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Leipziger Paar sticht mit Sea-Watch zur Rettung von Flüchtlingen in See

Vom Geretteten zum Retter Leipziger Paar sticht mit Sea-Watch zur Rettung von Flüchtlingen in See

Dirk Scholz aus Großpötzschau bei Leipzig wäre bei einem Segeltörn beinahe ertrunken. Nur einer dramatischen Rettungsaktion verdankt er sein Leben. Nun sticht der 51-Jährige mit seiner Lebensgefährtin selbst in See, um beim Projekt Sea-Watch im Mittelmeer Flüchtlinge zu retten.

Dirk Scholz und seine Lebensgefährtin Anita Hertel sind auf dem Weg nach Lampedusa, um beim Projekt Sea-Watch im Mittelmeer Flüchtlinge zu retten.

Quelle: Sea-Watch / Privat

Leipzig/Lampedusa. In Windeseile läuft das Boot voll, Welle um Welle verleibt sich das Meer gefräßig die Jolle ein. Ein Geschehnis, förmlich aus dem Nichts, bei strahlendem Sonnenschein. Den Notruf kann Dirk Scholz gerade noch absetzen, bevor er sich von seinem Handy trennen muss, um sich besser an seinem Seesack festklammern zu können. Der Hubschrauber, der in der Nähe des Schiffbrüchigen kreist, dreht wieder ab. „Diese schwarze See, diese Bitternis, die da hoch kommt, die träume ich heute noch manchmal“, beschreibt der 51-Jährige aus Großpötzschau bei Espenhain (Landkreis Leipzig), der auf der Nordseeinsel Wangerooge ein Jugendgästehaus leitet. Als es den gebürtigen Hallenser, der seit seiner Kindheit segelt, immer weiter aufs Meer hinauszog, glaubte auch er nicht mehr wirklich an seine Rettung.

Zehn Monate liegt dieser Moment zwischen Hoffen und Bangen bereits zurück. Einer, den in den salzig-bitteren Wassermassen der Nord- und Ostsee im vergangenen Jahr 55 Menschen durchlebt haben. So viele wurden von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger aus akuter Seenot befreit. Dirk Scholz gehört zu ihnen. Zum Vergleich: Allein der ehemalige Fischkutter Go 46, hat im vergangenen Monat knapp 700 Menschen das Leben gerettet – im Mittelmeer. Dort wo Kreuzfahrtschiffe, Tanker, Containerfrachter und etliche Militärboote das Wasser verdrängen. Dort, wo Flugzeuge und Hubschrauber zig Staaten patrouillieren. Dort, wo die letzte Hoffnung verfolgter, desillusionierter und ausgemergelter Menschen aus Afrika ein völlig überfülltes Schlauchboot an der Küste Libyens ist.

Rettungsmission auf hoher See: Die Sea-Watch patrouilliert im Mittelmeer zwischen Malta und Libyen, um Flüchtlinge in Seenot zu helfen. Seit dem 20. Juni wurden bereits 700 Menschen in Sicherheit gebracht. Fotos: Ruben Neugebauer

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1900 Flüchtlinge sind in dem türkisfarbenen Wasser, in dem Millionen Europäer während der Urlaubszeit planschen, allein in diesem Jahr umgekommen. So lautet die offizielle Zahl der Vereinten Nationen. Das Mittelmeer als Friedhof. Wie kann das sein? Das fragt sich auch Dirk Scholz. „Ich fühle mich in eine Zeit versetzt, in der es das Gebot der Seenotrettung noch nicht gab, vor 150 Jahren“, holt er aus. „Man darf Menschen nicht einfach so ertrinken lassen.“ Vor jeder Küste existiert eine Zone, die die entsprechende Nationalität als Hoheitsgebiet erachtet, dort gilt das Seenotrettungsgebot als staatliche Pflicht. „Irgendwie scheint das im Mittelmeer, am Rande Europas nicht mehr zu gelten“, stellt der 51-Jährige fest. In der Regel nennt jedes Land am Meer eine 200 Meilen-Zone sein Eigen. Bei der europäischen Grenzsicherungs-Mission Triton wurde zuerst von einer 30-Meilen-Zone gesprochen. Abschottung statt Hilfe? Immerhin wurde die Grenze Ende April auf 138 Seemeilen erweitert. In internationalen Gewässern dagegen hat zu helfen, wer das Rettungssignal empfängt.

Und genau dort setzt der alte Fischkutter Go 46 an, zu dem Dirk Scholz auf dem Weg ist. Spätestens am Montag wird er mit diesem und Teil der achtköpfigen Crew von der italienischen Insel Lampedusa in See stechen. Denn der völlig auf links gekrempelte Fischkutter Go 46 heißt mittlerweile Sea-Watch. Seit dem 20. Juni ist er als Rettungsboot im Mittelmeer im Einsatz. Aus einer Privatinitiative von Harald Höppner heraus. Einem 41-jährigen Brandenburger, der sich die Diskussionen der europäischen Amtsträger über Menschenleben und Asyl-Schacherei nicht mehr mit anhören konnte. Mit seinem Vermögen und Geld von Freunden kaufte Höppner den alten Fischkutter in den Niederlanden und baute ihn mithilfe zahlreicher Helfer in Hamburg zu einem Rettungsboot um. Zu den 60.000 Euro für den Kahn kamen 60.000 für die Bordtechnik. Mitsamt der Schwimmwesten, Rettungsinseln und medizinischem Material dürfte das Budget derzeit bei gut 200.000 Euro liegen. Das glaubt zumindest Ruben Neugebauer. Ein Fotograf, der eigentlich nur über das Projekt berichten wollte. Den aber die Idee nach dem ersten Törn so überzeugt hatte, dass er sich fortan um die Medienarbeit kümmerte. So wie alle bei dem Projekt, ehrenamtlich.

