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Leipziger Historiker kritisiert Einheits-Kritiker

Interview zu 25 Jahren Wiedervereinigung Leipziger Historiker kritisiert Einheits-Kritiker

Die Menschen in der DDR haben Geschichte geschrieben. Das sagt der Historiker Günther Heydemann (65). Der Geschichtsprofessor von der Universität Leipzig und Direktor des Hannah-Arendt-Instituts Dresden fordert zugleich: Ost- wie Westdeutsche sollten die Einheit positiver sehen.

Porträt von Prof. Dr. Günther Heydemann im Geisterwissenschaftslichen Zentrum (GWZ) in Leipzig.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Die Menschen in der DDR haben Geschichte geschrieben. Das sagt der Historiker Günther Heydemann (65). Der Geschichtsprofessor von der Universität Leipzig und Direktor des Hannah-Arendt-Instituts Dresden fordert zugleich: Ost- wie Westdeutsche sollten die Einheit positiver sehen. Im Interview blickt Heydemann auf 25 Jahre Wiedervereinigung.

Was ist vom Herbst 1989 heute übrig?

Heydemann: Zunächst ist die Friedliche Revolution von 1989/90 im Vergleich zu 1848/49 und 1918/19 – die erfolgreichste in der deutschen Geschichte. Nicht nur, weil sie ein diktatorisches Regime gestürzt hat, sondern auch weil sie gewaltlos war und es keine Opfer gab. Zweitens: Der Herbst 1989 hat für Ostdeutschland die Freiheit gebracht und dadurch auch die Einheit für alle Deutschen. Und drittens: Die Staatsform Demokratie, nicht zuletzt auch die bundesdeutsche Demokratie, ist durch diese Revolution noch einmal bestätigt worden. Das schließt auch die soziale Marktwirtschaft ein, die nicht mit simplem Kapitalismus in eins gesetzt werden sollte. Die Menschen in der DDR haben damit etwas eingebracht, was für die deutsche Geschichte fundamental ist und bleiben wird, genauso wie für die europäische und internationale Geschichte.

Das scheint nicht überall so gesehen zu werden. Ein Beispiel: Laut aktuellem Jahresbericht der Bundesregierung sind 77 Prozent der Ostdeutschen mit der Einheit zufrieden – aber nur 62 Prozent der Westdeutschen.

Das sind ja auch keine schlechten Zahlen. Zweifellos hat man aber in den Altbundesländern in den letzten Jahren registriert, dass dort eine Reihe von notwendigen Modernisierungen unterblieben ist, weil enorme Investitionen berechtigterweise in die neuen Bundesländer flossen. Wir sind hier inzwischen tolle Autobahnen gewohnt, doch wenn man zum Beispiel im Ruhrgebiet unterwegs ist, sieht das oft nicht so gut aus. Sicher gibt es auch das Vorurteil „Wir haben die finanziert“. Das stimmt natürlich so pauschal nicht, denn auch im Osten wurde und wird der Soli bezahlt. Trotzdem sollte man solche Stereotypen nicht völlig überhören.

Wie lässt sich diesen Stereotypen entgegenwirken?

Indem man immer wieder den komplizierten Entwicklungsprozess der Wiedervereinigung klarmacht. Die Euphorie darüber hat sich übrigens im Westen viel länger gehalten als im Osten, wo bald die ersten Frustrationen eingetreten sind, da für nicht wenige Menschen die soziale und wirtschaftliche Situation zunächst schlechter wurde, teilweise jahrelang. Heute ist es so, dass der Osten im Bundesvergleich ökonomisch zwar immer noch hinterher hinkt, aber einzelne Stadtregionen – zum Beispiel Leipzig, Dresden oder Jena – schon vor einigen westdeutschen Regionen rangieren.

„Das Bewusstsein, was geleistet wurde, ist unterentwickelt“

Die Vorurteile und Klischees haben sich dennoch verfestigt, wie unter anderem Studien an der Universität Leipzig zeigen.

Natürlich ist es viel leichter, von arroganten Wessis und doofen Ossis zu sprechen, als sich tatsächlich mit den realen Problemen zu beschäftigen. Da helfen keine Sonntagsreden, sondern da ist jeder Einzelne gefragt. Ich habe relativ lang im Ausland gelebt und noch heute viele internationale Kontakte – auf der ganzen Welt wird die Wiedervereinigung als Wunder gewürdigt, nur bei uns in Deutschland wird gerne alles kleingeredet. Ein italienischer Kollege sagte mir einmal: Es ist unglaublich, was ihr Deutschen in wenigen Jahre zustande gebracht habt – und seid immer noch nicht zufrieden. Wir versuchen schon seit 600 Jahren Nord- und Süditalien zusammen zu bringen - erfolglos ! Das Bewusstsein, was in 25 Jahren geleistet wurde, ist sowohl unter den Ost- als auch unter den Westdeutschen unterentwickelt.

