noch mal 1400 drauflegen. Wir wollen also mehr Lehrer einstellen als ausscheiden. Natürlich gibt es in den Großstädten einen Riesenbedarf. Das heißt aber nicht, dass es diesen auch sachsenweit – insbesondere an Gymnasien – gibt. Deshalb wird der Bedarf nicht allein durch Neueinstellungen, sondern auch durch Versetzungen aus ländlichen Regionen gedeckt. Auch bei Lehrern ist Flexibilität nötig, das schließt den Arbeitsort ein. Das wird von nicht wenigen Lehrern kritisch gesehen.

Ist es nicht vielmehr so, dass der Mangel gleichmäßig auf alle Schularten verteilt wird?

Die Quote der Seiteneinsteiger wird in Grund- und Oberschulen deutlich höher ausfallen als an Gymnasien. Das heißt: Die Lehrerkollegien haben einen erhöhten Betreuungsbedarf für die Neuankömmlinge. Deshalb wird es bei Gymnasien Abstriche bei ergänzenden Angeboten geben. Angesichts des angespannten Arbeitsmarktes brauchen Grund- und Oberschulen stärkere Unterstützung als Gymnasien. Ich habe darauf zu achten, dass die Schulen einigermaßen gerecht ausgestattet sind.

Es fällt immer mehr Unterricht aus, Hunderte Stellen sind nicht besetzt – wachen Sie nachts mit Albträumen auf?

Ich wache nicht mit Albträumen auf. Natürlich gibt es sehr intensive Gespräche mit den Schulleitern. Es kann durchaus sein, dass zu Schuljahresbeginn Lehrkräfte noch nicht an Bord sein werden, weil sie erkrankt sind, Nachwuchs erwarten oder überraschend wieder gekündigt haben. Das erleben wir jedes Jahr. Deshalb wünsche ich mir von Schulleitern und auch Eltern mehr Flexibilität und Kreativität. Wenn kein Lehrer vorhanden ist, müssen die Stunden um einige Wochen oder Monate verschoben und durch andere Fächer belegt werden. Ein Beispiel: Fehlt ein Mathematiklehrer, werden eben die vier Wochenstunden in Biologie und Deutsch aufgeteilt – ist dieser Mathelehrer dann vorhanden, werden die beiden anderen Fächer zugunsten von Mathe gekürzt. Es wird ja nicht jede Woche der Bildungsstandard abgefragt, sondern erst am Ende eines Schuljahres.

Theoretisch ist das heute schon möglich.

Natürlich, aber diese Möglichkeit wird nicht häufig genug angewendet. Ich würde mir weniger Hektik und Dramatisierung wünschen und mehr Engagement und Verständnis. In anderen Bundesländern wird das ganz anders gesehen. Veränderungen sind in Sachsen leider nur schwer durchzusetzen, das betrifft Schulen genauso wie Bildungsagenturen. Statt einer Lösungssuche bleibt es oft beim Beharren auf Problemen.

Interview: Andreas Debski

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