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Luxusschmuck statt Tassen - Strategie der Porzellan-Manufaktur Meissen geht auf

Luxusschmuck statt Tassen - Strategie der Porzellan-Manufaktur Meissen geht auf

Meißen. Die Neuausrichtung der Porzellan-Manufaktur Meissen scheint langsam aufzugehen - mit teuren Klunkern statt Zwiebelmuster-Service.

2012 stockte der Staatsbetrieb erstmals seit Langem Personal auf. Dennoch bleibt der Weg des Staatsbetriebs zum europäischen Luxus-Label umstritten. Fans und Sammler fürchten, das heilige Image des Hauses werde mit modischem Blingbling verramscht.

Dabei kann von Ramsch keine Rede sein. Das günstigste Stück der Meissener Schmucklinie kostet 870 Euro - ein Ring mit weißen Blüten. Er ist das unterste Ende der Preisskala, die ganz oben bei Halsbehang im Wert eines Mittelklassewagens endet. Für Porzellan-Enthusiasten ist das schwer zu verkraften. Sie müssen damit leben, dass Meissener Geschichte jetzt weit jenseits der Albrechtsburg geschrieben wird.

Zum Beispiel in New York, wo Ende Februar die Werbefotos für die neue Brautschmuck-Kollektion entstanden. Die hängt, wie auch die vorherige, auf klassisch schwarz-weißen Fotos am Hals von Sharam Diniz - einem der schönsten und berühmtesten Hälse der Modeszene. Das portugiesische Supermodel hat schon für Cartier und Burberry Schmuck präsentiert. Das ist die Liga, in die der Staatsbetrieb Porzellan-Manufaktur Meissen will.

Sehr teuer, sehr schickimicki, aber mit der Geschmackssicherheit von 300 Jahren Luxustradition. Klingt so, als könnte es klappen. Hat aber ein paar Haken. In dieser ersten Liga sind die Konkurrenten viele, die Kunden verwöhnt und Preisschilder unüblich. Werbung verschlingt viel Geld und es dauert, um eine Marke aufzubauen. Die "Villa Meissen" in Mailands Top-Einkaufsstraße war vor zwei Jahren nicht mal eröffnet, da gab es zu Hause in Meißen schon Zoff. 350 Quadratmeter Verkaufsfläche in einem Palazzo aus dem 16. Jahrhundert. Eine Million Euro kostete der Showroom im Hinterhof der Via Montenapoleone. Diese Investition zu Hause in Sachsen zu begründen, war ein Kraftakt für den ohnehin umstrittenen Geschäftsführer Christian Kurtzke. Der sieht die Marke als internationales Luxus-Label, "elegant, kosmopolitisch und innovativ".

Mit Zahlen hält sich das Haus zurück. Unternehmenssprecher Thomas Kleiber betont aber, dass die Joaillerie die Umsatzeinbußen beim Porzellan in den letzten zwei Jahren auffangen könne. 2012 hat das Unternehmen am Stammsitz in Meißen 30 Mitarbeiter eingestellt. 2010 musste ein Drittel der Belegschaft gehen, die verbliebenen 600 Mitarbeiter erklärten sich zu Lohneinbußen bereit. Aktuell arbeiten laut Kleiber 634 Leute für Meissen in Meißen. Darunter erfahrene Verkaufs-Experten aus der Luxus-Branche, wie der kürzlich verpflichtete Achim Bornhäußer, vormals Manager beim Porzellan-Hersteller Rosenthal.

Dennoch sind die Ängste groß rund um das Traditionshaus. Mitarbeiter, Sammler, Fans und eine von den Meißner Linken organisierte Bürgerinitiative sehen die vom smarten 44-jährigen Geschäftsführer eingeleitete Zukunft skeptisch. Im Oktober 2010 zerdepperten Mitarbeiter mitten in der Nacht palettenweise unverkäufliches Tafelporzellan. Kurtzke und der Aufsichtsrat hatten den Polterabend befohlen. Denn die neue Markenstrategie ist rigoros und lässt keinen Platz für minderwertige Produkte Andere Wege aber sind nicht in Sicht. 200 Jahre lang schmückten die Teller, Tassen und Tafelaufsätze die Tische der Kurfürsten und Könige. Heute investiert der Privatmann in alles Mögliche, aber nur noch selten in ein 24-teiliges Meissener Kaffee-Service im Wert von über 2000 Euro.

Für die Manufaktur ein Existenz-Problem. Sie sitzt auf einem Hausschatz an Formen und Mustern aus drei Jahrhunderten, auf einem eigenen Kaolin-Bergwerk - und hat einen massiv geschrumpften Kundenkreis. Seit 2000 ist der Umsatz eingebrochen, von 42 Millionen auf nur noch 31,5 Millionen acht Jahre später.

Der Schwenk zum Schmuck liegt nahe, denn das Formenarchiv der Manufaktur liefert allerlei Grundmuster, von Blumendekoren bis hin zu Edel-Nippes wie Äffchen und Möpse. Die gehen jetzt über auf Colliers, Anhänger oder Carré-Tücher - und leisten dort die Brotarbeit fürs Porzellan.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.03.2013

Christine Keilholz

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