Ist das eine typisch deutsche Eigenart: Wir machen uns selbst klein?

Ja, ich habe schon den Eindruck, dass wir eher zum Kritisieren neigen, als auch mal etwas anzuerkennen und dankbar zu sein. 1989 habe ich die Entwicklungen in der DDR von London aus mit heißem Herzen verfolgt, konnte mir aber nicht vorstellen, dass es in absehbarer Zeit zu einer Wiedervereinigung kommen würde, weil es einfach unrealistisch erschien, dass die Sowjetunion die DDR mit ihrer hohen Industrialisierung aus der Hand geben würde, von strategischen Gründen ganz zu schweigen, schließlich waren 370.000 sowjetische Soldaten bis 1993 hier. Und es ist trotzdem zur Wiedervereinigung gekommen.

Zur Person

Günther Heydemann (65) ist seit 1993 Professor für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Leipzig. Zudem wurde der gebürtige Bayer vor sechs Jahren zum Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung Dresden berufen. Schon während des Studiums hatte Heydemann sein Lebensthema gefunden und bereits 1980 den Ernst-Richert-Preis für DDR- und vergleichende Deutschlandforschung erhalten – daran hat sich seither kaum etwas geändert. Gemeinsam mit Karel Vodicka hat der Leipziger Zeithistoriker zuletz den Band „Vom Ostblock zur EU. Systemtransformationen 1990 bis 2012 im Vergleich“ herausgegeben. Heydemann ist ein gefragter Experte, er sitzt unter anderem im Wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Historischen Museums Berlin und ist im Vorstand der Gesellschaft für Deutschlandforschung.

Wenn Sie die Entwicklung in Osteuropa und die der ehemaligen DDR vergleichen – wo sehen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Ostdeutschland hatte mit der Bundesrepublik den „Big Spender“, und das nicht nur finanziell und ökonomisch, sondern auch politisch. So konnten die Strukturen der Bundesrepublik weitgehend übernommen werden, während in anderen Staaten erst neue Regierungs- und Verfassungssysteme installiert werden mussten. Auch der wirtschaftliche Aufschwung konnte durch die enormen Investitionen deutlich schneller vorankommen. Gleichwohl haben auch die osteuropäischen Länder, vor allem seit sie 2004 und 2007 Mitglieder der EU wurden, große Fortschritte gemacht und erzielen hohe Wachstumsraten.

In Osteuropa gab es allerdings nicht diese Massenabwanderung.

Die Arbeitsmigration aus Polen, Rumänien oder Bulgarien war auch nicht gering. Die Binnenwanderung von Ost- nach Westdeutschland oder anderswo war freilich mit 1,8 Millionen, vor allem jungen Menschen, noch höher. Hinzu kam für die ersten zehn Jahre ein absolutes Absinken der Geburtenrate mit 0,77 Kinder pro ostdeutscher Durchschnittsfrau. Inzwischen ist zwar die Ost-West-Wanderung von einer Land-Stadt-Bewegung abgelöst worden, auch liegt der Osten bei den Geburtenraten sogar vor dem Westen, doch in der Demografie lassen sich solche Ausfälle nicht mehr kompensieren. Insofern kann man die demografische Entwicklung in Ostdeutschland – sprich, das Altern der dortigen Gesellschaft und der Bevölkerungsschwund vor allem in ländlichen Regionen – als ein Labor für Gesamtdeutschland ansehen.

Der Osten steht als Exempel für die Entwicklung des Westens in den nächsten Jahren?

In gewisser Weise: Ja. Laut demografischen Analysen bilden die neuen Länder bereits zehn Jahre früher die demografische Entwicklung in Westdeutschland ab, wobei man allerdings hinzufügen muss, dass der Westen dichter bevölkert ist.

„Für die Treuhand werden wir weltweit bewundert“

Der Jahresbericht der Bundesregierung zur Deutschen Einheit besagt auch, dass der Osten seit Jahren gegenüber dem Westen nicht mehr aufholen kann. Wurde vielleicht doch nicht alles richtig gemacht?

Natürlich ist man im Nachhinein immer klüger. Vor allem sind es Strukturprobleme: Ost-Betriebe sind überwiegend kleinteilig, dadurch werden weniger Arbeitsplätze geschaffen. Hinzu kommt, dass manche Firmen kapitalschwach sind, was durchaus verständlich ist. In 25 Jahren konnte kaum ein entsprechender Kapitalstock, wie ihn die meisten westdeutschen Firmen über Generationen haben, gebildet werden. Das ist im Übrigen  auch eine Spätfolge der Verstaatlichung der letzten halbprivaten Betriebe 1971/72 durch Erich Honecker. Entsprechend fallen Investitionen geringer aus, ebenso der Anteil von Forschung und Entwicklung. Ein entscheidender Nachteil ist natürlich auch, dass nicht ein einziger Konzern in Ostdeutschland seine Zentrale hat; deren Steueraufkommen käme dann den Regionen hier zu Gute, und nicht München, Hamburg oder sonstwo im Westen.

