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Leipziger Modellprojekt integriert behinderte Kinder

Leipziger Modellprojekt integriert behinderte Kinder

Behinderte Kinder lernen gemeinsam mit "normalen" Kindern an einer Schule - in der Carl-von-Linné-Grundschule im Leipziger Stadtteil Eutritzsch ist diese sogenannte Inklusion bereits Realität.

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Gemeinsam lernen: Yannic und Lena helfen Etienne.

Quelle: André Kempner

Die Bildungsstätte verwirklicht mit der Lindenhofschule für geistig Behinderte integrativen Unterricht. Auch bei einem neuen Pilotprojekt für gemeinsames Lernen nach der vierten Klasse wollen beide Schulen mitmachen.

Herrlicher Sonnenschein. Justins Blick geht zum Fenster. Jetzt draußen spielen, das wäre sicher schöner als hier im Deutschunterricht, oder? Weit gefehlt! Justin sitzt gerade, vor sich sein Leseblatt. Mit einem breiten Lächeln blickt er auf den ersten Buchstaben und zeigt ihn mit Hilfe der Gebärdensprache an. Weiß er mal nicht weiter, helfen seine Banknachbarn Marlene und Jason weiter. Als er die erste Reihe fehlerfrei wiedergibt, malt Marlene an den Rand der Spalte einen grünen Punkt. Das Lächeln von Justin, das folgt, gleicht dem der Sonne.

Auch Etienne müht sich. Dieser eine Buchstabe da auf dem Blatt will einfach nicht aus seinem Mund. An seiner rechten Seite steht Yannic bereit und an der linken Lena. Yannic zeigt den Buchstaben in Gebärdensprache. Etienne schaut und sagt leise: "D?". "Gut", lobt Lena, "und weiter!", spornt sie ihn sogleich an. Nun müssen jeweils drei Schüler nach vorn und gemeinsam den anderen einen Begriff erklären - in Gebärdensprache. Yannic, Lena und Etienne machen den Anfang. Jeder gebärdet in seinem Tempo. "Habt ihr es erraten?", fragt Förderschullehrerin Daniela Olschewski. Kopfschütteln der Anwesenden. "Dann noch mal, achtet auf eure Mitstreiter, seid ein Team!" Im zweiten Anlauf harmonieren sie, schauen sich an, zeigen langsam die Buchstaben vor. "Habt ihr es jetzt erraten?" Marlene gibt die Antwort: "Sonne."

Diese Schulstunde ist eine ganz gewöhnliche im Alltag der U1A - einer ersten Klasse der Carl-von-Linné-Grundschule. Die Schüler sitzen jeweils zu dritt in einer Bankreihe, sie bilden das sogenannte Molekül - sieben gibt es davon. Eine Grundschul- und eine Förderschullehrerin suchen immer den direkten Kontakt zu den Schülern. Sie gehen reihum, geben dem Dreier-Gespann neue Impulse und lassen sie selbstständig agieren. An jedem der Tische sitzen ein Schüler der Lindenhofschule und zwei der Grundschule.

Das Lehrerteam arbeitet seit 13 Jahren fließend Hand in Hand. Denn seither gibt es den integrativen Unterricht der Grundschule zusammen mit der Lindenhofschule, einer Förderschule für geistig Behinderte. Von der ersten bis zur vierten Klasse werden Schüler beider Schularten gemeinsam unterrichtet und unternehmen Außerschulisches. "Ziel ist, die Schüler selbstständig zu machen und ihnen Lernstrategien in die Hand zu geben", erklärt Grundschullehrerin Birgit Herzog. Dafür werden die Moleküle aller 14 Tage gewechselt, damit jeder mit jedem zusammenarbeitet und so die Stärken und Schwächen des anderen kennenlernt.

Beatrice Uhle, Leiterin der Lindenhofschule, kämpft seit Jahren für die Weiterführung des integrativen Unterrichts. Bislang hörte in Sachsen nach der vierten Klasse die Integration von Kindern mit den Förderschwerpunkten Lernen und geistige Entwicklung auf. Nun ist sie mehr als begeistert, dass er in der Sekundarstufe 1 fortgeführt werden soll. "Das Sächsische Staatsministerium für Kultus startete 2012/13 den Schulversuch 'Inklusive Beschulung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf'", sagt Roman Schulz, Sprecher der Sächsischen Bildungsagentur, Regionalstelle Leipzig (SBAL). Ziel sei die Weiterentwicklung der Inklusion. So gehe Sachsen jetzt einen besonderen Weg. "In ausgewählten Modellregionen werden nun Möglichkeiten und Wege zur inklusiven Bildung und Erziehung erprobt", erklärt Lutz Kleinschmidt, SBAL-Referatsleiter für Grund- und Förderschulen. Der Schulversuch wird von dem Verein Landesarbeitsstelle Schule-Jugendhilfe Sachsen begleitet, von der SBAL koordiniert und von der Universität Leipzig wissenschaftlich untersucht. An diesem Versuch sind ab dem Schuljahr 2013/14 die 68. Mittelschule, die Carl-von-Linné-Grundschule sowie die Lindenhofschule beteiligt.

Alle Schüler der U1A sind im Lese- und Schreibprozess, es wird auf dem Niveau gearbeitet, auf dem sich die Schüler befinden. Unterschiedliche Hilfsmittel tragen diesem leistungsdifferenzierten Unterricht genauso Rechnung, wie der offene und flexibel gestaltete Unterricht. "Es ist eine Herausforderung für die Lehrer, differenziert zu arbeiten, um den Leistungen der Einzelnen gerecht zu werden. Aber die beiden sind als Team zusammengewachsen", erklärt Heike Händel, Leiterin der Grundschule.

Auch Cornelia Hanf kann nur Positives über den integrativen Unterricht berichten. Ihre Tochter Charlotte hat das Downsyndrom und die erste bis vierte Klasse der Grundschule mit durchlaufen. "Es wäre für uns hart gewesen, sie an eine Förderschule zu schicken, wo sie nur Kontakt zu Förderschülern hat. Jeder weiß, dass Kinder am besten durch Nachahmen lernen." Charlotte sei ein aufgeschlossenes Mädchen, das den Kontakt zu Menschen nicht scheut. "Jedes Stück Normalität ist wertvoll."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.03.2013

Nannette Hoffmann

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