Dazu zählt in den kommenden zwei Wochen auch Dirk Scholz mit seiner Lebensgefährtin Anita Hertel. Die 49-jährige gebürtige Leipzigerin, die das Landwirtschaftsschulheim in Dreiskau-Muckern leitet, wird sich an Bord des Schiffes um das Wohl der Crew kümmern. Scholz wird als Skipper die Mannschaft auf Trab halten und den Kahn steuern. Erfahrung hat er genug, den Hochseeschiffer-Schein seit 1981. Im Jahr steuert er in der Regel drei große Yachten mit sechs bis zwölf Leuten an Bord. „Meine Aufgabe als Schiffsführer ist es, ein Team aus den Leuten zusammenzuschweißen, schnellstmöglich“, erklärt der Großpötzschauer. „Das ist wie beim Bergsteigen, wenn es über die 4000er-Marke geht, dort fängt die Todeszone an. Ein Areal, wo jeder überlegen muss, was er tut. So ist es auch auf dem Schiff. Jeder hat eine Rolle. Das ist wie bei einem Handwerk. Die muss sitzen.“

Seit mehreren Monaten bereiten er und die Crew sich auf den Törn vor. Täglich haben Scholz und die Leute von Sea-Watch miteinander telefoniert. Ein Treffen der Kapitäne in Berlin gab es auch. Beworben hatte sich Scholz wie jeder andere auch, per Formular auf der Homepage der Retter. Im Fernsehen war er darauf aufmerksam geworden. Bereits Anfang Juni bimmelte das Telefon. Seitdem stehen die Zeichen auf Kurs Lampedusa. „Mir ist wirklich egal, wie sich die Flüchtlingsproblematik klärt. Aber Menschen in Seenot lässt man nicht ertrinken“, sagt Scholz, sicher nicht nur, weil er es am eigenen Leib durchlebt hat.

Schutzengel und Lebensretter im Mittelmeer

Es sind die Bilder von umhertreibenden Booten, überfüllt von ausgemergelten Menschen, die aus den Krisenherden Afrikas geflohen sind, um über das Mittelmeer das rettende Ufer Europas zu erreichen. Aber auch die gewollte oder ungewollte Tatenlosigkeit, kurz gesagt die gelebte Willkommenskultur der Europäischen Staatengemeinschaft, die private Organisationen zur Hilfe bewegt haben. Drei an der Zahl wollten nicht mehr wegschauen, sondern einen aktiven Beitrag auf hoher See leisten. Neben Ärzte Ohne Grenzen sind das Sea-Watch (Deutschland) und Migrant Offshore Aid Station (Moas, Malta).

Etwa 67.500 Bootsflüchtlinge haben dieses Jahr die Küste Italiens erreicht. Griechenland zählte im gleichen Zeitraum rund 68.000 Menschen. Die Mehrheit von ihnen stammt aus Syrien. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) geht davon aus, dass im vergangenen Jahr mindestens 3400 Männer, Frauen und Kinder im Mittelmeer gestorben sind und das, obwohl im Jahr 2014 das italienische Seenotrettungs-Programm „Mare Nostrum“ noch aktiv war. Dieses Jahr sind bereits 1900 Menschen im Mittelmeer bei der Flucht ums Leben gekommen.

Bei ihren Hilfseinsätzen müssen sich die Lebensretter immer öfter den Vorwurf gefallen lassen, Schleusern ihre Arbeit zu erleichtern. Dem widersprechen die Hilfsorganisationen, Stiftungen und Vereine entschieden. Sie sehen die Politik in der Pflicht, ihre Willkommenskultur mit einer Strategie und Maßnahmen zu untermauern. Etwa legale Wege und sichere Migrationswege nach Europa.

Der Such- und Rettungseinsatz von Ärzte ohne Grenzen hat im Mai begonnen. Bis Ende Oktober wird die humanitäre Organisation mit mehreren Rettungsschiffen zwischen Afrika und Europa kreuzen. Im Gegensatz dazu fokussieren Moas und Sea-Watch ihre Arbeit auf das Aufspüren von Flüchtlingsbooten, um als Ersthelfer die Seenotrettung zu beschleunigen. Dabei geht die maltesische Privat-Stiftung von Christopher und Regina Catambrone, dank des eigenen monetären Hintergrundes, deutlich professioneller zu Werke. Moas läuft mit einem 40 Meter langen Schiff aus und kann dabei auf eine feste Crew von 17 Rettern und Notärzten zählen. Deren Arbeit wird von Maltas ehemaligem Verteidigungsminister Martin Xuereb koordiniert.

Die Sea-Watch ist seit dem 20. Juni vor Lampedusa im Einsatz. Am Montag startet die vierte Crew den vierten Törn. Acht Personen werden an Bord des 98 Jahre alten und vom Fischkutter zum Rettungsboot umgebauten Schiff zehn bis zwölf Tage zwischen Malta und Libyen patrouillieren. Ideengeber und Umsetzer der See-Watch ist Harald Höppner. In gut einem Monat haben er und seine Mitstreiter sieben Boote mit circa 700 Menschen im Mittelmeer gerettet. Der Einsatz ist auf sieben Monate ausgelegt. Finanziert wird die Aktion über Spenden. Sea-Watch ist ein eingetragener Verein, der die Gemeinnützigkeit beantragt hat.

Private Organisationen, die im Mittelmeer Leben retten:

Ärzte Ohne Grenzen
Migrant Offshore Aid Station
Sea-Watch

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