Stichwort: Treuhand. Ist da nicht mehr zerschlagen als aufgebaut worden?

Es gibt gerade in Ostdeutschland die weit verbreitete Meinung, die Treuhand sei eine Ansammlung von Kriminellen gewesen. Das geht völlig an der tatsächlichen Aufgabe und Leistung der Treuhand vorbei. Es hat in der Treuhand 15.000 Großverfahren gegeben, dazu 25.000 kleine Privatisierungen und 4000 Reprivatisierungen. Bei all dem sind fünf bis sechs Prozent kriminelle Machenschaften aufgetreten, die wiederum in 1500 Ermittlungsverfahren aufgearbeitet wurden. Natürlich ist jedes kriminelle Vorgehen eines zu viel, doch wenn man das im Verhältnis sieht, ist das nur ein kleiner Teil. Für die Einrichtung der Treuhand werden wir übrigens weltweit bewundert, weil sie die ostdeutsche Wirtschaft tatsächlich wieder wettbewerbsfähig gemacht hat. Inzwischen kann nahezu jedes Produkt, das hier hergestellt wird, auf dem internationalen Markt bestehen.

Bei vielen Menschen ist eine andere Botschaft angekommen, auch in Bezug auf die Marktwirtschaft.

Natürlich ist die Treuhand auch deshalb in Ostdeutschland in Misskredit geraten, weil mit ihrem Wirken Massenarbeitslosigkeit verbunden war. Und wir wissen auch, dass es spätestens ab 1992 viele Menschen gab, die nie wieder in den Arbeitsprozess gekommen sind, da sie zu alt oder zu wenig qualifiziert waren. Subjektiv hat sich damit die Meinung in Ostdeutschland verfestigt, dass der Kapitalismus für die Arbeitslosigkeit verantwortlich war. Dass es in der DDR aber eine hohe, verdeckte Arbeitslosigkeit, nämlich zu viele Arbeitskräfte für zu wenig Arbeit gegeben hat, wird gern übersehen. Man darf auch nicht vergessen, dass sehr viel Geld bezahlt wurde, um die Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren nicht noch höher steigen zu lassen. Insgesamt waren es 300.000 ABM-Maßnahmen, 600.000 Vorruhestands-Regelungen, 300.000 Fortbildungen – das wurde getan, damit diese Menschen eine Perspektive erhielten. Auch das sollte man bedenken, wenn man vom Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft spricht und auf den Kapitalismus schimpft.

Am Sonnabend werden wieder viele Reden gehalten. Eine Botschaft, das ist schon klar, wird lauten: Die Ostdeutschen sollten optimistischer sein. Teilen Sie diese Meinung?

Die subjektive Selbsteinschätzung ist oft zu pessimistisch, natürlich abgesehen von denen, die keine Arbeit haben, das muss man ebenfalls klar sagen. Insgesamt hat sich die Lebenssituation jedoch enorm verbessert, auch wenn hier nur 80 Prozent der Westlöhne verdient werden; allerdings sind die Lebenshaltungskosten im Osten auch niedriger als im Westen. Ebenso liegt hierin auch ein nicht zu unterschätzender Wettbewerbsvorteil. Porsche und BMW wussten schon, wo sie neue Produktionsstätten aufbauen.

„Integration muss auch von uns selbst bewerkstelligt werden“

Im Zusammenhang mit der Ablehnung von Asylbewerbern wird auch immer wieder auf Demokratiedefizite in Ostdeutschland verwiesen. Ist die Fremdenfeindlichkeit auch eine Nachwirkung der DDR?

Ich denke schon. Denn zu DDR-Zeiten hat man die Gastarbeiter aus Vietnam und Mocambique und von anderswo letztlich in ghettoähnlichen Wohnsiedlungen gehalten; die Bevölkerung hatte kaum Gelegenheit, mit ihnen zusammenzutreffen. Jetzt kommen Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen und Traditionen. Massive Abwehrreaktionen bis hin zu kriminellen Übergriffen seitens einer Minderheit sind in erschreckenden Maße passiert, doch die Mehrheit unserer Gesellschaft denkt positiv. Klar ist ebenfalls, dass die immense Aufgabe der Integration in den nächsten Jahren eine beiderseitige ist. Sie muss nicht nur von denen bewerkstelligt werden, die kommen, sondern auch von uns selbst.

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